Gesundheit : Berliner Bibliotheken: Denkt größer

Susanne Metz

"Privatisiert die Bezirksbibliotheken": Unter diesem Titel veröffentlichte der Tagesspiegel einen polemischen Text von Harald Martenstein über die Misere des Berliner Bibliothekswesens. Er stieß auf viel Widerspruch. Eine Erwiderung von Susanne Metz, Leiterin der Stadtbibliothek in Friedrichshain-Kreuzberg.

In kaum einer deutschen Stadt gibt es so viele Bibliotheken wie in Berlin. Für jeden könnte etwas dabei sein: von der kleinen Kiezbibliothek über die Zentral- und Landesbibliothek bis hin zur größten deutschen Universalbibliothek, der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Dennoch sucht der Wissenschaftler wie der Kiezbewohner immer häufiger vergeblich nach seinem Wunschbuch. Berlin hat viele Bibliotheken und kein Geld.

Falsch ist die Einschätzung, dass es keinen Bedarf und keine Nachfrage nach den Bibliotheken und ihrem Angebot in Berlin gibt. Über 7 Millionen Besucher zählten die Öffentlichen Bibliotheken Berlins im Jahr 2000. Keine zweite Kultureinrichtung der Stadt kann solche Zahlen aufweisen, und die Nutzer kommen fast aus der ganzen Bevölkerung. Dazu gehören die Meinungs- und Entscheidungsträger offensichtlich nicht. Das erklärt, warum der Bürger als Bibliotheksbenutzer in Berlin keine Lobby hat.

Zudem leiden die öffentlichen Bibliotheken Berlins unter der Zweischichtigkeit der Verwaltung: das Land auf der einen, die 12 Bezirke auf der anderen Seite. So unterschiedlich die Bezirke sind, so unterschiedlich sind auch ihre Bibliotheken, deren finanzielle wie personelle Ausstattung. Während in Spandau in diesem Jahr rund 500 000 Mark Medienetat zur Verfügung stehen, werden in Friedrichshain-Kreuzberg die Bibliotheken in diesem und im nächsten Jahr gegen Null gefahren.

Seit diesem Jahr sind alle Stadtbibliotheken Berlins an den EDV-Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) angeschlossen. Die Bibliothekskunden können an Online-Katalogen in den Bibliotheken oder vom heimischen PC die Bestände aller öffentlichen Bibliotheken Berlins bestellen. Obwohl es damit die virtuelle Bibliothek längst gibt, verhindert die Bezirksstruktur bislang eine weiter gehende Vernetzungen zwischen den Stadtbibliotheken.

Die Zahl der öffentlichen Bibliotheken Berlins hat sich seit 1995 von 185 auf rund 130 Standorte reduziert, dennoch hat die Stadt bundesweit immer noch die meisten Öffentlichen Bibliotheken pro Einwohner: im Schnitt eine Bibliothek auf 17 000 Einwohner. In Hamburg sind es pro Bibliothek 30 000 Einwohner. Bei seit Jahren sinkenden Etats erscheint es immer mehr Bibliothekaren unverantwortlich, die wenigen Mittel auf viele kleine Bibliotheken zu verteilen. Die Schließung von kleinen Stadtteilbibliotheken zugunsten größerer, leistungsfähigerer Einrichtungen bleibt in Berlin dennoch ein Tabu, seltener auf Seiten der Bibliothekare als auf Seiten der Politik.

Die Losung der Zukunft kann in Berlin nur sein: Qualität statt Quantität. Weniger, aber größere und bessere Bibliotheken, in ansprechenden Räumlichkeiten mit ansprechenden Angeboten. Attraktive Öffnungszeiten, aktuelles Medienangebot, Recherchedienst, Internet. Aber auch das kostet Geld. Harald Martenstein sieht den Ausweg aus der Krise der Berliner Bibliotheken in ihrer Privatisierung. Bibliotheken könnten von Privaten wie Videotheken günstiger und erfolgreicher geführt werden. Allerdings sieht er in Bibliotheken pure Leihbüchereien. Wären sie das, so könnte man sie tatsächlich kostengünstiger betreiben. Selbstverbuchungsgeräte statt teures Personal. Doch dieses Bild stimmt nicht: Der Medienmix in den Bibliotheken von der Tageszeitung über das Buch, die CD-ROM bis hin zur Note und dem Internet und die professionelle Beratung und Informationsvermittlung machen für die Besucher den Reiz aus. Eine gänzliche Privatisierung ist unter wirtschaftlichen und ideellen Gesichtspunkten nicht umsetzbar. Selbst in den USA, das Paradebeispiel für wenig Staat, werden Bibliotheken als kommunale Aufgabe gesehen und gefördert. Was hilft aber den Bibliotheken aus der Finanzkrise? Die Antwort auf diese Fragen ist nicht in Sicht. Der Privatisierungsansatz mag nicht ganz in die falsche Richtung weisen. Löst man sich von seiner Zukunftsvision der Bibliothek als kommerzielle Leihbücherei, bleiben genügend Spielarten für eine veränderte Rechtsform zur flexibleren Krisenbewältigung. Stiftung, Eigenbetrieb oder GmbH, all dies gibt es in der Bundesrepublik für Bibliotheken bereits. Auch in Berlin werden solche Trägerschaften geprüft. Das Ziel muss dabei stets die Beantwortung der Frage sein: Welchen Nutzen haben die Bürger davon?

Doch unabhängig von möglichen zukünftigen Rechtsformänderungen wären aus Sicht vieler Bibliotheksleiter schon heute Spareffekte durch Kooperationen möglich. Berlin stellt jährlich Millionen von Mark zur Verfügung, um Schulbücher und Lehrmittel zu kaufen. Wie häufig mag Goethes "Faust" in Berliner Schulen als Klassensatz ungenutzt stehen? Warum kauft jede Schule in Zeiten der Geldknappheit die gleichen Bücher, anstatt die Möglichkeiten der über den VÖBB vernetzten Bibliotheken zum "Book-sharing" zu nutzen?

Wenn Martenstein mehr Beweglichkeit und Kreativität in der öffentlichen Verwaltung Berlins fordert, rennt er bei vielen Bibliothekaren offene Türen ein. Die Bibliotheken als das Opfer zu benennen, das zu erbringen ist, um dieses Ziel zu erreichen, zeigt das negative Image der Bibliotheken in manchen Teilen der Öffentlichkeit. Die Verwaltung und mit ihr die Stadtbibliotheken müssen sich bewegen, um die Krise als Chance für einen Neuanfang zu nutzen. Die Bibliotheken sollten Täter, nicht Opfer sein.

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