Gesundheit : Auswahlgespräche an der FU: "Was reizt Sie an diesem Studium?"

Anja Kühne

In den kommenden Tagen werden 39 angehende Studentinnen und -Studenten der Betriebswirtschaft besonders gespannt in ihren Briefkasten gucken: Lief das Bewerbungsgespräch an der FU so gut, dass man im Sommersemester mit dem Studium anfangen kann? Oder gehört man zu der unglücklichen Hälfte der Kandidaten, die bei der persönlichen Vorstellung die Professoren nicht überzeugen konnte? In Berlin sind die 39 Schulabgänger, die sich vor den Dozenten präsentieren mussten, Pioniere: Außer den Medizinern, die schon seit Jahren einen Teil ihrer Studierenden in Auswahlgesprächen bestimmen, verfährt nach Auskunft der Berliner Unis dort sonst kein anderer Fachbereich bei den Erststudiengängen so; bundesweit sind es nur 17 Prozent. Allerdings besteht die Möglichkeit für alle auch erst seit dem letzten Wintersemester.

Bisher vergab die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) die Zulassung im Numerus clausus vor allem nach dem Abiturdurchschnitt und der Anzahl der Wartesemester. Landeskinder wurden den Unis ihres Bundeslandes bevorzugt zugewiesen. Jetzt können die Universitäten 20 Prozent der Plätze nach Auswahlgesprächen vergeben. Der Einfluss der Abiturnote wird relativiert: Zwar schickt die ZVS den Hochschulen Bewerber gemäß der Rangliste, die sich nach den Durchschnittsnoten ergibt. Aber die Hochschullehrer können sich auch für den Kandidaten mit der schlechteren Note entscheiden.

Denn nach Ansicht des Gesetzgebers sagt selbst der Abiturnotendurchschnitt nur bedingt etwas darüber aus, ob die Studienanfänger das gewählte Fach später erfolgreich studieren: "In den Schulen wählen die Leute Fächer, die sie als leicht empfinden, um in NC-Studiengänge reinzukommen, nicht aber solche, die ihnen für das Studium wirklich etwas nutzen", sagt Burkhard Danz, Leiter des Referats für Studienangelegenheiten am Fachbereich Medizin der Humboldt-Universität. Die beste Lösung sei deshalb ein Gemisch von Auswahlkriterien.

Das Gespräch hat dabei den Vorteil, Studierende vor Fehlentscheidungen zu bewahren. "Einige wollen nur Betriebswirtschaft studieren, weil ihnen nichts Besseres einfällt", meint Georg Schreyögg, Dekan am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU. Solche Studierenden verhielten sich im Studium passiv und seien wenig motiviert.

In einem halbstündigen Interview erklärt jeweils ein Schulabgänger mindestens zwei Professoren oder anderen habilitierten Dozenten, warum er das Fach studieren will. Damit die Ergebnisse objektivierbar und juristisch nicht anzufechten sind, müssen die Fachbereiche ihre Fragenkataloge und das Vorgehen von der Universitätsverwaltung prüfen lassen. "Was reizt Sie an diesem Studium? Was wird Ihnen möglicherweise schwer fallen?" Solche Fragen sind nicht die einzigen, mit denen zu rechnen ist.

In einer Broschüre, die der Psychologe und Universitätsprofessor Günter Trost im Auftrag der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände entwickelt hat, geht es um die gesamte Persönlichkeit des Studienanfängers. Die Arbeitgeber haben dabei auf eigene Erfahrungen bei der Bewerberauswahl in der Wirtschaft zurückgegriffen. Kommt die Kandidatin leicht ins Gespräch, hält Blickkontakt und berichtet positiv von Teamarbeit in schulischen Arbeitsgemeinschaften, verweist dies auf soziale Kompetenz. Hat sie sich offenbar realistische Ziele gesetzt und in der Vergangenheit bei Rückschlägen nicht gleich aufgegeben, ist sie als "zielorientiert" und "belastbar" einzustufen. Wer "lebendig" "mit modulierter Stimme" spricht und dabei auf einen reichen Wortschatz zurückgreifen kann, bringt ein gutes sprachliches Ausdrucksvermögen mit. "Wenn einer offenkundig größte Artikulationsschwierigkeiten hat, ist er für die Betriebswirtschaftslehre nicht geeignet. Wer das studiert, strebt doch eine Führungsposition in einem Betrieb an", sagt Schreyögg.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Professoren den größten Selbstdarstellern aufsitzen? Nach den ersten Erfahrungen von Georg Schreyögg unterteilen die "Allerweltskriterien" die Kandidaten "verblüffend scharf" in zwei Gruppen: "Unter den Kandidaten waren welche, die den Namen des deutschen Wirtschaftsministers nicht wussten", berichtet Schreyögg. Natürlich wird in dem Gespräch kein spezielles Fachwissen abgeprüft, aber wer völliges Desinteresse zeigt, kann kaum auf einen Studienplatz hoffen. Silja Müller, die die Auswahlgespräche der HU-Mediziner in der vergangenen Woche als studentische Beisitzerin verfolgte, war von den psychologischen Qualitäten der Professoren angenehm überrascht: "Sie geben wirklich allen eine Chance."

An den medizinischen Fakultäten der FU und der Humboldt-Uni, die schon seit Jahren einschlägige Erfahrungen haben, will man auf Auswahlgespräche nicht mehr verzichten. Für die beteiligten Professoren sind die Gespräche eine große zusätzliche Belastung. Doch bekommen sie durch den Kontakt mit dem Nachwuchs ein besseres Gefühl für die kommende Generation von Studierenden. "Wir würden auch 50 Prozent so auswählen", sagt Martin Paul, Dekan am Fachbereich Humanmedizin der FU, der in diesem Semester gemeinsam mit seinen Kollegen 33 Studierende aus 116 Kandidaten ausgesucht hat. "Die Gespräche sind unglaublich hilfreich."

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