Gesundheit : Begriffe stutzen

Was die Universitätspräsidentin Gesine Schwan als deutsches Staatsoberhaupt tun würde – und warum sie glaubt, dass sie es wird

Amory Burchard

Ein Märznachmittag in Frankfurt (Oder), unten am Fluss. Gesine Schwan, die Frau, die Deutschlands erste Bundespräsidentin werden will, geht die Promenade entlang. Ihr schwarzer Mantel mit dem Pelzkragen, die eleganten Pumps und vor allem diese blonde Lockenpracht, die sie zur Hochfrisur aufsteckt, sind ein schöner Kontrast zu der kargen Flusslandschaft.

In Frankfurt arbeitet die 60-jährige Politologin seit fünf Jahren, seitdem sie Präsidentin der Universität Viadrina ist. Hier lebt sie auch. Gesine Schwan hat zwar wie die meisten ihrer Kollegen ihren ersten Wohnsitz in Berlin. Aber während des Semesters übernachtet sie meist in ihrer kleinen Frankfurter Mietwohnung. Von Gerhard Schröders Anruf wurde sie in den USA überrascht.

Die alte Frankfurter Universität existierte 1509 bis 1811, neu gegründet wurde sie 1991 als „Europa-Universität“, die vor allem mit polnischen, aber auch mit anderen osteuropäischen, mit französischen und amerikanischen Hochschulen kooperiert. Schwan spricht fließend Englisch, Polnisch und Französisch. Das, was sie für Frankfurt leistet, könnte jetzt als Fingerübung für das höchste Amt der Bundesrepublik erscheinen.

Das Selbstvertrauen der Deutschen wolle sie stärken, sagt Schwan. Ihnen das Vertrauen in die Politik zurückgeben – so wie sie es in der kleinen, von ständigen Etatkürzungen bedrohten Universität macht. Kürzlich hat sie für Frankfurt eine privat finanzierte „School of Governance“ für künftige Europa-Beamte an Land gezogen und gleich danach ihren Akademischen Senat dazu gebracht, für einen Haushalt zu stimmen, der auf einem Einstellungsstopp beruht, sagt sie. Von so einem Vertrauensbeweis träumen Berliner Unipräsidenten, die unter dem Druck ihrer Gremien radikale Stellenkürzungen zurücknehmen müssen. Unten an der Oder sagt Gesine Schwan, sie sei „gegen eine Politik, die gegenüber der Ökonomie abdankt“.

Als Bundespräsidentin möchte sie die sozialen Akteure an einen Tisch holen, um einen gesellschaftlichen Konsens auszuhandeln über die Werte des deutschen Sozialstaats. Der Grundkonsens, der diesem Land seit Jahrzehnten abhanden komme, müsse heute lauten: „Dass niemand in diesem Staat völlig vor die Hunde gehen darf.“ Da versteht sich Schwan mit Franz Müntefering besser als mit Schröder. Mit dem einen lag sie sich beim ersten Treffen nach der Nominierung lachend in den Armen, den anderen kritisiert sie. Er schaffe es nicht, im Reformprozess klassische sozialdemokratische Werte zu vermitteln. Gesine Schwan wiederholt ihre Kritik, als Schröder sie Montagnachmittag in der Berliner SPD-Zentrale der Presse vorstellt. Reform, für Schwan die „schrittweise Verbesserung der Gesellschaft“, drohe zu einem Begriff für Deregulierung zu verkommen. Auch ein anderer Lieblingsbegriff des Kanzlers missfällt ihr: „Innovation“ habe so etwas Technologisches. Sie habe das Schröder schon früher gesagt, und er habe es stets „lächelnd entgegengenommen“. Schröder lächelt wieder – nur nicht so breit wie Schwan.

Manchmal gehe sie vor der Arbeit ans Wasser um durchzuatmen, erzählt Schwan in Frankfurt. „Mir ist der Fluss schon ans Herz gewachsen“, sagt sie, als müsse sie ihn bald verlassen. Nach Berlin, ins Schloss Bellevue, das am Ufer der Spree liegt. Als hätte sie eine Chance gegen den von Union und FDP ausgemachten Kandidaten Horst Köhler und dessen Mehrheit in der Bundesversammlung.

Keine Chance? Gesine Schwan mag diese Frage nicht. Sie hat sie in Frankfurt zu oft gehört. Schwan spricht lieber von einer „Konstellation“, die sie doch ins Amt bringen könnte: die „ziemlich abscheuliche Art“, mit der Wolfgang Schäuble behandelt worden sei, und die unverhohlene Absicht, mit Präsident Köhler den Machtwechsel im Bund vorbereiten zu wollen. Und jetzt habe auch noch der Kandidat selber von einer „Bundeskanzlerin Merkel“ gesprochen. Die Bundesversammlung sollte sich dafür nicht instrumentalisieren lassen, sagt Schwan.

Eines hat sie mit Köhler – sie hätte gern ein öffentliches Rededuell mit ihm vor der Wahl – gemeinsam: Beide sind in Deutschland weitgehend unbekannt. In Berlin kennt man sie: Sie lehrte jahrzehntelang am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität, ist ebenso lang SPD-Mitglied, gleichzeitig eine aufrechte Antikommunistin, die 1984 aus der Grundwertekommission ihrer Partei flog. Zwei Kinder hat sie und ist trotzdem Professorin, ihr Mann und Kollege Alexander Schwan war es auch. Als er 1989 starb, zog sie Sohn und Tochter, damals im Teenageralter, alleine groß. Ihr Streit mit der Partei, sagt Schwan, könne ein Modell für die Mitglieder der Bundesversammlung sein: Es sei auch eine Frage der Vertrauensbildung, dass man von der Parteiräson abweicht, wenn man die Parteilinie für falsch hält.

Schwan ist schon einmal bei einer ehrgeizigen Kandidatur gescheitert: 1999, als sie mit dem konservativen Mediziner Peter Gaehtgens um die Präsidentschaft der Freien Universität rang. Die in ihren geliebten kurzen Röcken und mit ihren Locken jugendlich wirkende Schwan begrüßten damals Etliche als frischen Wirbelwind in der schwerfälligen Massenuniversität. Die hatte aber gerade angefangen, sich zu ändern. Und so nahmen es ihr die Kollegen übel, dass sie die FU als „unreformierbar“ schlechtredete. Gesine Schwan hatte sich verhoben, wurde aber im gleichen Jahr als Präsidentin an die Viadrina gerufen.

Ihr Spaziergang führt über den Fluss, zum Collegium Polonicum, der polnischen Partner-Institution der Viadrina. Absolventen eines Kurses für Osteuropa-Management diskutieren dort am Abend mit Leuten aus Wirtschaft und Regierung über die EU-Erweiterung. Der Direktor des Studiengangs begrüßt sie als „hoffentlich zukünftige Alma Mater der Bundesrepublik Deutschland“. Gütige Mutter Deutschlands. Gesine Schwan lacht.

Was im Gedächtnis bleibt vom Ortstermin an der Oder ist das melancholische Bild zweier Männer auf einer Sandbank im Fluss und der einsam wandernden Unipräsidentin am menschenleeren Ufer. Gesine Schwan gefällt dieses Bild gar nicht. „Frankfurt“, sagt sie, „ist nicht so trostlos.“ Morgens beim Einkaufen sei sie von Leuten umringt gewesen. Sie habe Hände geschüttelt und viele gute Wünsche gehört. Ihre Amtszeit hier endet 2005.

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