Gesundheit : Berliner Hochschulen: Wirtschaft fordert wahre Priorität für die Wissenschaft

Uwe Schlicht

Nur selten äußern sich Spitzenvertreter der Wirtschaft zusammen mit den Hochschulpräsidenten zu Zukunftsfragen Berlins. Gestern starteten zum zweiten Mal nach 1996 Manager und Hochschulpräsidenten eine solche Aktion. 1996 ging es darum, die Stadt davor zu bewahren, die Grenze von 85 000 Studienplätzen zu unterschreiten. Diesmal geht es um die Hochschulverträge für die Jahre 2003 bis 2005, deren Finanzierung noch in diesem Monat geklärt werden muss. "Das Schicksal des Standorts Berlin entscheidet sich in starkem Maße gerade an der Entwicklung seiner Wissenschaftslandschaft" - mit diesen Worten begründete das Vorstandsmitglied von DaimlerChrysler, Manfred Gentz, vor der Presse das Engagement der Wirtschaft.

Hochschulpräsidenten und Spitzenvertreter der Wirtschaft bereitet es gemeinsam große Sorgen, dass angesichts des in ganz Deutschland anstehenden Generationswechsels bei den Professoren Berlin in der Konkurrenz um die besten Nachwuchswissenschaftler nicht mithalten kann. Die Universitätspräsidenten bezifferten gestern auf einer Pressekonferenz allein den Investitionsbedarf für die Berufung neuer Professoren in den nächsten Jahren auf 270 Millionen Mark. Denn an den drei Berliner Universitäten müssen bis zum Jahr 2005 insgesamt 546 Professuren wiederbesetzt werden.

In den Hochschulverträgen ist bisher jedoch nur eine Summe von 175 Millionen Mark vorgesehen, die in den Jahren 2003 bis 2005 zusätzlich zur Verfügung gestellt werden könnte, sofern der Berliner Senat und das Abgeordnetenhaus dieser Erhöhung zustimmen sollten. Das ist unwahrscheinlich. Hinzu kommt: Diese 175 Millionen Mark sind nicht allein für die Neuberufungen vorgesehen, sondern dienen auch zum Ausgleich der wachsenden Belastungen der Hochschulen durch Pensionen und Beihilfen, sie sollen Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst auffangen und die Bauinvestitionen ermöglichen.

Der Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer, Manfred Gentz, forderte daher Senat und Abgeordnetenhaus auf, die neuen Hochschulverträge mit den Finanzbeträgen zu akzeptieren, die Staatssekretär Josef Lange mit den Hochschulpräsidenten ausgehandelt hat. Manfred Gentz: "Was bisher in den Hochschulverträgen ausgehandelt wurde, ist der Minimallevel und für die Hochschulen mit erheblichen Substanzverlusten verbunden." Angesichts des extremen Wettbewerbs um die besten Köpfe im Land könne Berlin ohnehin finanziell nicht mithalten. Verlockend seien allein die große Attraktivität der Stadt und ein "gutes und vor allem verlässliches Umfeld für die Wissenschaftler". "Umso mehr ist unabdingbar, dass die in den Verträgen verankerten Zuschüsse jetzt durch Senat und Abgeordnetenhaus abgesichert werden." Man dürfe nicht Berlins Zukunft weiter gefährden.

Sein Kollege Norbert Bensel, ebenfalls von DaimlerChrysler, betonte: "Wer heute nicht in Schulen und Hochschulen investiert, vergeht sich an der Zukunft unseres Landes." Berlin könne nicht mehr in großem Maße industrielle Arbeitplätze schaffen. Wenn in der Stadt neue Arbeitsplätze entstünden, dann seien sie vor allem wissensbasiert. "Was heute in den Hochschulverträgen auf dem Tisch liegt, ist das Minimum, das nicht mehr unterschritten werden darf."

Eindringlich warnten die Vertreter der Wirtschaft davor, in der jetzigen Finanzkrise besonders bei der Hochschulmedizin 100 bis 150 Millionen Mark zu sparen. Günter Stock, Vorstandsmitglied der Schering AG, wies auf die Verflechtung von Wirtschaft und Hochschulforschung hin. Die Wissenschaft entwickele sich auf eine neue Einheit zu, in der Biologie, Medizin, Chemie, Informatik und neue Materialien miteinander vernetzt werden. Firmen wie Schering könnten auf diesen Gebieten nicht alles selbst machen, sondern seien auf die Zusammenarbeit mit guten Universitäten und Forschungsinstituten angewiesen. Berlin biete hier sehr gute Voraussetzungen und Schering lege bei seinen Standortentscheidungen Wert darauf, solche geeigneten Partner in der Umgebung zu finden. "Die Priorität für Hochschulen und Wissenschaft muss im Haushalt ausgestaltet und gesichert werden", forderte Stock.

Stock sprach von einer "unglücklichen Debatte", wenn die Medizin immer nur als Kostenfaktor betrachtet werde. Und das in einer Situation, in der "die Forschung in der Molekularmedizin anfängt abzuheben" und in Berlin zu greifbaren Ergebnissen führen kann. Berlin müsse seine Spitzenposition in der medizinischen Forschung halten, wenn die Stadt als Standort für internationale Unternehmen interessant bleiben wolle. "In fünf Jahren spätestens werden uns die heute zur Debatte stehenden Spareinschnitte in der Hochschulmedizin Leid tun, weil dann eine Aufholjagd notwendig wird."

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