Gesundheit : Begehrtes Berlin

In der Hauptstadt drängen immer mehr Bewerber auf immer weniger Studienplätze

Anna Kochs

Berlin ist in. Trotz des vom Senat verordneten Sparzwangs und leerer Universitätskassen – Berlin bleibt für viele Studenten erste Wahl. Im letzten Wintersemester ist die Zahl der Eingeschriebenen in der Hauptstadt mit insgesamt rund 139 000 Studenten weiter angestiegen. Nach ersten Berechnungen des Statistischen Landesamtes immatrikulierten sich 1400 Studierende mehr an den Universitäten und Fachhochschulen als im Vorjahr. Es könnten noch mehr sein. Denn längst nicht alle Interessenten können auch aufgenommen werden. Die Hochschulen müssen sparen. Um der starken Nachfrage zu begegnen, belegen sie immer mehr Fächer mit einem Numerus Clausus (NC). Die Hälfte der 70 Fächer an der Technischen Universität wird bereits nach NC vergeben – Tendenz steigend. Spätestens zum kommenden Wintersemester werden auch Fächer wie Maschinenbau oder Verkehrswesen in der Zulassung beschränkt, vielleicht gibt es an der TU bald einen flächendeckenden NC. „Wir haben schon zum letzten Wintersemester mehr Studierende in den zulassungsfreien Fächern aufgenommen, als wir finanziell absichern können“, sagt Jörg Steinbach, Erster Vizepräsident der TU.

Wenn 400 studieren, wo eigentlich nur Platz für 170 ist, geht das zu Lasten der Lehre. Das Ergebnis: Übervolle Hörsäle und schlechte Betreuung. In diesem Sommersemester ist die Situation trotzdem noch vergleichsweise entspannt, da die meisten großen Studiengänge immer zum Herbst starten. Im Mai soll deshalb über die Verhängung des Numerus Clausus in diesen Fächern entschieden werden. „Eine vollkommen falsche Entwicklung“, findet Jörg Steinbach, „erst haben wir für die technischen Fächer geworben und das Interesse der Abiturienten geweckt. Nun können wir die gesteigerte Nachfrage nicht befriedigen.“ Wer Ägyptologie, Judaistik oder Archäologie an der FU Berlin studieren will, wird auch weiterhin keine Schwierigkeiten haben, einen Studienplatz zu bekommen. Diese Fächer gehören zu den 20 Studiengängen, die noch nicht mit einem NC belegt sind.

In den anderen Studiengängen erweist sich der NC als wirksames Mittel gegen Schein-Immatrikulationen und hohe Abbrecherquoten: „Sobald wir Fächer mit einem NC belegen, geht die Nachfrage zurück“, sagt Wolfgang Röcke vom Referat für Immatrikulationsangelegenheiten der FU. Dies gilt vor allem für die sogenannten „Park-Fächer“. Wer den begehrten Platz in Medizin nicht ergattern kann, schreibt sich für Chemie ein. In der Hoffnung, nach einigen Semestern in das gewünschte Fach zu wechseln. Im Wintersemester war die Nachfrage für den Studiengang Chemie wegen des NC so gering, dass die Zulassungsbeschränkung zum Sommersemester wieder aufgehoben wurde.

Einen Eindruck von der Kluft zwischen Angebot und Nachfrage geben die aktuellen Zahlen der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund. Beispiel Medizin: 1247 Bewerber haben sich für das Sommersemester auf die 206 Studienplätze an der Berliner Charité beworben. Ähnlich dramatisch sieht es für die Humanmedizin der FU aus. Hier kommen rund fünf Bewerber auf jeden der 175 Plätze.

Auch in anderen Fächern gibt es ein starkes Ungleichgewicht zwischen Bewerbern und Plätzen. Im vergangenen Wintersemester bewarben sich rund 2000 Interessenten um einen Studienplatz im Magister-Hauptfach Publizistik. Es war aber nur Platz für 130 Erstsemester. Ähnlich sind die Zahlen für Betriebswirtschaftslehre. Hier wollten 1056 Abiturienten einen der raren 120 Plätze ergattern. Weniger Studenten – weniger Ausgaben?

Ganz so einfach ist es nicht. Denn Studierende belasten nicht nur die Kassen, sie bringen dem Land Berlin auch Geld ein. Das hat auch die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur erkannt. Nach dem Vorbild anderer Universitätsstädte wurde im August 2002 ein Begrüßungsgeld für Studenten eingeführt. Jeder, der seinen Hauptwohnsitz in Berlin anmeldet, kassiert eine Prämie von 110 Euro.

Das soll nicht nur die ansprechen, die bereits in Berlin sind, sondern auch neue Studierende in die Stadt locken – vorausgesetzt, sie finden hier einenStudienplatz. Anna Kochs

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