Gesundheit : Beredte Briten: "Haben wir Vertrauen in diese Regierung?"

Kathrin Singer

"Bleiern schwer und langweilig" sei die Vortragskunst in Deutschland. So hart äußerte sich Thilo von Trotha, Vorsitzender des Verbandes der Redekultur, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Im Gegensatz zu Ländern wie England sei im deutschen Bildungssystem kein Platz für die freie Rede. Darin sieht von Trotha, der schon als Redenschreiber für Bundeskanzler Helmut Schmidt tätig war, den Grund für die schlechte Redekultur in Deutschland.

Viele Briten sind begnadete Redner. Woche für Woche wird jeden Mittwoch der Beweis dafür geliefert, wenn sich der Premierminister und der Führer der Opposition öffentlich im Parlament eine Redeschlacht liefern. Wahnsinnig schnell reagieren sie auf Unstimmigkeiten der Rede des politischen Gegners, finden genau heraus, wenn Zusammenhänge nicht folgerichtig dargelegt werden und hacken mit vielen Spitzen und Humor darauf ein. Am Ende jeder Übertragung vergibt ein Panel von Journalisten sogar Noten. Derzeit geht der Führer der Konservativen meistens als Sieger hervor. Vergangenes Jahr wurde William Hague sogar zum besten Orator des Hauses gekürt.

Auch ganz persönliche Erfahrungen in England bestätigen von Trothas Einschätzung. Spricht in der Deutschen Schule in London ein Redner aus Deutschland, schlafen die Jugendlichen in 96 von 100 Fällen sanft ein, kaum aber betritt der erste Brite die Bühne, sind spätestens nach einer Minute alle wieder hellwach. Ein Witz, eine Anekdote oder eine ironische Bemerkung bewirken immer wieder Wunder.

Vom Himmel fällt das natürlich nicht. In vielen Schulen gibt es Debattierclubs, denen die Schüler bereits im Alter von 13 Jahren beitreten. Teil des Lehrplans sind die Clubs jedoch nicht. Es hängt allein davon ab, dass es einen enthusiastischen Lehrer gibt, der sich der Jugendlichen annimmt. Gibt es den, funktioniert alles so wie man es vom Sport her kennt. Es wird trainiert, wie Reden strukturiert werden, wie man einsteigt, wie man rhetorisch clever zusammenfasst. Auch die Fähigkeit, schnell einen schwachen Punkt in der Rede des Opponenten zu erkennen, ohne selbst Spezialist der Materie zu sein, wird vermittelt. Das, so lautet die übereinstimmende Meinung aller befragten Jugendlichen, ist der eigentliche Spaß.

Wettbewerbe und Clubs

Einmal wöchentlich wird nach dem Unterricht in den Debattierclubs dann alles diskutiert - von der Notwendigkeit, dem Euro fern zu bleiben, bis zur Frage, ob der Mathematikunterricht nicht besser abgeschafft werden sollte. Auf den Inhalt kommt es dabei weniger an, vielmehr darauf, geistreich und schlagfertig zu reagieren.

Auch Schulmeisterschaften, regionale Wettkämpfe und internationale Debattier-Olympiaden mit Teams aus der ganzen Welt werden alljährlich abgehalten. Besonders gut schneiden dabei immer die Iren ab. Sie sind durch ihre Spritzigkeit und ihren Witz selbst von den Engländern nicht zu übertreffen.

Die Inhalte sind zweitrangig

In diesem Jahr gab es einen weiteren Höhepunkt, der großen Spaß gemacht hat. Die Schulen wurden aufgerufen, ihre Debatten zu filmen und die Videos einzureichen. Die besten Teams werden im Fernsehstudio gegen Prominente eine Debatte im Unterhaus ausfechten und so medienwirksam schon früh auf sich aufmerksam machen.

Richtig zur Sache geht es dann in den Universitäten. Weltbekannt ist die Debattiergesellschaft "Oxford Union", die vor 175 Jahren gegründet wurde. Für das erste Studienjahr organisiert sie Workshops. Jeden Sonntag gibt es in der Union interne Debattierrunden, an denen sich regelmäßig 70 bis 100 Studenten beteiligen. Immer donnerstags finden die berühmten Showdebatten mit eingeladenen Gästen statt. Beinahe jeder mit Rang und Namen hat schon in der Oxford Union diskutiert: Malcolm X, der Dalai Lama, Desmond Tutu, Richard Nixon oder Yassir Arafat. Das Interesse ist so groß - nicht nur wenn Michael Jackson kommt -, dass der Saal mit 500 Plätzen oftmals nicht ausreicht.

In den Diskussionen, bei denen jeweils ein Redner für eine Sache eintritt und einer dagegen, geht es in der "Oxford Union" allerdings nie darum, irgendeinen politischen Standpunkt zu vertreten. Es soll lediglich die Debatte an der Universität sowie weltweit gefördert werden. In diesem Jahr wurde im Januar zur Frage "Rot ist tot" diskutiert, im Februar zu Themen wie "Israels Probleme sind hausgemacht" oder "Die großen Firmen sind die natürlichen Feinde der Umwelt". Jedes neue Studienjahr wird allerdings immer mit ein und derselben Debatte eröffnet: "Haben wir Vertrauen in diese Regierung?" Stichhaltig und rhetorisch brillant wird die Frage jahraus jahrein mit Nein beantwortet. Das hat keine Auswirkung auf die Geschicke des Landes, denn - wie bereits gesagt - Inhalte sind zweitrangig.

Claus Müller, ehemalig Student in Cambridge und heute an der Deutschen Botschaft in London tätig, sieht darin das Haupthindernis für uns Deutsche. Deshalb, so das resignierte Resümee, werden wir die hohe Kunst der Rede wohl nie erlernen.

Dass da offensichtlich doch etwas zu machen ist, kann man hier zu Lande gelegentlich auf Hochzeiten erleben -bei den Toasts auf das Brautpaar. Da wird so manche Rede zum kleinen Kunststück - mit genauen Kenntnissen über das Paar angereichert, mit netten Anekdoten gespickt. Die Redner werben mit viel Charme um die Gunst der Gäste. Es ist zu spüren: Dieser Auftritt ist ihnen wichtig - gleichzeitig Ehre und Chance. Ihre Ansprachen sind der Höhepunkt des Abends. Ein banales Hoch auf das Brautpaar und die Eltern verbunden mit den besten Wünschen für eine glückliche Ehe wäre einfach undenkbar.

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