Gesundheit : Bachelor- und Masterabschlüsse können deutschen Studenten neue Perspektiven eröffnen

Achim Mehlhorn

Ein Studium der Natur- oder Ingenieurwissenschaften führt an einer deutschen Universität nach fünf Jahren Regelstudienzeit zu einem universitären Diplom. Die Studienpläne sind also einstufig. Entweder man beendet das Studium regulär oder man hat gar nichts. Diese Lösung steht im Gegensatz zu einer Studienplangestaltung, die aus der anglo-amerikanischen Tradition kommt und das Studium in zwei Teile gliedert: Einen ersten Abschluss nach drei bis vier Jahren als Bachelor und einen zweiten nach weiteren einem bis zwei Jahren als Master.

Die großen Schwellenländer in Asien, wie China, Indien, Indonesien, Thailand und Vietnam, aber auch die mittel- und osteuropäischen Staaten haben sich diesem Modell eines zweistufigen Studiums angeschlossen und nicht das deutsche System übernommen. Dies führt zu großen Kompatibilitätsproblemen der deutschen Universitätsabschlüsse: Unbeschadet einer hohen Ausbildungsqualität an deutschen Universitäten, die sich in diesen Fächern durch solide theoretische Grundlagenausbildung, Nähe zur Praxis und Verknüpfung von Lehre und Forschung charakterisieren lässt, gilt der deutsche Abschluss als Diplomingenieur in diesen Ländern als erster akademischer Grad.

Die Absolventen deutscher Universitäten gelten also in ihren Heimatländern als Bachelors und werden erst nach Absolvierung eines Masterstudiums zur Promotion zugelassen. Diese Sachlage beeinflusst zunehmend die Entscheidung der jungen Generation dieser Länder für ein Auslandstudium: Warum soll man nach Deutschland gehen und ein wenig strukturiertes fünf- bis sechsjähriges Studium absolvieren, wenn man den "adäquaten Titel" Bachelor bereits nach drei Jahren in Australien oder den Vereinigten Staaten erhalten kann? Selbst diejenigen, die in Deutschland studiert haben und sich nun zu Hause diskriminierenden Rückstufungen gegenüber sehen, sagen sehr klar, dass sie heute eine andere Entscheidung über ihr Studienland treffen würden, auch dann, wenn sie mit Deutschland gute Eindrücke und Wissensgewinne verbinden.

Der deutsche Alleingang in der akademischen Titelvergabe schreckt aber nicht nur Ausländer ab, in Deutschland zu studieren, Er wird auch deutschen Studenten zunehmend zum Hindernis, die im Rahmen einer geforderten Internationalisierung der Ausbildung einen Doktorgrad im Ausland erwerben wollen. Sie werden meistens im Vorfeld veranlasst, neben dem deutschen Abschluss einen Masterabschluss zu erwerben bevor sie zur Promotion zugelassen werden. Sie verlieren damit ein bis zwei Jahre in der kreativsten Phase ihres Lebens. Die deutschen Universitäten müssen auf diese Situation reagieren und können sich nicht länger als Rufer in der Wüste betätigen, indem sie erklären, wie exzellent ein Diplomingenieur ausgebildet wird. Eine klare Strukturierung der Ausbildung und die greifbare Möglichkeit, nach kurzer Zeit einen akademischen Grad zu erwerben, wiegen ungleich schwerer als alle noch so berechtigten Beteuerungen über gute Ausbildungsqualität und Erziehung zur kreativer Forschungsarbeit.

Die Technischen Universität Dresden arbeitet daher bereits seit drei Jahren an der systematischen Einführung eines optionalen Ausbildungssystems, das den Studierenden neben der klassischen, einstufigen Ausbildung auch eine zweistufige Variante anbietet, die nach drei bis dreieinhalb Jahren einen ersten Grad Bakkalaureus scientiarum vorsieht. Alle Ingenieurstudiengänge wie Maschinenwesen, Bauingenieurwesen, Elektrotechnik und Informatik, aber auch Naturwissenschaften wie Biologie oder Chemie verfügen heute über solche Studiendokumente. Voraussetzung ist eine strikte Modularisierung der Studieninhalte und dann ihre geschickte Kombination, so dass sie in beiden Ausbildungsoptionen verwendbar sind. Denn die optionale Gestaltung des Studiums muss mit den vorhandenen Kapazitäten geleistet werden.

Neben den Studienplänen zu dem Erwerb eines Bakkalaureus scientiarum wächst die Zahl nationaler und internationaler konzipierter Masterkurse. Jeweils 13 Studiendokumente, an deren Ende der Erwerb des Bakkalaureus oder des Magisters steht, sind eingeführt oder im Genehmigungsverfahren. Hinzukommen fünf Studiengänge, bei denen das Studium an zwei Universitäten durchgeführt wird und mit einem sogenannten Doppeldiplom beider Einrichtungen endet. Dabei ist es unser erklärtes Ziel, auch im neugeordneten Studium keine Qualitätseinbußen zuzulassen. Die internationale Bandbreite für die Qualität einer Bachelor- oder Masterausbildung ist ohnehin sehr groß. Es gibt nicht den Bachelor oder den Master, sondern viele Spielarten davon. Wir sind dafür, dass die deutschen Bakkalaurius- und Magistergrade im Bereich der höchsten Ausbildungsqualität im Weltmaßstab verbleiben. Der deutsche Magister scientiarum oder Master of science wird also mindestens die Qualität des Diplomingenieurs haben.

Damit mehr Studenten als bisher die neuen Angebote annehmen, müssen folgende Hürden aus dem Weg geräumt werden: Die Fakultätentage müssen ihre unflexible Haltung aufgeben. Von "Kannibalisierung der deutschen Ingenieurstudiengänge" zu sprechen, ist nicht nur ästhetisch abstoßend. Es ist auch unverantwortlich gegenüber der jungen Generation, die in ein völlig anderes Umfeld gestellt sein wird. Die Empfänger von Bafög werden die neuen Wege beschreiten, weil sie die Einstellung der Förderung nach Erwerb des Bakkalaureus befürchten. Hier sollte die Bundesregierung ein klares Wort sprechen.

Die Wirtschaft hat bisher nicht oder sehr verschwommen gesagt, wie sie die Berufsbefähigung des Bakkalaureus bewerten will. Solange die Studierenden nicht wissen, was dieser erste Grad im Berufsleben wert ist, werden sie ihn nicht wählen.

Und schließlich: Die neue Ausbildungsstruktur sollte zu einer Schärfung des unterschiedlichen Bildungsauftrages von Universitäten und Fachhochschulen führen. Beide Ingenieurprofile werden gebraucht und sollten ihre unterschiedliche Anlage auch im Titel zum Ausdruck bringen. Dabei ist an eine Unterscheidung ihrer Inhalte gedacht und weniger daran, welche Institution die Studienpläne realisiert. Eine gerechte Bewertung der Studieninhalte muss durch ein Akkreditierungssystem erreicht werden. Dies befindet sich mit der Gründung einer Akkreditierungsagentur ASII, in der Universitäten, Fachhochschulen, Wirtschaftsverbände und Vereine an einem Tisch sitzen, auf hoffentlich gutem Wege.Der Verfasser ist Lehrstuhlinhaber für Chemie und seit 1994 Rektor der Technischen Universität in Dresden.

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