Gesundheit : Behindertensport europaweit studieren

Heiko Schwarzburger

Der Mensch ist ein behendes Tier, klettert er doch auf Achttausender und taucht zum Grund des Japangrabens. Aber in den Büros, Labors und Werkhallen der modernen Gesellschaft leistet die erfinderische Spezies vor allem Kopfarbeit. Auch die Einkaufswege schrumpfen, die nächste Generation von Kühlschränken bestellt schon automatisch, Anlieferung frei Haus. Da verliert man leicht die Balance: Die körperliche Bewegung kommt zu kurz, obwohl sie den Kopf befreit und das Wohlgefühl steigert.

Für Menschen, deren Fähigkeiten durch körperliche oder geistige Einschränkungen begrenzt sind, gilt dies in noch stärkerem Maße: Für sie ist die körperliche Bewegung oftmals ein wichtiger Weg zu einem menschenwürdigeren Leben. Gegen die ungeheure körperliche und geistige Leistung der Sportler bei den Paralympics nehmen sich die Rekorde unversehrter Olympiasieger geradezu unbedeutend aus. "Mit behinderten Menschen körperlich zu arbeiten ist ungleich schwerer als mit Gesunden. Unsere Ausbildung umfasste nahezu alle Arten von Behinderungen und alle Altersgruppen, vom Breitensport über den Schulsport, physiotherapeutische Aktivitäten bis hin zum Spitzensport der Paralympics", erklärt Deena Scoretz. Vor vier Jahren absolvierte die junge Kanadierin den Masterstudiengang zur Bewegungslehre für Behinderte der Freien Universität. Heute arbeitet sie beim Weltrat für Sportwissenschaften in Dahlem.

Die Stelle in Berlin erhielt die Kanadierin durch das Netzwerk des Aufbaustudiums. Die Vorsitzende des Weltrates für Sportwissenschaften ist die FU-Professorin Gudrun Doll-Tepper, die das Masterstudium vor fast zehn Jahren mit Kollegen aus Holland, Belgien, Frankreich und Großbritannien aus der Taufe hob. Zu Beginn der 90er Jahre boten die Sportwissenschaftler der Freien Universität übrigens als erstes Berliner Hochschulinstitut einen Masterabschluss an. Ihr Erfolgsrezept wurde seitdem kopiert. "Unser Studienangebot und die Nachfrage decken sich," erzählt Gudrun Doll-Tepper. "Neuerdings haben wir auch Universitäten in Osteuropa als Partner im Programm, etwa in Kaunas, in Prag und in Olomouc."

Zur Zeit ist die Zukunft des Masterstudiengangs zumindest mittelfristig ungewiss. Die Freie Universität hat beschlossen, ihre Sportwissenschaften an die Humboldt-Universität abzugeben. Allerdings ist noch völlig unklar, was mit dem Masterstudiengang passieren soll. Für die nächsten zwei oder drei Jahre ist er an der FU noch gesichert. Danach müssen sich interessierte Sportstudenten aus Berlin vielleicht an einer ausländischen Hochschule einschreiben, um in den Genuss des EU-geförderten Programmes zu kommen. Oder sie gehen gleich nach Dortmund, Heidelberg oder an die Sporthochschule in Köln, die alle ihre Beteiligung an dem Masterstudium ausbauen wollen.

Wie läuft das international organisierte Masterstudium ab? Deena Scoretz studierte Sportwissenschaften und Sportmanagement an ihrer Heimatuniversität in Vancouver. Nach dem Bachelor arbeitete sie als Betreuerin für gemischte Klassen von unversehrten und behinderten Kindern, organisierte Feriencamps und trainierte Leichtathleten für die Paralympics. Sie hörte 1994 erstmals von dem europäischen Masterstudiengang. Das postgraduale Studium richtet sich vor allem an Absolventen einer sportwissenschaftlichen Ausbildung. Sie schrieb sich an der Katholischen Universität in Leuven ein - mit der Immatrikulation an einer europäischen Uni durfte sie sich für das Masterprogramm bewerben. "In Nordamerika gibt es ein solches Angebot nicht", berichtet sie. "Das Aufbaustudium war sehr intensiv, allerdings hatte ich Vorteile, weil die Vorlesungen in Englisch erfolgen."

Etwa vier Monate bleiben die rund 25 Studenten in Leuven, dort läuft der theoretische Teil des Studiums. Angeboten werden Biomechanik, Pathologie, wissenschaftliche Methodik, Bewegungslehre in Medizin und Freizeit, Diagnostik, Rehabilitationssport und der Umgang mit Behinderten. Insgesamt 14 Wochen lang büffeln sie die neuesten Ergebnisse dieser noch jungen Wissenschaftsdisziplin. Derzeit sind 28 europäische Universitäten an dem Studiengang beteiligt. Die Dozenten werden für je zwei Wochen in die beschauliche belgische Universitätsstadt Leuven geschickt. "Da ist eine ganze internationale Gemeinde versammelt", meint Deena Scoretz. "Das hat uns ungemein beflügelt."

Heike Tiemann hatte bereits zwei Staatsexamen als Sportlehrerin in der Tasche, als sie 1991 als eine der ersten auch den Masterstudiengang abschloss. "Die Masterstudenten kommen aus ganz verschiedenen Ländern nach Leuven und müssen sich als Team zusammenraufen", ergänzt sie. "Da stoßen unterschiedliche Mentalitäten und Konzepte aufeinander, das ist unglaublich spannend." Heike Tiemann wählte nach dem Abschluss ihres Studiums eine akademische Karriere. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bereich Integrationspädagogik des Instituts für Grundschulpädagogik der FU, unterrichtet Lehramtsstudenten und künftige Diplomlehrer.

Nach den vier Monaten in Leuven arbeiten die Masterstudenten in Forschergruppen an den verschiedenen Partneruniversitäten mit. Heike Tiemann bearbeitete damals das Thema "körperbehinderte Frauen im Leistungssport". Um die Masterarbeit vollenden zu können, ging sie an die Universität von Loughborough in England. "Ich hatte zwar einen kleinen Zuschuss vom Erasmus-Büro, aber dabei sind im wesentlichen meine Ersparnisse draufgegangen", erinnert sie sich. "Heute bin ich aber immer noch im Kontakt mit meinen Mitstudenten und den Professoren von damals." Alle Masterstudenten haben acht Monate Zeit für den praktischen Studienteil, der gesamte Kurs dauert somit nur ein Jahr.

Deena Scoretz forschte über die Sportorganisationen für Behinderte in verschiedenen europäischen Ländern. Die Untersuchungen wurden vom Kölner Bundesinstitut für Sportwissenschaft unterstützt. Ihre Masterarbeit beschäftigte sich mit psychosomatischen Erkrankungen und therapeutischen Chancen aus körperlicher Aktivität. Auch für sie hängten die Hürden hoch, verlangte die Universität in Leuven für ihre Immatrikulation doch Studiengebühren. Der europäische Masterstudiengang an sich ist jedoch gebührenfrei.

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