Gesundheit : Begabtenförderung: Was Hochbegabten hilft, nutzt allen Schülern

Bärbel Schubert

"Wir haben dazu gelernt und sind von der isolierten Förderung der Hochbegabten abgekommen. Alles, was zur Förderung der Hochbegabten passiert, kommt allen Schulen zu Gute." Mit diesem ungewöhnlichen Fazit ihrer Arbeit in der Hochbegabten-Förderung überraschte Ursula Hellert, Schulleiterin der Jugenddorf-Christophorusschule in Braunschweig zum Abschluss der Tagung "Finden und fördern von Begabung" in Berlin. Wenn diese Erkenntnis auch nicht alle Vertreter der Hochbegabten-Förderung erfreute, blieb Ursula Hellert ihrer Erkenntnis doch nicht allein.

Wie eine "normale" staatliche Schule ohne Spezialprofil und Sonderklassen den Anspruch aller Schüler auf Förderung ihrer individuellen Fähigkeiten Ernst nimmt und umsetzt, demonstrierte Schulleiterin Erika Risse am Beispiel des Elsa-Brandström-Gymnasiums in Oberhausen - eine Schule mit 1200 Schülern, ohne Auswahlverfahren oder Internat. In diesem Konzept sind auch die besonders Begabten berücksichtigt.

Grundlage der Arbeit ist das dortige Schulprogramm. "An unserer Schule legen wir Wert auf Entwicklung des Individuums in der Gesellschaft/Entdeckung des Menschen als Einheit von Verstand, Gefühl, Körper und Geist/Achtung der Menschenwürde/Toleranz und Offenheit für andere und deren Anderssein/Bereitschaft zur Interaktion", heißt es da. Die Folgen für "kulturelles Leben und Lernkultur" sind ebenfalls dargestellt. Dazu gehört neben der Öffnung von Schule, dem Fach- und dem offenen Unterricht und anderem auch die Förderung besonderer Begabungen.

Mit erstaunlichen Konsequenzen: Die Schüler stellen ihren individuellen Stundenplan zusammen. Projektarbeit ist dabei ohne Sondergenehmigungen oder Ähnliches auch außerhalb der Schule möglich. Das kommt natürlich auch den Schülern zu Gute, die schneller lernen als andere. Der Beispiel-Stundenplan von Kevin und Lisa für den Mittwoch zeigt, dass beide nur je eine Schulstunde Unterricht in ihrem Klassenraum bekommen, Kevin Mathematik und Lisa Französisch. Dazu kommt Fachunterricht etwa in Physik. Die ersten zwei Unterrichtsstunden verbringen beide mit Projektarbeit, Lisa in der Gedenkhalle und Kevin beim Bürgerfunkstudio. Der Deutschunterricht wird wohl mit Theaterspielen verbracht. Dazu kommen je zwei Stunden für Arbeitsgruppen "Internationale Zeitung" und "Ideenwerkstatt". Lisa geht in die zehnte Klasse, Kevin in die neunte.

Etwas anders ist die bundesweit bekannte Schule von Erika Risse aber doch, wie sie selbst einräumt. Und das kommt eben auch besonders begabten Kindern zu Gute, denn das Brandström-Gymnasium hat auch ein Konzept der Begabtenförderung erarbeitet. Dazu gehören Schnupperkurse an der Uni, Unterricht im Ausland, Sprachenzertifikate und Projektunterricht. Diese Schülern wird zusätzlich angeboten, früher mit der zweiten Fremdsprache zu beginnen, in einer integrierten zusätzlichen Lerngruppe zu arbeiten, Kurse an anderen Institutionen zu belegen und ab der neunten Jahrgangsstufe eine Profilklasse mit direktem Übergang in die zwölfte Klasse zu besuchen. Kein abgehobenes Konzept, wie sich an den vorgesehen Betriebspraktika zeigt. Darüber hinaus ist vorgesehen, Verantwortung am Schulleben zu übernehmen und bei den Jüngeren in Projektwochen eingesetzt zu werden.

"Letztlich ist es aber eine Frage des individuellen Stundenplans, die Schüler richtig zu fordern", sagt Erika Risse. So habe jetzt ein Schüler, der offensichtlich nicht ausgelastet sei und sich im Unterricht langweile, begonnen, zwei seiner wöchentlichen Mathematikstunden in der nächsthöheren Klasse zu besuchen. Zwei Mathestunden bleibt er in seiner alten Klasse.

"Die Verantwortung dafür, dass sie alles lernen und dafür eventuell auch etwas nachlernen müssen, liegt letztlich bei den Schülern", betont die Schulleiterin den besonderen Ansatz ihrer Schule. Die Schüler selbst übernehmen die Verantwortung für den Lernprozess und bestimmen die Inhalte zum größten Teil selbst. Dabei bekommen sie natürlich Unterstützung. Es eröffnet ihnen auch den Freiraum, Ungewöhliches zusammen zu stellen. Die Lehrer werden zu Beratern und Moderatoren, die Schule selbst zum Haus des Lernens. Ein Konzept, das neugierig macht. Spezielle Mittel für Hochbegabte, die kaum jemand definieren und erkennen kann, werden dort anscheinend nicht gebraucht. Dieser Ansatz berücksichtigt aber besondere Begabungen der unterschiedlichsten Art und respektiert den Förderanspruch jedes Kindes. So entlastet es auch die Eltern von einem Teil ihrer Sorgen, ob ihr Kind genügend Förderung bekommt.

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