Gesundheit : Autografe: Goethes Handschrift digital

Uwe Schlicht

Jedes Land hat seine großen Namen. Die Notenhandschriften von Bach lagern überwiegend in der Staatsbibliothek, aber auch in Krakau. Mit Beethovens Partituren ist es ähnlich. Noch nicht einmal jede Symphonie ist geschlossen mit allen vier Sätzen an einem Ort aufbewahrt. Zwar sammelt die Staatsbibliothek Kants Werke, aber sie sind keineswegs komplett in Berlin vorhanden. Manuskripte und Briefe, so genannte Autografen, gelten als begehrte Sammlerstücke vor allem für die Museen und die Nationalbibliotheken. Haben die Nationalbibliotheken doch den Auftrag, das kulturelle Erbe zu bewahren und nicht der Kaufkraft der Milliardäre zu opfern.

Schon längst lagern die Handschriften der Dichter, Philosophen und Komponisten verstreut in den bedeutendsten Bibliotheken der Welt. Den Engländern geht es mit Shakespeare oder Lord Byron nicht anders als den Franzosen mit Voltaire und Rousseau. Für Forscher ist es ein schwieriges Unterfangen, den Schriftwechsel und die Tagebuchaufzeichnungen zu einem Werk für ihre Arbeiten zusammenzusuchen. Die EU hat deshalb vor zweieinhalb Jahren ein Programm unter dem Stichwort MALVINE (Manuscripts and Letters via Integrated Networks in Europe) aufgelegt, das es ermöglicht, zunächst die Fundstellen in den Bibliotheken West- und Südeuropas aufzufinden. Dieses Programm läuft im Frühjahr 2001 aus, und ein Nachfolgeprogramm ist unter den führenden Nationalbibliotheken vereinbart worden. Die Fachleute trafen sich jetzt zu einer Konferenz über die künftige Kooperation in der Staatsbibliothek.

Die Fachleute sind sich einig: Das lange Zeit der Öffentlichkeit vorgegaukelte Ziel, dass besonders wertvolle mittelalterliche Handschriften oder Evangeliare komplett und digitalisiert via Internet für jeden Interessierten auf den heimischen Bildschirm gezaubert werden können, liegt noch in weiter Ferne. Es sind viel zu viele wertvolle Dokumente, die digitalisiert werden müssten. Das ist sehr zweitaufwendig und auch eine Kostenfrage. Großbritannien wendet zum Beispiel für sein Erschließungsprogramm der wertvollen Autografe der British Library und anderer Bibliotheken in drei Jahren 50 Millionen Pfund auf - das sind umgerechnet etwa 150 Millionen Mark. Ewald Brahms, in der Deutschen Forschungsgemeinschaft zuständig für die Informationssysteme bei der Literaturversorgung, sieht nur eine Chance, dass besonders begehrte Autografe einzelner herausragender Dichter zunächst digitalisiert werden oder dass man lediglich vom Papierzerfall besonders bedrohte Dokumente auf diese Weise einem allgemeinen Benutzerkreis erschließt. In Deutschland vergibt die Deutsche Forschungsgemeinschaft dafür an die Bibliotheken jährlich sieben bis zehn Millionen Mark.

Da liegt ein anderes Ziel viel näher: der möglichst perfekte Service, den die angeschlossenen Bibliotheken im Laufe der nächsten Jahre bieten wollen. Was bedeutet Service? Wer künftig unter dem Stichwort Goethe nach dem Briefwechsel mit Schiller oder dem Herzog Karl August von Weimar oder der Fürstin Anna Amalia sucht, wird mit Hilfe der Suchmaschine MALVINE Auskunft über die Daten der Briefe, die Briefpartner bekommen, und erfahren, ob die Schriftstücke zum Beispiel im Deutschen Literaturarchiv in Marbach lagern oder im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Danach kann sich der Forscher in die Webseiten einer Bibliothek oder eines Museums einklicken und wird von dort aus weitergeleitet. Er erfährt, ob der gesuchte Brief in Fotokopien erhältlich ist, ob er auf Mikrofilm eingesehen werden kann oder ob und wann er ein Manuskript sogar im Original vor Ort betrachten darf.

Wie immer hängt vieles am Geld: Das MALVINE-Progamm ist bisher mit 2 Millionen Euro finanziert worden - das Geld kam je zur Hälfte von der EU und den beteiligten Ländern. Das Nachfolgeprogramm LEAF (Linking and Exploring Authority Files) hat für drei Jahre ein Volumen von 3,8 Millionen Euro, wiederum je zur Hälfte von der EU und den beteiligten Ländern finanziert. In beiden Programmen war und ist die Staatsbibliothek zu Berlin der Koordinator. Was heißt Koordination im Rahmen von MALVINE: Die Stabi musste Verbindungen nach Österreich, zur portugiesischen Nationalbibliothek nach Lissabon, zur führenden Bibliothek von Spanien in Madrid, zur British Library in London, zu französischen Forschungs- und Sammlungsinstituten in Paris aufnehmen. Auch Norwegen ist mit der Universität von Bergen angeschlossen und Dänemark mit dem Nationalmuseum in Kopenhagen. Schon jetzt wird der Service von MALVINE in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch angeboten und bald auch in Italienisch. Im Endausbau sollen mehrere Millionen Daten zu den Nachlässen und Autografen aus den europäischen Sammlungen über die Suchmaschine verfügbar sein.

Der Ausbau im Nachfolgeprogramm LEAF in Richtung Osteuropa dürfte vor allem über die Staatsbibliothek nach Polen und über die Österreichische Nationalbibliothek nach Ungarn, Tschechien, zur Slowakischen Repulik oder über Graz nach Slowenien gehen. Im Nachfolge-Programm sind die Partner aus Mittel- und Osteuropa bereits als Beobachter aufgeführt.

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