Gesundheit : Berliner Hochschulmedizin: Wie billig ist sie zu haben?

Niemand weiß, wie viel Geld die Klinik-Fusion spart

Juliane von Mittelstaedt

Es ist eine Zwangsheirat. Braut wie Bräutigam wissen noch nicht, ob sie sich lieben oder hassen sollen. Auch die Mitgift ruft kein Entzücken hervor: 98 Millionen Euro sollen sie einsparen. Die Ringe liegen bereit, gearbeitet wird nur noch am Ehevertrag.

Und kurz vorm Jawort springen die Kritiker dazwischen und fragen: Hat die Hochzeit überhaupt Sinn? Mit den Worten des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), der am Mittwoch zu einer Diskussion einlud: „Sparziel erreicht oder verfehlt?“ Es ging um die beschlossene Fusion der beiden Berliner Universitätsklinika.

George Turner, ehemaliger Wissenschaftssenator Berlins, zweifelte am Einsparvolumen und beklagte, das von der Expertenkommission unter Leitung des ehemaligen Wissenschaftsrat-Generalsekretärs, Winfried Benz, vorgelegte Gutachten mache hierzu keinen konkreten Vorschlag. Finanzsenator Thilo Sarrazin wollte sich ebenfalls nicht festlegen, sondern bekräftigte lediglich frühere Aussagen: Mit dem vorgeschlagenen gemeinsamen Management der Universitätsklinika Charité und Benjamin Franklin seien die Einsparungen „grundsätzlich“ machbar.

110 Millionen – oder doch nur 98?

Detaillierte Einsparvorschläge müsse dann der Vorstand vorlegen, der aus dem Vorstandsvorsitzenden und zwei etatverantwortlichen Direktoren für Forschung und Lehre sowie für die Krankenversorgung bestehen soll. Kontrolliert würden deren Pläne durch einen Aufsichtsrat. „Entscheidend ist der durch das Gutachten vorgezeigte institutionelle Weg“, erklärte Sarrazin. Er wiegelte Befürchtungen ab, die neu geschaffenen „interuniversitären“ Gremien seien ineffizient aufgrund unklarer Verantwortlichkeiten zwischen den getrennten Haushalten für Wissenschaft und Krankenversorgung.

Ob man dabei nun 98 oder 110 Millionen Euro kürze – egal. „Als ich kam, war die Zahl schon da.“ Entscheidend sei eine eiserne Einsparvorgabe, die sich nicht daran orientiere, was gekürzt werden kann, sondern was gekürzt werden muss. Und das seien eben 98 Millionen Euro. Punktum.

Trotzdem bleibt die Frage offen, ob das Sparziel trotz hoher Kosten durch Umzugstourismus – allein 45 Abteilungen oder Teile davon müssten vermutlich umziehen – realisiert werden kann. Die Mediziner sehen dies kritisch. Joachim Dudenhausen, Dekan der medizinischen Fakultät an der Humboldt- Universität, begrüßte zwar ebenfalls so grundsätzlich wie notgedrungen die geplante Strukturreform. Er gab aber zu bedenken, Aufgabe der Expertenkommission sei es gewesen, konkrete Einsparvorschläge vorzulegen. Dies sei jedoch nicht erfolgt.

Die Vorschläge müssten detailliert darauf geprüft werden, ob sie dem Sparziel überhaupt gerecht werden könnten. So seien 50 bis 100 Millionen Euro für bauliche Maßnahmen sowie fünf Millionen Euro Umzugskosten nicht berücksichtigt. Auch die „immensen Einnahmeausfälle“ durch die Bettenreduktion seien nicht einkalkuliert.

Dass es nicht anders geht, meinte Rolf-Dieter Müller, Vorstandsvorsitzender der AOK Berlin: Wenn es gelänge, die teuren Betten der Hochschulmedizin wie vorgesehen von 3000 auf 2200 zu senken und Fallpauschalen (DRGs) einzuführen, dann könne der aktuelle Beitragssatz der AOK Berlin von 17,5 auf 14,2 Prozent und damit annähernd auf Bundesniveau gesenkt werden. Die Bettenreduzierung führe nicht zu einer schlechteren Versorgung. Auch 1850 Uni-Betten seien für Berlin ausreichend. „Wir brauchen eine Hochleistungsmedizin an der Spitze, nicht in der Breite.“

Da die Uniklinika zu einem großen Teil auch die Kiezversorgung übernähmen, seien Einsparungen möglich, ohne die Qualität der Forschung zu gefährden. „Es wird natürlich weniger geforscht werden, vielleicht aber besser“, schlug sich Finanzsenator Sarrazin auf die Seite des Krankenkassenvertreters. Daran zweifelten die Vertreter der Berliner Kliniken. Exzellenz und Einsparungen, die quasi dem Wegfall eines Standortes entsprächen, seien schwerlich vereinbar, kritisierte Dudenhausen. Außerdem bräuchte eine Uniklinik eine gewisse Kernkompetenz, sonst drohe ein Flickenteppich der Versorgung.

Unabhängig von der Sparvorgabe des Senats kommt auf die Berliner Krankenhäuser noch ein weiteres Problem zu: Die Umstellung auf das neue Abrechnungssystem der Fallpauschalen wird geschätzte Einnahmeausfälle von bis zu 200 Millionen Euro mit sich bringen. Umstrukturierungen sind also ohnehin nötig, um die Berliner Medizin lebensfähig zu erhalten. Ebenso war man sich einig darüber, die Vorgaben des Gutachtens zügig umzusetzen, um Begleitschäden zu vermeiden. Wenn es dazu, wie einige befürchteten, nicht schon zu spät ist.

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