Gesundheit : Bach-Noten der Staatsbibliothek werden möglicherweise doch in Leipzig restauriert

Anne Strodtmann

Die Staatsbibliothek hat sich viel vorgenommen: Am 28. Juli, dem 250. Todestag von Johann Sebastian Bach, will sie das erste Autograph präsentieren, das in der Ende Dezember eingeweihten Werkstatt nach dem Papierspaltverfahren restauriert worden ist. Doch die Restauratorinnen der neuen Werkstatt Unter den Linden müssen sich erst noch in die neue Technologie einarbeiten. Deshalb will die Staatsbibliothek den Leipziger Fachmann Wolfgang Wächter nach Berlin holen. Wächter ist Chefrestaurator des Zentrums für Bucherhaltung in Leipzig. Er hat die Staatsbibliothek zwar bei der Ausstattung der neuen Werkstatt beraten, weigert sich aber, sein perfekt ausgerüstetes Bucherhaltungszentrum in Sachsen zu verlassen, um in Berlin vom Tintenfraß geschädigte Autographen zu restaurieren. Damit könnte er den Zeitplan der Staatsbibliothek durchkreuzen, der auf solche Präsenzphasen Wächters in Berlin baut. Allerdings deutet sich ein Kompromiss an. Insgesamt 1400 der 8000 Bach-Autographen gelten als besonders schwer geschädigt. Sie sind nur noch durch das Papierspaltverfahren zu retten und könnten nach Wächters Aussage nach Leipzig gebracht werden, um sie dort zu restaurieren. Offen bleibt, wo die anderen Handschriften konserviert werden. Die Berliner Staatsbibliothek besitzt etwa 80 Prozent aller Autographen des vor 250 Jahren gestorbenen Komponisten.

Unabhängig vom Zeitdruck bei den Bach-Autographen sei die Berliner Werkstatt mittelfristig durchaus für das Papierspaltverfahren ausgerüstet, sagte Hartmut Böhrenz, Leiter der Abteilung für Bucherhaltung der Staatsbibliothek. Jetzt gehe es darum, die Fortbildung der Restauratorinnen kontinuierlich fortzusetzen. Bislang haben sie zwei Trainingsaufenthalte von jeweils fünf Tagen in Leipzig absolviert. Weitere sollen folgen. Die Bach-Autographen, auch geringer beschädigte, werden sie jedoch vorerst nicht spalten. Die Kompetenz dafür, so Böhrenz, müsse erst allmählich aufgebaut werden. So wertvolle Autographen "kann nur jemand wie Wächter spalten, der eine mehr als 30-jährige Erfahrung hat". Böhrenz hat bislang nicht bestätigt, dass Wächter und seine Leipziger Werkstatt den Auftrag für die Restaurierung der Bach-Notenblätter erhalten. Problematisch sind einige schwer geschädigte Blätter, die sich nicht mehr transportieren lassen.

Wächter bezeichnete Böhlers Hoffnungen gegenüber dem Tagesspiegel hingegen als reines Wunschdenken. Das Spaltverfahren sei in den vergangenen 30 Jahren auf einen überaus hohen Sicherheitsstandard fortentwickelt worden, den er jedoch nur in seiner eigenen Werkstatt im Bucherhaltungszentrum Leipzig garantieren könne. Wächter sagte: "Wenn ich mich von einer Kapazität der amerikanischen Mayo-Klinik behandeln lassen möchte, kann ich den Arzt auch nicht an mein Krankenbett holen."

Die neue Werkstatt in Berlin hat rund zwei Millionen Mark gekostet. Wächter verwies darauf, dass die Restauratorinnen der Staatsbibliothek beim Training an den Geräten in Leipzig erst elementare Kenntnisse im Papierspalten erworben hätten. Um durch Tintenfraß geschädigte Notenhandschriften mit dem Spaltverfahren wiederherstellen zu können, bedürfe es einer längeren Übungszeit. Wächter warnte jedoch davor, das Verfahren an Autographen der Bachzeit zu üben, die für weniger wertvoll erachtet würden. Auch diese Notenhandschriften seien unersetzbare Unikate.

Das Schadensbild Tintenfraß ist auf die früher verwendeten Eisen-Gallus-Tinten zurückzuführen. Im Laufe der Zeit werden Eisen-Ionen freigesetzt, die zu der typisch rostbraunen Verfärbung der alten Handschriften führen. Gleichzeitig laufen unter Einfluss der Luftfeuchtigkeit chemische Prozesse ab, bei denen Schwefelsäure entsteht. Diese Schwefelsäure zerfrisst das Papier, bis es schließlich zerfällt.

Die einzige bekannte Methode, die Handschriften vor der endgültigen Zerstörung zu retten, ist das in der ehemaligen DDR von Günter Müller (Jena) und Wolfgang Wächter (Leipzig) entwickelte Papierspaltverfahren: In einem langwierigen Prozess werden Vorder- und Rückseite des Blattes getrennt. Danach werden die beiden Teile durch eine hauchdünne Papiereinlage stabilisiert und mit einem Spezialkleber zusammengefügt. Zwar war man, wie mehrfach versichert wurde, auch in der Staatsbibliothek davon überzeugt, dass mit dieser Methode die schwerbeschädigten Autographen wiederhergestellt werden können.

Aber man wollte und will sich weiter absichern: Bevor die Staatsbibliothek mit dem Spalten beginnt, sollen noch die Ergebnisse einer naturwissenschaftlichen Untersuchung durch Gerhard Banik von der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart abgewartet werden. Banik ist Chemiker und bildet Restauratoren aus.

In seinem ersten Gutachten, das der Staatsbibliothek seit Ende Dezember vorliegt, bestätigt er, dass die beim Papierspalten verwendete Gelatine das weitere Auslaufen der Tinte verhindert und gleichzeitig die verschiedenen Ionen bindet, so dass sich keine neuen Säuren bilden können. Jetzt soll noch der so genannte Kernkleber untersucht werden, der die beiden Teile einer Handschrift mit dem feinen Papierimplantat verbindet. Mit der wissenschaftlichen Dokumentation durch Gerhard Banik will man Klarheit über seine Wirkweise gewinnen.

Wichtig sei auch, wie Hartmut Böhrenz betonte, dass diese Restaurierungsmethode auch wieder rückgängig gemacht werden könne, wenn zukünftige Restauratoren ein noch besseres Verfahren entwickeln sollten. Dieses zweite Teilergebnis wird für das kommende Frühjahr erwartet. Auf einen genauen Termin wollte man sich allerdings nicht festlegen. Und das Frühjahr dauert immerhin drei Monate.

Die Vermutung jedoch, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der auch die Staatsbibliothek in Berlin gehört, bereits eine konkrete Anweisung erteilt habe, Bach-Autographen - möglicherweise die schwer geschädigten Teile der H-Moll Messe - umgehend zur Restaurierung nach Leipzig zu schicken, wurde bislang nicht bestätigt. Sowohl der Präsident der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann, als auch Hartmut Böhrenz erklärten, dass es eine solche Anordnung nicht gebe.

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