Gesundheit : Berliner Hochschulmedizin: Glanzstück der Erneuerung

Uwe Schlicht

Einen großen Schritt nach vorn hat die Charité mit der Sanierung der Anatomie getan. In einem alten Klinkerbau aus dem Jahre 1885 steht heute die modernste Anatomie Deutschlands. Damit die Studenten besonders gute Lichtverhältnisse für das Sezieren der Leichen vorfinden, hatten die Architekten um 1885 die Präpariersäle in das Obergeschoss gelegt und mit einem Glasdach versehen. Die Folge: Im Sommer war es extrem heiß mit Temperaturen von 35 Grad und einem unerträglichen Leichengestank. Heute herrschen in der erneuerten Anatomie das ganze Jahr über Temperaturen um 18 Grad.

Das Problem wurde so gelöst: Neben jedem Präpariertisch für jeweils zehn Studenten steht ein Kühlschrank, in dem die Leichen aufbewahrt werden. Zum Präparieren werden sie herausgeholt und dabei wird der Geruch über und unter dem Präpariertisch gleichzeitig abgesaugt. Zu jedem Tisch gehören ein Röntgengerät und ein Bildschirm, mit dem jederzeit Verbindungen zu anderen Instituten, zum Beispiel der Pathologie zur Bestimmung von Gewebeproben, hergestellt werden können. Der Direktor der Anatomie, Professor Robert Nischt, kommt ins Schwärmen. "Die Amerikaner haben den Präparierkurs vor Jahren abgeschafft und führen ihn heute wieder ein, weil sie erkannt haben: Präparieren kann man nicht nur am Computer, mit der CD-Rom oder aus dem Lehrbuch lernen. Wir haben hier in der Berliner Charité die am besten ausgestattete Anatomie."

Die Kapazität der Anatomie ist auf die Betreuung von 400 Studienanfängern in der Humanmedizin und 80 in der Zahnmedizin abgestellt. Wenn das FU-Klinikum Benjamin Franklin seinen Universitätsstatus verliert und die Humboldt-Universität die Ausbildung von weiteren 200 Studienanfängern übernehmen muss, dann wird das einige Schwierigkeiten bringen. "Ohne Zusatzkosten von fünf Millionen Euro jährlich ist das nicht zu machen, und dazu müssen wir dann in drei Schichten arbeiten", sagt Nischt.

Am Bettenhaus wird festgehalten

Über die Charité wird viel geredet - vor allem über das Bettenhochhaus. Die einen meinen, es sieht hässlich aus und da es die Stadt überragt, könne man sich ein besseres Symbol für die Charité vorstellen. Es hat das Design eines DDR-Repräsentationsgebäudes mit braunen Fliesen und Platten aus Kieselsteinen. Und das alles mit der Patina von 20 Jahren Luftverschmutzung. Der ärztliche Direktor der Charité, Professor Manfred Dietel, lässt das alles nicht gelten. Ein reiner DDR-Bau ist die Charité nie gewesen und damit stand sie auch zu dem Zeitpunkt ihrer Planung nicht hinter westlichem Standard zurück. Ein finnisch-schwedisches Konsortium hatte 1982 im Auftrag der DDR das Bettenhochhaus errichtet - das Vorbild war ein amerikanisches Krankenhaus.

Für den ärztlichen Direktor ist auch heute noch das Bettenhochhaus ein "funktional sehr gut konzipiertes Gebäude der kurzen Wege". In den unteren vier Stockwerken befinden sich 16 Operationssäle, der große Hörsaal für die Lehrveranstaltungen, und hier sind auch die Radiologie, Endoskopie, die Diagnostik und weitere Versorgungsinstitute untergebracht. Darüber befindet sich das eigentliche Bettenhochhaus. Die Rettungsstelle befindet sich im Erdgeschoss und ist gerade erst für 12 Millionen Euro saniert worden.

Diesen neuesten Stand der Technik hat inzwischen auch die Hälfte der Stationen im Bettenhochhaus erreicht. Selbst in den Stationen, die immer noch nach dem Standard der DDR-Zeit arbeiten, ist die Charité keinesfalls ein abgenutztes Krankenhaus. Schon damals wurden in den Krankenzimmern Nasszellen eingebaut - es gibt Zweibett, Dreibett- und Vierbettzimmer, alle mit Fernsehanschluss und Telefon ausgestattet.

Im Zuge der Renovierung werden jetzt schrittweise die Stationen im 21-stöckigen Bettenhochhaus erneuert. Standardanhebung heißt das: Es gibt mehr Zweibettzimmer. Die alten Vierbettzimmer bleiben zwar in ihrer Größe erhalten, werden aber nur noch mit drei Patienten belegt. Die Nasszellen sind jetzt auch für Behinderte gestaltet. Und in der Technik hat es Fortschritte gegeben: Jede Station verfügt jetzt an einem übersichtlichen Eckpunkt, wo sich die Gänge zu den Patientenzimmern und zu den Funktionsräumen kreuzen, über eine zentrale Überwachungsstation. Sie ist mit Monitoren ausgestattet und so vernetzt worden, dass für jeden Kranken die Befunde, die Diagnose und der Behandlungsplan vom Bildschirm jederzeit abgerufen werden können. Das ist eine enorme Erleichterung, denn an der Diagnose sind in einem Universitätsklinikum die verschiedensten Ärzte beteiligt.

Manfred Dietel kennt die Finanznöte des Landes und weiß, dass das Versprechen, die Charité am Standort Mitte innerhalb von zehn Jahren für 400 Millionen Euro zu sanieren, nicht eingehalten wird. 175 Millionen Euro sind noch offen. Im kommenden Jahr sollen die Operationssäle im Bettenhochhaus erneuert werden, dazu ist die Vollendung der Versorgungsleitungen auf dem Charité-Gelände geplant. Um die Gefahr von Rauchvergiftungen im Falle eines Brandes zu verhindern, werden zur Zeit neue Rauchklappen eingebaut und die Aufzüge müssen nach 20 Jahren erneuert werden. Das Geld für diese Investitionen steht nach der Aussage von Dietel zur Verfügung.

Von jetzt an kleinere Schritte

Für die folgenden Jahre hat sich Dietel angesichts der Finanzknappheit des Landes kleinere Schritte überlegt: Die Hälfte der Stationen im Bettenhochhaus ist saniert worden. Wenn man die 3andere Hälfte nicht aufwendig saniert, sondern renoviert, könne man pro Jahr für vier Millionen Euro jeweils eine weitere Station modernisieren. Von Politikern wird das Gerücht kolportiert, die Charité könne das Bettenhochhaus gar nicht mehr füllen. Dietel widerspricht vehement. Von den 700 Betten im Hochhaus sind zur Zeit 613 in Betrieb. Bei diesen Betten erreicht die Charité am Standort Mitte eine Auslastung von 86 Prozent. Und dazu hat sie einen immer schnelleren Durchlauf der Patienten. Betrug vor fünf Jahren noch die durchschnittliche Liegezeit in der Charité 11 Tage, so sind es heute nur noch 8,6 Tage.

Dennoch denkt auch die Charité an die Zukunft und die Folgen der neuen Abrechnungsmethode nach Fallpauschalen (DRGs). Mit den neuen DRGs wird ein Bettenabbau einhergehen. In welcher Grö ßenordnung, ist noch ungewiss. "Selbst der Wissenschaftsrat kann das noch nicht sagen", erläutert Dietel. Aber: "Der Fetisch Betten ist überholt. Künftig denken wir nicht mehr in Betten, sondern rechnen ausschließlich in medizinischen Leistungen." Die Schätzung des Verwaltungsdirektors der Charité, Bernhard Motzkus, der von 1000 Betten spricht, die die Universitätsmedizin Berlin demnächst aufgeben müsste, teilt Dietel nicht. Aber einen zusätzlichen Bettennutzer und Investor mit ins Boot zu holen - daran hat die Charité ein hohes Interesse. Sie denkt an die Bundeswehr, die ihr bisheriges Krankenhaus in Berlin aufgeben und ihre Ärzte auf höchstem Niveau ausbilden möchte. Die Bundeswehr strebt eine Kooperation mit der Charité an, wünscht jedoch im Außenbild deutlich in Erscheinung zu treten. Deswegen fordert sie einen Neubau auf dem Charitégelände. Das wiederum gefällt dem ärztlichen Direktor Manfred Dietel überhaupt nicht. Eine nach außen hin deutliche Kennzeichung von Bundeswehrkrankenhaus und Charité ist für Dietel kein Problem,wohl aber der Bau eines neuen Bettenhauses.

"Warum soll die Charité, die im bisherigen Bettenhochhaus 36 000 Quadratmeter Hauptnutzfläche hat, einen Neubau befürworten, der nur 26 000 Quadratmeter Nutzfläche umfasst?" fragt er. Dieser Neubau würde 425 Millionen Mark kosten und dafür dürfte weder die Bundeswehr noch das Land Berlin das Geld haben. Und dazu könnte der Neubau nur im Spreebogen direkt an der Haupttrasse der Bundesbahn errichtet werden mit dauernder Lärmbelästigung durch die vorbeidonnernden Züge. Manfred Dietel fasst zusammen: "Die Bundeswehr ist der Charité willkommen, aber nur, wenn sie das Bettenhochhaus mit benutzt."

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