Gesundheit : Benjamin-Franklin: Das Klinikum als Spartrophäe?

Anja Kühne

Das Klinikum Franklin ist leistungsstark. Das geben inzwischen auch einige Politiker der neuen Regierung zu. Ihr entscheidendes Argument für die Schließung ist der Sparzwang. Ob die geplante Summe aber wirklich in absehbarer Zeit erbracht werden kann, scheint fraglich.

Die magische 97:

Die Zahl, um die sich alles dreht, ist der Zuschuss, der Berlin dem Klinikum jedes Jahr für Forschung und Lehre zahlt: 97 Millionen Euro. Dieses Geld will der Senat sparen, wenn das Klinikum zu einem privaten Krankenhaus wird.

Was Studenten kosten:

Bernd Köppl, Wissenschaftskoordinator in der Vorgängerregierung, hält die Summe für illusorisch: Die Charité könne die Studenten der FU nicht zum Nulltarif übernehmen, weil für die Medizinerausbildung gesetzlich Qualitätsstandards festgeschrieben sind. Köppl meint, auch langfristig müsste immerhin die Hälfte des jetzt für die Lehre an der FU gebrauchten Geldes (etwa 20 Millionen Euro) an die Charité umgeleitet werden - es sei denn, der Senat will Studienplätze streichen. Vielleicht ist die Summe aber auch zu hoch gegriffen. Manfred Dietel, der ärztliche Direktor der Charité, weist darauf hin, dass schon jetzt die meisten Studenten des UKBF den teuren klinischen Teil ihrer Ausbildung in der Charité absolvieren. Zusätzliches Geld bräuchte die Charité also nur für die vorklinische Ausbildung. Grafik: Vernetzt mit der Berliner Medizin Wer macht es billiger:

Die FU bildet die Studenten nicht billiger aus als die Humboldt-Universität. Entsprechende Berechnungen, mit der die FU sich verteidigen wollte, gehen von falschen Voraussetzungen aus.

Wohin mit den Professoren:

In den Koalitionsverhandlungen sind SPD und PDS davon ausgegangen, dass in der nächsten Legislaturperiode 80 Prozent der 84 am Klinikum beschäftigten Professoren in den Ruhestand gehen. Das ist aber falsch: Nur 23 Prozent werden in den nächsten vier Jahren ausscheiden, die meisten Professoren am Klinikum sind noch jung. Wohin mit ihnen? Gespart wird, wenn einige Berlin verlassen. Im Widerspruch dazu will der Senat aber auch, dass gute Leute in Berlin bleiben. Ein Lehrstuhl in der Humanmedizin mit Ausstattung (von der Sekretärin bis zu Oberärzten) kostet im Jahr fast 255 000 Euro.

Die Franklin-Professoren könnten HU-Professoren ersetzen, die in Pension gehen, schlägt Christian Gaebler von der SPD-Fraktion vor. Aber was, wenn die Franklin-Mediziner gar nicht das entsprechende Stellenprofil haben? Für diejenigen Professoren, die nicht in andere Bundesländer, an die Charité oder an das zukünftige Versorgungskrankenhaus Franklin wechseln, muss der Senat die Gehälter weiterzahlen - wenn auch nicht die Ausstattung. Laut Köppl werden langfristig bestenfalls 50 Prozent der jetzt für Forschung am Klinikum Franklin ausgegebenen Mittel gespart - wie schon bei der Lehre. Statt 97 Millionen Euro hätte der Senat dann insgesamt knapp 50 Millionen gespart.

Baukosten:

Das Klinikum Franklin muss für 130 Millionen Euro baulich auf Vordermann gebracht werden. Dem gegenüber könnte der Bund aber 76 Millionen Euro zurückfordern, wenn aus dem Klinikum ein Versorgungskrankenhaus wird. Die SPD setzt diese Zahl niedriger an: Nur noch fünf bis zehn Millionen Euro werde der Bund zurückfordern, vielleicht nicht mal die, meint Christian Gaebler, der wissenschaftspolitische Sprecher der SPD.

Betten und Brandenburger:

Brandenburg hat kein Uniklinikum, deshalb braucht Berlin zwei, argumentieren die Gegner der Schließung. Nach der Vereinigung mit Brandenburg läge die Bettenzahl pro Einwohner sonst 25 Prozent unter dem Bundesschnitt. Die SPD sieht aber nicht ein, warum Berlin bis zur Vereinigung auch noch die Kosten für die uni-medizinische Versorgung der Brandenburger übernehmen soll.

Finanzielle Flurschäden:

Die Schließung des UKBF würde viele Forschungskooperationen zerschlagen (siehe Grafik) und Berlin gingen Drittmittel verloren - wenigstens vorübergehend, wie Robert Nitsch, Prodekan an der Charité meint. Auch weitere wirtschaftliche Folgen sind zu befürchten: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt, dass dem regionalen Wirtschaftskreislauf jährlich 190 Millionen Euro an Investitionen und Gehältern entzogen würden.

Was bleibt?

SPD und PDS geben zu, dass es bislang keine Berechnungen gegeben hat, wann und wie die 97 Millionen Euro Zuschuss mit der Abwicklung tatsächlich gespart werden. Die Vorschläge seien Sache der Expertenkommission, die erst noch eingesetzt werden muss. Vor allen Dingen handle es sich um eine langfristige "Strukturentscheidung". Köppl von den Grünen spricht von "Wowereits Spartrophäe": "Er musste den Berlinern zeigen, dass was passiert. Es hätte genauso gut eine Oper treffen können."

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