Gesundheit : Bei vollem Bewusstsein

Dass die Narkose versagt, ist eine Horrorvision von Patienten. Jetzt wurde sie Wirklichkeit

Adelheid Müller-Lissner

„Wir dürfen nie vergessen, dass großartige Operationen, viele Errungenschaften der letzten zwanzig Jahre, nie geboren worden wären, wenn nicht die Erfindung einer vollkommenen Anästhesie dem Chirurgen ein enormes Material und den Muth zu complicirten Eingriffen gebracht hätte.“ Diese dankbaren Worte finden sich im „Handbuch der Chirurgie“ aus dem Jahr 1865. Sie zeugen noch von der Erinnerung an operative Eingriffe, die in Windeseile vonstatten gingen, während mehrere starke Männer einen vor Schmerzen schreienden Kranken mit Gewalt festhalten mussten. Erst als es gelang, den Schmerz auszuschalten, wurden längere Eingriff überhaupt möglich.

Trotzdem plagt auch heute noch eine Horrorvision viele Menschen vor einer Operation: Die Narkose wirkt nicht, sie erleben den Eingriff bei vollem Bewusstsein und voll erhaltener Schmerzempfindung mit. Im Klagenfurter Landeskrankenhaus ist es vor einiger Zeit einer Patientin so ergangen. Bei einer Unterleibsoperation hatte sie, Zeitungsberichten zufolge, das Gefühl, ihr Bauch werde zersägt. „Sie spürte jedes Reißen und Ziehen, sie betete um ihr Leben“, sagte ihr Anwalt anlässlich des Prozesses um Schmerzensgeld.

Wie konnte das geschehen? Für eine Vollnarkose oder Allgemeinanästhesie wird heute eine Kombination von Medikamenten eingesetzt: Schlafmittel, Schmerzmittel und Mittel, die die Muskeln erschlaffen lassen. Für längere Operationen wird der Patient außerdem mit einem Schlauch in der Luftröhre künstlich beatmet.

Bei der österreichischen Patientin haben offensichtlich nur die Medikamente voll gewirkt, die die Muskeln zum Erschlaffen bringen. Solche Mittel werden meist gleich zu Beginn des Eingriffs gegeben und haben eine lange Wirkdauer. Deshalb konnte sich die Patientin, im Unterschied zu den Menschen, die vor der Narkose-Ära operiert wurden, nicht rühren und musste die Qualen hilflos erdulden. Weil sie auch die Augenlider nicht heben konnte, wirkte sie auf die Betrachter schlafend.

„Das Problem der intraoperativen Wachheit ist jedem Anästhesisten bekannt“, sagt Stefan Reyle-Hahn, Leiter der Anästhesie am Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau. Es kann dazu kommen, wenn die Infusion nicht richtig liegt. Reyle-Hahn hat eine solche Situation allerdings in den drei Jahren seiner jetzigen Tätigkeit und bei insgesamt 30000 Operationen noch nicht erlebt. Dass zusätzlich auch der Schmerz nicht ausgeschaltet ist, ist noch unwahrscheinlicher: „Die meisten Patienten, die während einer Operation wach werden, haben keine Schmerzen.“

Das liegt zum einen daran, dass Schmerzmittel meist über längere Zeit wirken. Außerdem ist manchmal, wenn zum Beispiel eine Herzkrankheit vorliegt, eine „flachere“ Narkose besser. „Dann können aber Messungen der Hirnströme sicherstellen, dass die Narkose ausreicht.“

In speziellen Fällen kann auch die „isolierte Armtechnik“ angewandt werden, um den Patienten vor der wachen Wehrlosigkeit zu schützen. Wie Charité-Chefarzt Wolfgang Kox erläutert, wird dafür „am Arm eine Manschette aufgeblasen, bevor das muskelentspannende Medikament gegeben wird. Falls der Patient wach werden sollte, kann er den Arm bewegen.“

Wenn die Narkosemittel nicht per Infusion in die Vene gegeben, sondern inhaliert werden, ist das Risiko, zur falschen Zeit zu erwachen, ohnehin geringer. Denn dann wird fortlaufend die Konzentration der Gase in der Atemluft gemessen.

Schlafen nicht immer erwünscht

Immer häufiger ist es heute auch ganz in Ordnung, dass Patienten während der Operation nicht schlafen. Anästhesie heißt schließlich so viel wie Empfindungslosigkeit oder Schmerzlosigkeit und ist nicht mit völliger Betäubung und schlafähnlichem Zustand gleichzusetzen.

Bei einer Regionalanästhesie zum Beispiel wird nur ein Bereich des Körpers schmerzunempfindlich gemacht, ohne dass der Patient deshalb das Bewusstsein verlieren müsste. Es werden schmerzleitende Nervenbahnen ausgeschaltet, so dass keine Erregungen weitergeleitet werden können.

Für die Periduralanästhesie wird ein dünner Kunststoffschlauch unter örtlicher Betäubung über eine Hohlnadel in ein rückenmarksnahes Gebiet gelegt. Der Unterkörper wird gefühllos, der Patient bleibt jedoch bei Bewusstsein, über den Katheter kann auch nach dem Eingriff der Schmerz weiter ausgeschaltet werden. Die Methode wird heute auch in der Geburtshilfe angewandt. Dann wird so dosiert, dass die Gebärende Presswehen noch spürt und in der Austreibungsphase mitarbeiten kann.

Lokalanästhesien betäuben Nerven durch vor Ort eingespritzte Medikamente, bevor eine Wunde genäht wird oder der Zahnarzt „den Nerv trifft“. In diesen Fällen bleibt der Patient wach, aber schmerzfrei.

Zu den Aufgaben des Anästhesisten gehört die Überwachung während der Operation. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass einer Wachablösung im Operationsraum der erhöhte Blutdruck und die tränenden Augen der geplagten Patientin auffielen. Erstaunlich ist, dass die erste Narkoseärztin diese Anzeichen nicht bemerkte.

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