Gesundheit : Bedrohte Art

Volkswagen- und Thyssen Stiftung fördern mit dem Programm „Pro Geisteswissenschaften“ Nachwuchsforscher und Habilitierte

Amory Burchard

Eine Rote Liste der bedrohten Geisteswissenschaften an deutschen Universitäten gibt es noch nicht. Aber der Wissenschaftsrat arbeitet daran. Als sichere Kandidaten für die Liste nennt Horst Bredekamp, Kunsthistoriker an der Humboldt-Universität und Mitglied der Arbeitsgruppe Geisteswissenschaften des Wissenschaftsrats: die Rechtsgeschichte, die nach dem Wegfall der Stelle an der HU bundesweit nur noch zwei Mal vertreten ist, und die Mongolistik, die es nur noch in Bonn gibt – auf einer halben Stelle.

„Beträchtlicher Zorn“ angesichts der Marginalisierung der Geisteswissenschaften „durch einige Naturwissenschaftler und die Politik“ bringt Bredekamp jetzt dazu, sich für eine weitere Rettungsaktion für die bedrohten Arten der Wissenschaft einzusetzen. Die Volkswagenstiftung, in dessen Kuratorium der Kunsthistoriker sitzt, und die Fritz Thyssen Stiftung stellten gestern in Berlin das Programm „Pro Geisteswissenschaften“ vor. Mit bis zu sieben Millionen Euro in den kommenden zehn Jahren wollen die Stiftungen ab 2006 exzellenten jungen Forscherinnen und Forschern nach der Promotion die Möglichkeit geben, „sich zu führenden Vertretern ihres Fachs zu entwickeln“. Die Dilthey-Fellowships, benannt nach dem Philosophen Wilhelm Dilthey (1833 bis 1911), werden zunächst für fünf Jahre vergeben und können nach Evaluationen um drei und noch einmal um zwei Jahre verlängert werden. Chancen auf diese komfortable Förderung hätten Wissenschaftler, die Brückenschläge zwischen den Fächern wagen, mutig Grenzen überschreiten – auch solche ihrer bisherigen Ausbildung, sagt Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung.

Der lange Zeitraum der Fellowships solle ihnen ermöglichen, etwa eine neue Sprache zu erlernen oder sich in ein neues Fachgebiet einzuarbeiten. Ein Beispiel: Eine Germanistin, die über Krankheiten in der Literatur arbeiten will, könnte sich projektbegleitend intensiv mit der Psychiatrie auseinander setzen.

Mit einer zweiten Komponente von „Pro Geisteswissenschaften“ wollen die Stiftungen Wissenschaftler, die schon eine Professur haben, ermuntern, ein „opus magnum“ zu verfassen. Vor allem der Zwang, laufend Drittmittel einzuwerben, lasse ihnen kaum noch Zeit in der laufenden Hochschulpolitik neben Aufsätzen auch ein größeres wissenschaftliches Werk zu verfassen. Das Programm „opus magnum“ schenkt bis zu zehn Wissenschaftlern pro Jahr Zeit dafür, indem es eine Lehrvertretung für bis zu zwei Jahre finanziert. Schließlich wollen die Stiftungen auch versuchen, das angeschlagene Image der Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit zu verbessern. Konferenzen und Workshops, gefördert von der „Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ und vom Stifterverband, sollen auch die „Politik auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen“.

Wollen die Stiftungen auch für das Studium der Geisteswissenschaften werben? Nein, sagt der Berliner Soziologe Wolf Lepenies, Vorsitzender des Beirats der Thyssen Stiftung. „Wir brauchen nicht mehr Geisteswissenschaftler, sondern wir müssen denen, die sehr gut sind, die Möglichkeit geben zu arbeiten.“ Seit Jahren wanderten viele hoch qualifizierte Philologen, Soziologen oder Philosophen in die USA ab, weil in Deutschland die Stellen gestrichen werden, auf die sie sich bewerben könnten. Deshalb brauche das Land auch die Rote Liste, betonte Bredekamp. Um vom allgemeinen Gefühl der bedrohten Geisteswissenschaften zu klaren Aussagen zu kommen: Wenn das Fach hier gestrichen wird, fehlt es im ganzen deutschen Sprachraum.

Infos ab Mitte März unter:

www.volkswagenstiftung.de

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