Gesundheit : Berlin wird zum Risiko

Punkt für Punkt: Die Präsidenten der drei großen Universitäten widersprechen den Sparthesen von Finanzsenator Thilo Sarrazin

Peter Gaehtgens[Kurt Kutzler],Jürgen Mlyne

Von Peter Gaehtgens,

Kurt Kutzler und Jürgen Mlynek

Falsche Behauptungen werden auch durch Wiederholung nicht richtig – selbst wenn sie vom Finanzsenator kommen. In einem gestern im Tagesspiegel veröffentlichten Interview wiederholt Herr Sarrazin erneut seine seit Wochen vorgetragenen falschen Zahlen. Daher hier die Richtigstellung der Interview-Aussagen – Punkt für Punkt:

„Wir geben 73 Prozent mehr aus als andere.“

Wenngleich er es nicht klar sagt, muss der Senator hier wohl die Höhe der Universitätsausgaben pro Einwohner meinen. Aber: Ist dieser Vergleich Berlins mit einem Flächenstaat wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen wirklich angemessen?

„Die Kosten der Lehre (sind) pro Absolvent an den drei Berliner Universitäten gut 56 Prozent über dem Niveau von Hamburg.“

Der soeben von der HIS-GmbH erarbeitete Ausstattungsvergleich zeigt tatsächlich, dass die Kosten der Lehre pro Absolvent an den drei Berliner Universitäten höher sind als in Hamburg; allerdings beruht diese Analyse auf Zahlen des Jahres 2000, die inzwischen erheblich reduziert wurden. Was Sarrazin ferner verschweigt, ist, dass den Hamburger Universitäten soeben von einer unabhängigen Expertenkommission (Dohnanyi-Kommission) eine deutliche Unterausstattung bescheinigt wurde, die auch ihre Drittmittelfähigkeit in Frage stelle. Im Übrigen zeigt der Ausstattungsvergleich etwa der TU Berlin mit anderen, ähnlich leistungsfähigen Technischen Universitäten, dass ein Ausstattungsvorsprung keineswegs besteht (Tagesspiegel vom 24. April).

„Die konsumtiven Zuschüsse an die Hochschulen sind von 933 Millionen Euro 1991 auf 1160 Millionen im Jahre 2003 gestiegen; daraus ergibt sich ein Zuwachs von rund 230 Millionen Euro.“

Um die Angaben der beiden Jahre zu vergleichen, müssen auch 1991 die Ausgaben für die Fachhochschulen und andere Einrichtungen (z.B. Botanischer Garten und Naturkundemuseum) berücksichtigt werden. Insgesamt betrug der Zuschuss 1991 damit 1078 Millionen Euro. Der nominale Zuwachs des Zuschusses bis 2002 ist zum einen eine Folge des Aufbaus der Humboldt-Universität und der Charité zu Beginn der neunziger Jahre sowie der Gründung der FHTW im Jahr 1994. Dass es trotz eines massiven Stellenabbaus keine nominellen Zuschusssenkungen gab, ist auch die Folge von Inflationsausgleichen, Tarifanhebungen und gestiegenen Versorgungslasten. Tatsächlich musste die Stellenzahl an den drei Universitäten aufgrund der Finanzentwicklung von 1992 bis 2002 von 14 783 auf 9 146 gesenkt werden; das entspricht einem Abbau von insgesamt 38 Prozent, bei den wissenschaftlichen Stellen von 44 Prozent. Von einem „Zuwachs“ kann also real keine Rede sein.

„Es wäre sinnvoll, 20 000 Studienplätze an die Fachhochschulen zu verlagern. Dort kostet die Ausbildung nur die Hälfte.“

Diese Behauptung ist falsch. Gerade die nach Sarrazin „nicht relevanten“ Studienfächer gibt es an Fachhochschulen nicht; dafür können auch keine Studiengänge eingerichtet werden. Ferner zeigt ein Vergleich von zwei kürzlich erschienen Studien der HIS-GmbH zu den Kosten für die Lehre an Universitäten und Fachhochschulen, dass die Ausbildungskosten in den entsprechenden Studiengängen an Fachhochschulen keineswegs unter denen der Universitäten liegen: Im Mittel der verglichenen zehn Studiengänge kostete im Jahr 2000 der Absolvent einer Fachhochschule 72 600 Mark, der einer Universität dagegen nur 63 000 Mark.

„Heute werden die Berliner Hochschulen jährlich mit knapp 1,4 Milliarden Euro bezuschusst; Chemie, Mathematik und Physik erhalten im Bereich der Lehre davon aber nur 48,5 Millionen.“

Der konsumtive Zuschuss der Berliner Hochschulen beträgt 1,172 Milliarden und nicht 1,4 Milliarden Euro. Davon erhalten die drei Unis außerhalb der Humanmedizin 756 Millionen, in denen unter anderem 71 Millionen Pensionskosten enthalten sind. Allenfalls mit der verbleibenden Summe von 685 Millionen darf man die Kosten von Chemie, Mathematik und Physik vergleichen, wobei das weitere Spektrum der Natur- und Ingenieurwissenschaften (Biologie, Informatik, Pharmazie, Veterinärmedizin sowie die gesamten technischen Fächer) nicht verschwiegen werden darf.

„Eine Ausbildung von Lehrern … über den Berliner Bedarf hat wirklich nichts mit dem Wissenschaftsstandort Berlin zu tun.“

Eine schon seit Jahren vorliegende Studie zeigt, dass in Berlin deutlich weniger Lehrer ausgebildet werden als es dem Bedarf der Stadt entspricht – von einem Überangebot kann keine Rede sein.

„Die Universitäten sollen sich auf ihre Stärken konzentrieren und ihre Kräfte bündeln.“ Genau dies ist durch die Strukturpläne geschehen, die die Universitäten in 1997/98 aufgestellt haben, um den Abbauvorgang koordiniert zu gestalten; diese Strukturpläne wurden auf Bitten des Berliner Senats vom Wissenschaftsrat geprüft und im Wesentlichen für gut befunden. So wurden seitdem z.B. die Sportwissenschaft und Slavistik von der FU aufgegeben und an der HU konzentriert und umgekehrt die Pharmazie an der HU aufgegeben und an der FU konzentriert.

„Ein steigender Anteil der Abiturienten drängt in die Fächer, die weniger relevant sind für den Wirtschaftsstandort und die nicht zu den produktiven gehören.“

In den letzten beiden Jahren ist die Nachfrage in den natur- und technikwissenschaftlichen Studiengängen deutlich gestiegen, so dass wir in den nächsten Jahren von einer Auslastung ausgehen. In der Bundesrepublik existiert bisher die Eigenständigkeit der Entscheidung eines Abiturienten für ein Studienfach. Wenn Sarrazin mehr Abiturienten in die naturwissenschaftlichen Studiengänge haben will, soll er die entsprechenden Bemühungen der Universitäten um eine Änderung der Interessenslage der Schüler, z.B. durch Schülerinformationstage, durch die „Lange Nacht der Wissenschaft“ unterstützen. Im Übrigen belegen die Absolventenstudien, dass auch die Absolventen der „nicht relevanten“ geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer sich nach Studienabschluss sehr gut in den Beschäftigungsmarkt einfädeln.

„Wenn es Studiengebühren gibt, können Unis auch ihre Qualität ganz anders messen.“

Studiengebühren für das Grundstudium sind durch das Hochschulrahmengesetz verboten und eine Änderung ist nicht in Sicht.

„Für Wissenschaft ist wichtig, dass wir attraktiv sind für die besten Köpfe.“

Richtig, aber genau diese Attraktivität zerstört der Finanzsenator durch seine anhaltende Drohung mit ruinösen Kürzungen und seine Rede davon, lieber eine gute als drei mäßige Universitäten haben zu wollen. Berlin hat derzeit drei Universitäten, die in Deutschland zur Spitzengruppe zählen. Wenn der Finanzsenator sie künftig so ausstattet wie die in Hamburg, wird er das Gegenteil von Qualität erzeugen; seine Drohungen jedenfalls veranlassen schon jetzt die „besten Köpfe“, dreimal nachzudenken, ob sie das Risiko Berlin akzeptieren sollen – diese wachsende Skepsis beobachten wir in den Berufungsverhandlungen.

„Wer sagt, mit einem niedrigeren Zuschuss könnten die Universitäten ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen, sagt etwas Falsches.“

Das sagen die Universitäten auch nicht, aber sie verweisen 1. auf den bereits massiven Abbau der Vergangenheit, den der Finanzsenator falsch darstellt, 2. auf die erheblichen Personalüberhänge, die jetzt noch abzubauen sind, aber vom Finanzsenator ebenso ignoriert werden wie 3. die massiv steigenden Versorgungslasten, die er nicht mehr finanzieren will. Die Universitäten sagen 4., dass nicht der Finanzsenator entscheiden sollte, was „relevante“ Studiengänge sind und 5. dass vor allem die anhaltende öffentliche Katastrophenankündigung die Attraktivität des Standorts ruiniert – ganz abgesehen von der Unseriosität seiner Zahlen.

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