Gesundheit : "Beim Herzinfarkt zählt die Zeit"

Bas Kast

"80 000 Menschen", sagt der grauhaarige Mann.So viele Menschen sterben allein in Deutschland jedes Jahr an plötzlichem Herztod. Das sei kein unabänderliches Schicksal, viele könnten gerettet werden, käme die Hilfe nur schneller, erklärt Dietrich Andresen, Herzspezialist am Urban-Krankenhaus in Berlin.

Wir befinden uns im Estrel in Neukölln, mit 1125 Zimmern und Suiten Deutschlands größtes Hotel. Hier findet der Kurs zur Handhabung des "Defibrillators" (kurz: Defi) statt. Die besseren Versorgung mit Defibrillatoren ist Anliegen der Björn-Steiger-Stiftung, die die Geräte zum halben Preis zur Verfügung stellt. Schirmherr der Initiative ist Bundespräsident Rau, als "Botschafter" fungiert Formel-Eins-Weltmeister Michael Schumacher.

An zwei lachsfarbenen Gummipuppen sollen die zehn Mitarbeiter des Hotels lernen, wie man einen "Defi" fachgerecht einsetzt. "Denn beim Herzinfarkt zählt die Zeit", sagt Andresen. Pro Minute sinke die Chance einer Wiederbelebung um zehn Prozent. "Und nach zehn Minuten ist in der Regel alles aus." Deshalb will der Mediziner in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz, das Personal von Berliner Hotels und Kaufhäusern in der Benutzung des "Defi" schulen.

Wie notwendig eine schnelle Hilfe vor Ort ist, zeigte sich einmal mehr im April dieses Jahres: Der Stardirigent Guiseppe Sinopoli starb während einer Aufführung in der Deutschen Oper Berlin. Bei der Schulung demonstriert Andreas Last vom Roten Kreuz denTeilnehmern, wie man den Defibrillator einsetzt. Zwei blonde Damen von der Rezeption proben die Technik der Reanimierung an den Puppen. Schief gehen könne beim Gebrauch des Defi-Geräts kaum etwas, versichert Andresen. Sogar, wenn man einem Gesunden den Stromstoß von immerhin 7000 Volt verpasse. "Das ist zwar kurzfristig schmerzhaft, es ist aber nicht gefährlich", sagt der Herzspezialist.

Die Damen von der Rezeption kleben die großen Elektroden auf die Brust der Puppe. Das Defi-Gerät misst nun, ob ein Kammerflimmern des Herzens vorliegt, und erst wenn das der Fall ist, sagt es dem Benutzer, dass der nächste Schritt erfolgen soll. "Schock empfohlen", "Patienten nicht berühren", spricht das Gerät.

Schon bald scheinen alle Teilnehmer die Handhabung des Gerätes zu beherrschen. "Das Schwierigste ist aber nicht die Technik", sagt Andresen, "sondern die Hemmung zu überwinden: auf den Patienten zuzugehen, das Hemd aufzumachen ... " Diese Hemmung müsse man überwinden, sagt der Arzt den Hotelangestellten. Im günstigsten Fall könnten damit bis zur Hälfte der derzeitigen Herzinfarkt-Todesopfer gerettet werden, schätzt Andresen. Und deshalb gehen die Schulungen weiter: Am gestrigen Mittwoch bekam das Personal vom KaDeWe seinen ersten Defi-Kurs.

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