Gesundheit : Australien: Das Geheimnis der Holzkohle

Matthias Glaubrecht

In diesen Tagen richten sich viele neugierige Blicke nach Australien, wo in wenigen Wochen die Olympischen Spiele beginnen. Als die ersten europäischen Kolonisten dagegen 1788 in der Botany Bay von Sydney den Kontinent für die Britische Krone in Besitz nahmen, erklärten sie Australien kurzerhand zur "terra nullius". Diese Doktrin eines vermeintlich unbewohnten Kontinents beraubte die australischen Ureinwohner, die Aborigines, nicht nur ihres Landbesitzes, sondern auch ihres Menschseins. Lange glaubten die "Neu-Australier" tatsächlich, dass sich Aborigines - angeblich ein Volk ohne Geschichte in einem geschichtslosen Land - erst seit vergleichsweise kurzer Zeit in Australien aufhielten.

Archäologische Funde der frühesten Zeugnisse australischer Ureinwohner, etwa Werkzeuge und ihre ebenso berühmten wie mysteriösen Felsmalereien, haben jedoch in den vergangenen Jahrzehnten das Datum der Besiedlung Australiens durch den Menschen ständig weiter in die Vergangenheit verschoben. Nachdem man in den 60er Jahren Hinweise auf eine rund 10 000 Jahre zurückliegende Besiedlung gefunden hatte, ging man bis vor kurzem noch von einer Kolonisierung aus dem Norden vor etwa 60 000 Jahren aus. Ende 1996 sorgte der Anthropologe Richard Fullagar vom Australischen Museum in Sydney mit der Nachricht für weltweites Aufsehen, dass nahe dem Ord River im Norden Australiens gefundene Zeugnisse menschlicher Besiedlung möglicherweise bis zu 176 000 Jahre alt sein könnten.

Mittels einer neuen Datierungsmethode, dem Thermolumineszens-Verfahren, wurden die Steinwerkzeuge enthaltenden Sedimentschichten bei Jinmium von Fullagars Team auf ein Alter zwischen 116 000 und 176 000 Jahre datiert. Ablagerungen, in denen sich Reste der für Felszeichnungen häufig verwendeten Malfarbe Ocker fanden, deuteten auf ein Alter der ältesten Felsmalereien von bis zu 75 000 Jahren hin. An den schrägen Übergängen von riesigen, im trockenen Busch stehenden Felsbrocken hatten die Forscher Reihen eigenartiger, flacher und runder Grübchen entdeckt. Die Monolithen von Jinmium haben mehr als 3000 dieser knapp daumengroßen Mulden - jede eine Präzisionsarbeit, bei der Tiefe und Größe nicht mehr als ein paar Millimeter abweichen.

Richard Fullagar interpretierte diese als eindeutig menschlichen Ursprungs - und damit als früheste Zeugnisse menschlicher Kunst. Die Felskunstwerke im Norden Australiens wären damit mehr als doppelt so alt wie die kurz zuvor entdeckten Höhlenmalereien von Chauvet, Cosquer und Niaux in Frankreich.

Die spektakulären Funde auf dem roten Kontinents zwangen aber auch dazu, die Erstbesiedlung durch die Aborigines zu überdenken. Denn demnach müssten die australischen Ureinwohner ihre künftige Heimat mehr als ein Jahrhunderttausend früher als man bislang glaubte erreicht haben. Es wäre also auch jenes Bild zu korrigieren, das Frühmenschenforscher bislang über den Ursprung des Homo sapiens, über das Woher und Wann unserer eigenen Spezies, entwarfen.

Bislang ging man davon aus, dass unsere Art erst vor rund 100 000 Jahren die afrikanische Wiege der Menschheit verlassen hatte und sich über die Erde ausbreitete. Wenn Australien deutlich vor diesem magischen Zeitpunkt besiedelt worden wäre, dann müsste der moderne Mensch bereits früher aus Afrika ausgewandert sein und sich über Asien ausgebreitet haben.

Umstrittene Datierung

Doch so Aufsehen erregend die Befunde waren, so umstritten sind die Thermolumineszenz-Datierungen der Funde in Jinmium selbst. Dass in kaum einem Forschungszweig die Halbwertszeit der Befunde derart kurz ist wie in der Paläoanthropologie, bewies unlängst die Neudatierung der Jinmium-Sedimente.

Unter Beteiligung von Richard Fullagar konnte ein australisches Team um den Geochronologen Richard Roberts von der La Trobe Universität in Melbourne lediglich ein Alter von rund 22 000 Jahren für die untersten und damit ältesten Ablagerungen ermitteln. Diesmal bedienten sich die Forscher konventioneller Datierungsverfahren. Darunter war auch die Radiokarbonmethode zur Bestimmung des C14-Gehalts von Holzkohleresten aus den Ablagerungen, um die Thermolumineszensdaten zu überprüfen. Die so gewonnene Neudatierung legt nahe, dass es in Jinmium zur Umlagerung von Sedimenten unterschiedlichen Alters gekommen ist.

Möglicherweise haben Aborigines Jinmium über lange Zeiträume als Kultstätte besucht oder gar besiedelt. Dabei könnten tiefere Schichten mit älteren Sedimentproben ans Tageslicht befördert worden sein und zu Diskrepanzen bei der Altersbestimmung mit Hilfe der lichtempfindlichen Termolumineszensmethode geführt haben. Zwar schließen die Forscher nicht aus, dass es auch bei Jinmium tatsächlich Spuren einer früheren Besiedlung gibt. Bis diese indes tatsächlich zweifelsfrei ermittelt sind, markieren weiterhin zwei auf ein Alter von 50 000 bis 60 000 Jahre datierte Fundplätze im Northern Territory den Zeitpunkt der ersten Besiedlung Australiens durch den Menschen.

Zugleich betonen Forscher allerdings, dass eine weit frühere Kolonisierung Australiens nicht unwahrscheinlich ist. Dies legen zumindest eine Reihe indirekter Befunde aus anderen Forschungsgebieten nahe. So finden sich in Ablagerungen des Lake Georg im australischen Bundesstaat New South Wales Hinweise auf vor 130 000 Jahren plötzlich verstärkt zunehmenden, ausgedehnten Waldbränden. Auch Holzkohlereste und Pollenfunde aus Bohrungen im Meeresboden zwischen Indonesien und Australien, die Peter Kershaw und Patrick Moss von der Monash Universität in Melbourne derzeit analysieren, deuten an, dass die ersten Siedler vor mehr als 130 000 Jahren nach Australien gekommen sein könnten.

Dramatischer Wechsel der Vegetation

Über markanten kohlehaltigen Lagen mit einem entsprechenden Alter finden sich zunehmend Pollen feuerresistenter Pflanzen. Indem sie Feuer an die Vegetation legten, könnten Aborigines die australische Landschaft damals drastisch verändert haben. Trotz vielfältiger weltweiter Klimaveränderungen finden sich in den australischen Bohrproben, die den Zeitraum der letzten zehn Millionen Jahre umfassen, keine weiteren Spuren eines derart dramatischen Vegetationswechsels.

So rätselhaft das Datum der ersten Besiedlung Australiens derzeit noch ist, so geheimnisvoll ist bis heute auch die Bilderkunst der australischen Ureinwohner geblieben. Für Percy Trezise, Experte für die Kunstwerke der Aborigines auf der australischen Kap York-Halbinsel, zählt deren Malkultur zu den ältesten zivilisatorischen Leistungen der Menschheit - jene eigentümlichen Figurenmosaiken aus kräftigen Erdfarben in Rot, Gelb und Weiß, der mysteriöse Röntgen- oder Fischgrätenstil, die Handnegative und die Umrisszeichnungen der eigenartigen anthropomorphen Ahnwesen, der "Quinkins".

Trezise überquerte als Pilot eines ärztlichen Flugdienstes fast täglich die Kap York-Region und ist dort seit Anfang der 60er Jahre den "Traumstraßen" der Aborigines auf der Spur. Er entdeckte, dass die wie in natürlichen Galerien angeordneten, mysteriösen Felsmalereien kein vereinzeltes Phänomen sind. Vielmehr gehören sie offenkundig zu einem Verbund von Lager- und Zeremonienplätzen, die einer Tradition entstammen und einem geographischen Muster folgten. Das Ergebnis jahrzehntelanger Feldarbeit, bei der er als einer der ersten die Kunst australischer Ureinwohner dokumentierte, hat er in seinem Buch "Traumstraße - Eine Entdeckungsreise zu den Felsmalereien der australischen Ureinwohner" zusammengefasst und illustriert (Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen, 192 Seiten; DM 49,80).

Dank der Kontakte zu Ureinwohnern im tropischen Norden Australiens gelang es ihm, den Aussagegehalt der Bilder zu erschließen und diese mit zusätzlichen Informationen über die Schöpfungsmythen und Jenseitsvorstellungen der Aborigines sowie über die sie umgebende Tier- und Pflanzenwelt zu bereichern. Systematisch spürte Trezise den mündlichen überlieferten Sagen, Mythen, Legenden und Gebräuchen der Aborigines nach, um sie für seine Interpretation der geheimnisvollen Bildwerke zu nutzen und sie als symbolgeladene Kunst zu enträtseln. Für ihn besitzt jede Malerei im "Quinkinland" der Aborigines-Ahnen ihre eigene Geschichte.

Entsprechend den nachgewiesenen Feucht- und Trockenperioden der damaligen Zeit änderten sich zum Beispiel auch Kunststil und Bedeutungsinhalt der Felsmalereien. Trezises Verdienst ist es, die Traumstätten der Aborigines mit ihren farbenprächtigen Kunstwerken nicht nur dokumentiert, sondern sie in diesen naturwissenschaftlichen Zusammenhang gestellt zu haben. Unabhängig vom Alter der Besiedlung und entgegen der lange dominierenden ignoranten Arroganz britischer Neuankömmlinge macht er damit klar, dass Aborigines alles andere als geschichtslose Wilde in einem Land ohne Geschichte sind.

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