Gesundheit : Begegnung mit einer neuen Art

Die Zwergmenschen, die bis vor 13000 Jahren lebten, waren geschickte Jäger. Bauten sie – trotz Minihirn – sogar Schiffe?

Matthias Glaubrecht

Es war ein sensationeller Fund: Ende Oktober 2004 verkündete ein Team australischer und indonesischer Paläoanthropologen, dass noch vor 18000 bis 13000 Jahren auf der Sunda-Insel Flores eine eigenständige Zwergmenschen-Art lebte. Mit einem Meter war der ausgewachsene Homo floresisensis so groß wie ein heutiges dreijähriges Kind. Sein Gehirn hatte das Volumen einer Pampelmuse.

Der Widerspruch aber ließ nicht lange auf sich warten. Mehrere Forscher behaupteten, statt von einer neuen Art zeuge das Skelett von einem zwergenhaften Homo sapiens mit einer pathologischen Veränderung, verursacht durch die Krankheit Mikrozephalitis, die zu derartigen Schrumpfhirnen führte – ein Irrtum, wie sich jetzt herausstellte.

Die Paläoneurologin Dean Falk von der Florida State University in Tallahassee und ihr Team haben inzwischen herausgefunden, dass das Typusexemplar LB1 des Homo floresiensis weder ein Pygmäe noch ein an Mikrozephalitis leidender Mensch war. Vielmehr ähnelt sein Gehirnvolumen im Vergleich zur Körpergröße unseren bislang ausschließlich aus Afrika bekannten australopithecinen Vorfahren. Der Gehirnbau erinnert an einen ebenfalls ausgestorbenen Homo erectus, einen Vorläufer des heutigen Menschen, der erstmals vor 1,9 Millionen Jahren Afrika gen Asien verließ.

Am verblüffendsten aber sei, dass LB1 mit gut ausgebildeten Frontal- und Temporallappen Merkmale im Aufbau des Gehirns zeige, die auf sehr weit entwickelte kognitive Leistungen schließen lassen. Mit anderen Worten: Die Flores-Menschen, die vor 13000 Jahren zeitgleich – und möglicherweise gemeinsam mit dem modernen Menschen Homo sapiens – in Indonesien lebten, dürften trotz Zwergenwuchs und Miniaturgehirn geschickte Jäger gewesen sein.

Eine Computertomographie verhalf zu diesem Befund. Damit konnten Forscher das Schädelinnere virtuell rekonstruieren. Der elektronische Abguss förderte ein Gehirn mit einem Volumen von genau 417 Kubikzentimetern zutage und diente Dean Falk zum Vergleich mit Gehirnen von Menschenaffen, den ausgestorbenen Australopithecinen und dem Homo erectus sowie von Pygmäen und mikrozephalistischen Menschen.

„Ich dachte anfangs, wir haben hier entweder ein normales Erwachsenengehirn in Kleinformat oder das eines Schimpansen vor uns“, sagt Dean Falk. „Aber tatsächlich war es weder ein pathologisch verändertes Menschenhirn noch das eines Pygmäen.“ Pygmäen haben trotz ihrer kleinen Gestalt ein großes Gehirn. Denn erst wenn sich dieses bereits entwickelt hat, bleibt bei ihnen in der Pubertät das Körperwachstum aus. „Homo floresiensis ist definitiv etwas Neues!“, sagt Falk.

Bisher galt die Größenzunahme bis auf im Schnitt 1350 Kubikzentimeter beim modernen Menschen als Voraussetzung für die Entstehung der menschlichen Kultur. Vor allem die vergrößerten Frontal- und Temporallappen, die beim Homo sapiens mit komplexem Verhalten wie Einsicht und planmäßigem Handeln verknüpft sind, lassen jetzt aber auch beim Homo floresiensis auf ähnlich kognitive Leistungen schließen.

Aufgrund seiner anatomischen Kennzeichen ist dieser Zwergmensch tatsächlich eine zweite, neue Art neben dem Homo sapiens. Bislang war die Paläoanthropologie stets davon ausgegangen, dass nach dem Verschwinden des Neandertalers in Europa der Mensch allein die Erde bevölkerte. Doch offenbar war unsere Gattung bis in jüngste Zeit vielgestaltiger und in ihrem umweltbedingten Anpassungsvermögen auch in körperbaulicher Hinsicht durchaus flexibler als bislang angenommen.

Für Evolutionsbiologen eröffnen die neuen Befunde zum Homo floresiensis wahrhaft spektakuläre Möglichkeiten, wenn es um die Rekonstruktion der verwandtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der Hominiden geht. Zugleich rückt damit auch eine Erdregion wieder mehr in den Mittelpunkt des Interesses, die bereits mit dem ersten Frühmenschenfund eines Homo erectus in Asien durch den holländischen Arzt und Anatom Eugène Dubois 1891 den Schlüssel zur Aufklärung der Menschwerdung bereit zu halten schien. Das indonesische Inselreich zwischen dem asiatischen Festland und Australien dürfte eine entscheidende Brücke und Filterzone zugleich bei der Ausbreitung des Menschen gewesen sein.

Erst kürzlich konnten Wissenschaftler lange zuvor entdeckte Hominiden-Funde von Java sicher datieren und einordnen. Diese belegen, dass der Homo erectus noch vor 25000 Jahren auf dieser indonesischen Insel gelebt hat, obgleich der moderne Mensch vor mindestens 40000 Jahren ebenfalls in diese Region vorgedrungen war.

Während sich das Interesse in Europa oftmals mit der Frage nach dem Schicksal des Neandertalers erschöpft und bei den meisten Forschern vor allem Afrika mit seinen zahlreichen Hominidenfunden im Vordergrund steht, werden die indonesischen Funde traditionell vernachlässigt. Doch könnten gerade die Hominiden-Funde in der zerrissenen Inselwelt Indonesiens wertvolle Einblicke in die Evolutionsgeschichte der Menschheit liefern.

Geologen konnten nachweisen, dass teilweise abgelegene Inseln wie Flores und Timor sowie Australien niemals eine Landbrücken-Verbindung zu anderen Inseln oder zum asiatischen Kontinent hatten. Um diese zu besiedeln, mussten die ursprünglichen Menschen mithin über Fähigkeiten verfügen, Meeresstraßen und Ozeane zu überqueren. Auf dem Weg nach Flores waren selbst unter günstigsten Umständen gleich zwei Wasserstraßen, zwischen Bali und Lombok sowie zwischen Sumbawa und Flores, zu überwinden; via Timor war es nach Australien sogar noch beschwerlicher. Derartige Leistungen traute man bislang ausschließlich dem modernen Menschen zu, nicht aber Homo erectus.

Doch mehrere Befunde, die im vergangenen Jahrzehnt insbesondere in Australasien gemacht wurden, lassen jetzt die Schlussfolgerung zu, dass die kognitiven Fähigkeiten anderer Frühmenschen offenbar unterschätzt wurden. Demnach wäre bereits Homo erectus nicht nur unmittelbar nach seinem Auftauchen in Afrika vor zwei Millionen Jahren erfolgreich bis nach Südostasien gewandert. Er beherrschte vielmehr auch das Feuer, nutzte Steinwerkzeuge – und könnte sogar meerestaugliche Wasserfahrzeuge gebaut haben, um abgelegene Inseln wie Flores zu besiedeln.

Die Untersuchung des nur pampelmusengroßen Gehirns des Zwergmenschen von Flores deutet jedenfalls darauf hin, dass er durchaus zur Herstellung von Werkzeugen, zur Beherrschung des Feuers und zur koordinierten Jagd auf große und gefährliche Beute – wie etwa auf den damals dort lebenden Zwergelefanten Stegodon – befähigt war. Bislang wurden sämtliche Wergzeugfunde und andere archäologische Zeugnisse aus der Region automatisch immer dem modernen Menschen zugeordnet.

Aber offenbar war Homo floresiensis trotz seines Zwergenwuchses und Miniaturhirns ein gewiefter Jäger. Ob sich allerdings beide Menschenformen auf Flores begegneten und was bei solchen Zusammentreffen passierte, darüber lässt sich derzeit nur phantasievoll spekulieren. Menschenkenner ahnen jedoch den Ausgang.

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