Berlin School of Mind and Brain : Und das Gehirn steht im Mittelpunkt

Doktoranden der Graduiertenschule forschen über Geist und freien Willen

Uwe Schlicht

Seitdem es Philosophen gibt, treibt diese herausragenden Köpfe die Frage um, was können wir wissen, wie erwerben wir Wissen und Erkenntnis, was bestimmt unser Bewusstsein? The Berlin School of Mind and Brain wird diese Fragen erneut stellen, nur dass sie jetzt nicht allein philosophische Denkkonstruktionen sind, sondern auch auf neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung, der Biologie und Psychiatrie beruhen. Aber der philosophische Ansatz kommt in dieser Graduiertenschule nicht zu kurz. Die Schlüsselbegriffe „Entscheidung“, „freier Wille“ und „Bewusstsein“ werden einen zweiten Schwerpunkt der Graduiertenschule bilden.

Dass die Humboldt-Universität im Exzellenzwettbewerb der deutschen Universitäten den Zuschlag für diese Graduiertenschule erhielt, liegt an der Aktualität des Themas. Die Hirnforschung hat aufgrund neuer Untersuchungsmethoden gewaltige Fortschritte gemacht. Die Computertomographie hat es der Hirnforschung erlaubt, zum ersten Mal an lebenden Menschen die Hirnstrukturen in Bezug auf geistige Leistungen zu untersuchen. Die Kernspintomographie brachte insofern einen weiteren Fortschritt, als auf die Verwendung schädlicher Röntgenstrahlen bei den Hirnuntersuchungen verzichtet werden konnte. Aber nicht genug damit. Das funktionale Magnetische Resonanzverfahren (fMRI) ist heute zur grundlegenden Methode in den Neurowissenschaften geworden. Professor Arno Villringer, der Sprecher der Graduiertenschule, beschreibt die Fortschritte, die durch fMRI erzielt werden so: „Es ermöglicht die Abbildung von Hirnaktivität mit einer räumlichen Auflösung im Millimeterbereich und bedarf keinerlei Verabreichung radioaktiver Substanzen beziehungsweise schädlicher Röntgenstrahlen.“ Durch das neue Verfahren „ist in den letzten Jahren zunehmend die Abbildung der Hirnaktivität bei höheren Hirnfunktionen wie Sprache, Entscheidungsfindung, moralischem Urteilen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt“.

Gerade durch die Fortschritte sind eine Menge neuer Probleme entstanden, die Villringer so umreißt: Die neuen Befunde und deren Interpretation in den einschlägigen Fachzeitschriften „stecken noch in ihren Kinderschuhen in so zentralen Punkten wie der klaren Definition ihrer Gegenstände, der Übereinkunft über die Aussagekraft bestimmter Befunde für bestimmte Fragestellungen“. Die für die Wissenschaftskultur zutage getretenen Probleme seien auch darauf zurückzuführen, „dass es bisher keine Wissenschaftler gibt, die in einem solchen neuen Fach ausgebildet wurden“. Genau an diesem Punkt möchte die Berlin School of Mind and Brain ansetzen. „Sie möchte eine neue Generation von Wissenschaftlern heranziehen.“

Pro Jahr will die Graduiertenschule 20 Doktoranden aufnehmen. Für die Betreuung der Nachwuchsforscher steht eine 60-köpfige Fakultät von Wissenschaftlern zur Verfügung. Damit das Ziel erreicht werden kann, dass die Doktoranden innerhalb von drei Jahren ihre Promotion abschließen, wird jeder Doktorand grundsätzlich von zwei Wissenschaftlern betreut. Der eine kommt aus dem Bereich „Geist“, der andere von der Hirnforschung.

Die Berlin School of Mind and Brain hat ihr Zentrum an der Charité, und die Humboldt-Universität ist die Sprecherhochschule. Aber die Freie Universität und die Technische Universität sind ebenso wie die Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg und die Universität Potsdam Partnerhochschulen. Die Verbindungen in die vielfältige Wissenschaftslandschaft von Berlin reichen noch weiter bis zur Akademie der Wissenschaften, zu Fraunhofer und MaxPlanck-Instituten, dem Max-DellbrückCentrum für Molekulare Medizin, dem Wissenschaftskolleg und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Im März dieses Jahres wurden die ersten elf Doktoranden in die Graduiertenschule aufgenommen. Die Graduiertenschule wird zunächst für fünf Jahre von Bund und dem Land Berlin mit jährlich einer Million Euro gefördert. Uwe Schlicht

Kontakte: www.mind-and-brain.de; E-Mail info@mind-and-brain.de

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