Gesundheit : Autobahnen der Antike

Alle Wege führten ins alte Rom – manche sogar zweispurig und mit Leitplanke. Und in den Raststätten warteten nicht nur gebratene Drosseln

Paul Mollenhauer

Autobahnen - eine Erfindung des 20. Jahrhunderts? Die Via Portuense, die von Rom nach Ostia führte, riss noch 1000 Jahre nach ihrer Errichtung die Fachleute zu Begeisterungsstürmen hin. „Von höchster Schönheit und Zweckmäßigkeit“ sei sie gewesen, schreibt der Architekt Palladio im 16. Jahrhundert: „Sie war in zwei Straßen geteilt; zwischen der einen und der anderen gab es eine Führung aus Stein, einen Fuß höher als die Umgebung, sie diente zur Trennung: Auf der einen dieser Straßen zog man hin und auf der anderen kehrte man zurück, den Ärger des Zusammenstoßes vermeidend, eine sehr bequeme Erfindung bei dem großen Zustrom von Menschen aus der ganzen Welt, die zu dieser Zeit nach Rom kamen.“

Ein so aufwendig ausgebauter Highway mit Mittelstreifen und extrem hohem Fahrzeugaufkommen war allerdings im Römischen Reich die Ausnahme. Zwischen 80 000 und 100 000 Kilometer ausgebaute Straßen sind nach modernen Schätzungen im Imperium angelegt worden, doch nur ein kleinerer Teil davon war so prächtig gepflastert, wie es der Reisende noch heute an der im Originalzustand erhaltenen „Via Appia Antica“ bei Rom besichtigen kann. Auf römischen Straßen nach Rom zu reisen, ist heute nicht mehr möglich; nur kleine Teilstücke sind ausgegraben worden. Aber der klassische Archäologe Werner Heinz (Sindelfingen) ist jetzt den Spuren der Reisenden in der Antike gefolgt. Mit seinem in diesem Jahr im Theiss-Verlag erschienenen Buch „Reisewege der Antike“ hat Heinz erstmals eine Kulturgeschichte der römischen Fernstraßen vorgelegt.

Nach Rom nur mit Testament

Wenn der Römer auf Reisen ging, nahm er in der Regel den Wagen, wenigstens jedoch ein Maultier – zu Fuß ging nur der Bauer zum nächsten Markt. Doch wie auch heute noch musste man zunächst dem chaotischen Stadtverkehr entkommen. Schon Caesar hatte per Gesetz für die Stadt Rom ein innerstädtisches Tagfahrverbot für Lastwagen verfügt, das später reichsweit galt. Über die Folgen beklagte sich der Satiriker Juvenal: Tagsüber sind die Straßen nach wie vor verstopft, zusätzlich werden jetzt nachts die schwer beladenen Wagen rücksichtslos durch die engen Straßen gesteuert, schlecht gesicherte Ladungen stürzen auf den ahnungslosen Passanten – da gilt als leichtsinnig, wer zum Abendessen aus dem Haus geht, ohne sein Testament gemacht zu haben.

Diesen Gefahren war vorerst entgangen, wer die Stadt verließ und nun mit sieben bis zehn Stundenkilometern dahinholperte. Einige Straßen waren allerdings in beklagenswertem Zustand. Der Weg nach Neapel etwa, den der Dichter Statius beschreibt, war streckenweise so sumpfig, dass die Wagen stecken blieben und die Reisenden zu Lande „alle Schrecken der Seefahrt“ erlebten; dann wieder war die Straße zu so tiefen Spurrillen ausgefahren, dass die Zugtiere fast am Boden krochen. Ein Glück, dass der Kaiser Domitian – der Adressat des Gedichtes – diese Straße so aufwendig modernisieren ließ, dass man nun in zwei Stunden zurücklegte, wofür man vorher einen ganzen Tag gebraucht hatte.

Nach diesen Strapazen war man froh, eine Herberge zu finden: Diese „mansiones“ befanden sich entlang der Fernstraßen in Abständen von etwa einer Tagesreise, also etwa alle 30 Kilometer. In Augst haben Archäologen an der Fernstraße eine Anlage ausgegraben, die über eine große Gaststube, zahlreiche Ställe, eine eigene Fleischerei, Toiletten, Einzelzimmer und etliche Suiten verfügte; das städtische Bad befand sich in unmittelbarer Nähe. Sexuelle Kontakte zu den weiblichen Angestellten einer Herberge galten per Gesetz nicht als Ehebruch – die Gasthäuser hatten demnach den Status von staatlich zugelassenen Bordellen.

Ein gewisser Lucius Calidius Eroticus aus Süditalien – wohl ein passionierter Reisender – ließ auf seinem Grabstein eine Wirtshausrechnung verewigen: Für Essen und Wein zahlte er drei Asse, für Maultierfutter zwei und für eine „puella“, ein Mädchen, noch einmal acht Asse. „Das Maultier wird mich noch ruinieren“, ließ er unter die Rechnung meißeln.

Der Dichter Horaz, mit einigen Freunden unterwegs auf der Via Appia nach Brindisi, beklagte sich nicht nur über „listig berechnende Wirte“, sondern auch über verdorbenes Wasser und Durchfallerkrankungen, über einen Herbergsvater, der beim Versuch, seine erbärmlichen Drosseln zu grillen, das halbe Haus in Brand steckt, und einen anderen, der mit qualmendem, nassen Reisig im Kamin das gesamte Hotel unbewohnbar macht.

Doch am Ende kam auch der reisende Poet sicher am Ziel an. Für diese bis weit in die Neuzeit gar nicht selbstverständliche Sicherheit sorgten die Beneficiarier, die römische Autobahnpolizei. Diese Spezialeinheit der römischen Armee war für die Straßen zuständig und für die Aufsicht über den grenzüberschreitenden Handel. In dieser Funktion waren sie sehr anfällig für Korruption, weswegen sie extrem häufig versetzt wurden. Sie wurden aber besser bezahlt als ihre Kollegen von den regulären Truppen. In Osterburken (Baden-Württemberg) hat eine solche Einheit ein Vereinsheiligtum eingerichtet, das den Stolz und den Wohlstand dieser Spezialtruppe dokumentiert.

Eine der ersten zivilisatorischen Maßnahmen nach Eroberung einer Region war stets die Anlage fester Fernstraßen. Dadurch wurden Handel und Verkehr erleichtert, doch auch die Legionen gelangten rasch zu jedem Unruheherd. Selbst die Alpen wurden durch ein Netz von festen Straßen erschlossen, die manchmal tief in den Fels geschlagen werden mussten und nicht selten eingetiefte Spurrillen hatten. Diese Geleise mit einer Normbreite von knapp 140 Zentimeter, die vielerorts noch heute sichtbar sind, verschafften den schweren Wagen eine sichere Fahrt bei Steigungen von bis zu 30 Prozent auf ihrem Weg in die Provinzen Galliens, Germaniens und an der Donau.

Wie sie Kilometer zählten

Diese Straßen (die „via strata“, von der sich das deutsche Wort ableitet, bedeutet „die gepflasterte Straße“) wurden von den Regierungsbeamten der Republik angelegt und staatlich finanziert, die Anrainer waren jedoch zum Unterhalt der Straßen mitverpflichtet. Sie mussten Arbeitskräfte stellen für den Bau und später für Reparaturarbeiten – eine typische Sklavenarbeit.

Die Reiseplanung war bei den Römern in guten Händen: So genannte Itinerare stellten tabellarisch alle an einer Strecke gelegenen Orte zusammen und nannten die jeweiligen Entfernungen zueinander. Berühmt ist die „Tabula Peutingeriana“ (siehe Abbildung). Auf dieser 40 mal 680 Zentimeter messenden Streckenkarte sind – topographisch verzerrt – alle wichtigen Verbindungen im Römischen Reich verzeichnet.

Wer den Streckenangaben auf Itineraren oder Meilensteinen nicht traute, für den hatte der Architekt und Autor Vitruv um die Zeitenwende ein spezielles Gerät entworfen: Ein Mechanismus am Wagen ließ bei jeder Umdrehung des Rades ein Steinchen in einen Behälter fallen. Von einer erfolgreichen Anwendung dieses Gerätes ist nichts bekannt. Beinahe hätten die Römer auch noch den Kilometerzähler erfunden.

Werner Heinz: Reisewege der Antike. Unterwegs im Römischen Reich. Theiss-Verlag, Stuttgart, 2003. 128 Seiten. 24,90 Euro.

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