Gesundheit : Ausländische Studenten: Der Bildungsmarkt ist auf Amerika fixiert

Uwe Schlicht

Die Technische Universität Hamburg-Harburg ist international auf eine Weise in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, der ihr gar nicht passt. Zwei der Flugzeugattentäter von New York haben dort studiert. Wenige Wochen zuvor hatte Christian Bode, der Leiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, bei einer Werbereise für Deutschland in Mexiko und Argentinien erfahren, dass Hamburg-Harburg dort kein Begriff war, obwohl die Universität seit Jahren internationale Studiengänge anbietet.

Die ausländischen Studenten sind auf Amerika fixiert. Die deutschen Universitäten mögen noch so gut sein, wenn die Namen deutscher Traditionshochschulen den jungen Ausländern nicht mehr das sagen, was ihre Eltern noch wussten, dann bleiben nur die amerikanischen Renommieruniversitäten Harvard, Stanford, Yale, MIT, Berkeley. Zur Zeit gibt es zwei Millionen internationale Studenten - in den nächsten Jahren wird diese Zahl auf vier Millionen steigen, und um sie muss geworben werden. Das fordern der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Christian Bode, und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn übereinstimmend. Beide sprachen auf den "Berliner Bildungsdialogen", einer gemeinsamen Tagung der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und der Hochschulrektorenkonferenz.

Wie verkauft zum Beispiel eine der besten deutschen technischen Universitäten den Studienstandort? Burghard Rauhut, Rektor der Technischen Hochschule Aachen berichtet: "Wir sagen im Ausland, wo werden die Ingenieure ausgebildet, die die Autos von Mercedes, Porsche und Audi herstellen?" In Deutschland natürlich. Der DAAD hat in Mexiko ein Plakat verbreitet, auf dem zwei junge Mexikaner zu sehen sind. Die Aufschrift lautet: "Als Mexikaner lag es nahe, in den USA zu studieren, als Ingenieure haben wir uns für Deutschland entschieden."

Inzwischen ziehen in der Deutschlandwerbung alle an einem Strang: das Bundeswissenschaftsministerium, die 16 Bundesländer, die Hochschulrektorenkonferenz mit 65 Universitäten und 24 Fachhochschulen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max Planck Gesellschaft, die großen Verbände der Wirtschaft bis hin zum DGB in der gemeinsamen Werbeaktion "Gate Germany". Der Deutsche Akademische Austauschdienst hat die Federführung, ist er doch mit 500 Lektoren in der ganzen Welt vertreten. Die deutschen Hochschulen gehen auf internationale Messen, sie treten im Fernsehen und Rundfunk des Auslandes auf, machen mit Fachkonferenzen und im Internet auf sich aufmerksam. Vom 26. bis 28. Oktober ist ein großer Auftritt in Indien geplant - dem asiatischen Land, aus dem die besten Computerspezialisten kommen. Wenn alles gut geht, ist selbst Bundeskanzler Gerhard Schröder mit dabei und chattet mit den Indern über Deutschland. Aber auch in Deutschland muss die Werbung für die harten Fächer intensiviert werden.

Vor zehn Jahren hatten die technischen Hochschulen den Höhepunkt an Studentenzahlen - 17 000 wurden 1992 in den Ingenieurwissenschaften gezählt. Heute sind es unter 10 000. Die Technische Hochschule Aachen hat daraus die Konsequenzen gezogen: Die Werbung für die schwierigen Fächer beginnt in den Schulen, und das möglichst früh. "Wir müssen bereits an die Acht- bis Zehnjährigen herankommen", sagt Rektor Rauhut. "Unihits für Kids" heißt es deswegen so schön in Neudeutsch: Die Universität Aachen holt die Kinder bereits vor der Pubertät in die Hochschulwerkstätten und lässt sie dort experimentieren. Ältere Schüler lockt die Aachener Universität mit "Science nights" - hier dürfen dann die Gymnasiasten abends in den Labors experimentieren und anschließend in Schlafsäcken in der Hochschule übernachten. Und Mädchen, die besondere Hemmungen vor den Naturwissenschaften haben, werden zum Schnupperstudium in die Hochschule eingeladen. Bevor sie einen Teil der harten Fächer in der Oberstufe abwählen, sollen 12- bis 14-Jährige mit den Technik vertraut werden. Die Firma Ford unterstützt mit Stipendien im Wert von 250 000 Mark 20 Frauen, die eine Ingenieurdisziplin studieren.

Weiterhin offen für Ausländer

Dennoch bleibt noch viel zu tun: Deutschland muss trotz aller neuen Ängste vor Ausländern das Ausländerrecht so verbessern, dass hierzulande ausgebildeten Asiaten gestattet wird, nach dem Studium auch in deutschen Firmen oder Hochschulen weiter arbeiten zu können. HRK-Präsident Klaus Landfried, Edelgard Bulmahn und der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie und Handelskammertages, Franz Schoser, forderten das. An der internationalen Orientierung der deutschen Hochschulen soll es selbst nach den Terroranschlägen auf die USA keine Abstriche geben.

Und das Studienangebot muss internationaler werden. Das bedeutet: Ohne Bachelor und Master geht es nicht. Und mehr Studienangebote müssen in Englisch angeboten werden. Die deutsche Sprache ist sonst für viele Ausländer eine zu große Hürde. Die Universität Aachen hat aus dem Problem die Konsequenz gezogen: Entweder ein Studiengang wird ganz in Englisch angeboten oder durchweg in Deutsch. Eine Mischung beider Sprachen würde bei den Ausländern nur dazu führen, dass sie anschließend in ihren Heimatländern verbreiten: In Deutschland brauche man für den Master fünf Jahre, statt der international üblichen zwei Jahre. Aber sie verschweigen dann, dass sie drei Jahre allein für die deutsche Sprache aufwenden müssen.

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