Gesundheit : Berliner Hochschulpolitik: "Da beißen Sie bei mir auf Granit"

Uwe Schlicht

Es ist noch nicht allzu lange her, als in der CDU und der SPD überlegt wurde, die Wissenschaft näher mit der Wirtschaft zu verbinden. Angesichts einer schwächelnden Wirtschaft kam sehr schnell der Gedanke auf, dass die eigentliche Ausstrahlung Berlins von der Kultur und Wissenschaft bestimmt wird: von 16 Hochschulen und einer Vielzahl von renommierten Forschungsinstituten. Und in der Kultur von einer reichen Theater- und Opernlandschaft sowie einer Orchesterkultur und Museumsvielfalt ohne Vergleich in Deutschland. Wissenschaft und Kultur sind Standortfaktoren. Heraus kam dann die Betrauung von Christa Thoben mit dem Amt der Wissenschafts- und Kultursenatorin. Sie gab ihr Amt sehr bald auf, als sich herausstellte, dass die finanziellen Rahmenbedingungen in Berlin nicht stimmen.

Jetzt wird vor den Wahlen erneut diskutiert, wie der künftige Zuschnitt der Senatsressorts aussehen könnte: Wieder Wissenschaft mit Kultur verbinden, oder soll die Wissenschaft wie in Nordrhein-Westfalen mit den Schulen in einem großen Ressort zusammengeführt werden. Das möchte die PDS. Der Präsident der Technischen Fachhochschule in Wedding, Gerhard Ackermann, forderte auf einer Diskussion mit Wissenschaftssenatorin Adrienne Goehler, der CDU-Hochschulexpertin Monika Grütters und dem PDS-Abgeordneten Benjamin Hoff die Zusammenlegung der Wissenschaft mit der Wirtschaft, weil so am besten verdeutlicht werden könne, dass die Wissenschaft Arbeitsplätze schafft.

Das brachte Adrienne Goehler auf die Barrikaden: Viele Wissenschaftler empfänden eine solche Lösung als Katastrophe, weil dann "Wissenschaft auf Wirtschaft reduziert wird. Da beißen Sie bei mir auf Granit". Geistes- und Kulturwissenschaften kämen bei einem solchen Ressortzuschnitt zu kurz. Sie halte die Kombination Kultur und Wissenschaft für ausgesprochen interessant und zukunftsträchtig, wenn man bedenke, wie stark die neuen Medien auf die Visualisierung und die Mitarbeit der Künste angewiesen seien. Ein Mammutressort Wissenschaft in Verbindung mit Schule lehnt die Senatorin ab.

Die Scheu vor Großlösungen zeichnet die neue Senatorin auch in der Medizinpolitik aus. Den Überlegungen der SPD und der PDS, die Charité und das Klinikum Benjamin Franklin in der Krankenversorgung unter einem Dach zusammenzuführen, erteilte sie eine Absage. Das klinge nach Kombinatslösungen. Das brachte der Senatorin prompt den Vorwurf des PDS-Abgeordneten Benjamin Hoff ein: Der Vergleich mit einer Kombinatslösung klinge nach einem Pauschalvorwurf gegen die DDR-Misswirtschaft.

Der PDS-Hochschulexperte sprach sich für ein Verbot der Studiengebühren aus und forderte für Berlin eine Erhöhung der Zahl von 85 000 Studienplätzen. Die Experimentierklausel, die es der FU, der Humboldt-Universität und der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft erlaubt hat, wesentliche Planungsentscheidungen einem Kuratorium neuer Art zu übertragen, in dem herausragende Manager mitwirken, will die PDS nicht antasten. Aber für alle anderen Hochschulen, die keine Reformsatzungen haben, schlägt die PDS ein Modell mit einer erweiterten Mitbestimmung vor.

Monika Grütters (CDU) stand mit ihrem Plädoyer, die Freie Universität in eine Stiftungsuniversität umzuwandeln, allein da. Keiner wollte so recht daran glauben, dass Berlin in der Lage wäre, über 20 Jahre eine Finanzgarantie für eine jährliche Budgetierung von 800 Millionen Mark zu geben. Dass diese Privatuni dann auch noch sozialverträgliche Studiengebühren erheben soll, passt weder der PDS noch den Bündnisgrünen oder der SPD. Frau Goehler rechnete vor, dass ohne eine staatliche Finanzgarantie Milliarden für ein Stiftungskapital notwendig seien, um jährlich aus den Zinserträgen eine Universität von der Größe der FU zu finanzieren. Die renommierte Harvard Universität in den USA habe Jahrhunderte benötigt, um ein Stiftungskapital von 19 Milliarden Dollar zu sichern, mit dem sie heute arbeitet. "In Berlin rechnet sich das nicht.

Goehler ließ keinen Zweifel daran: "Kultur und Wissenschaft sind die großen Magneten in der Stadt. Die Wissenschaft braucht nicht Berlin, aber Berlin braucht die Wissenschaft zum Überleben." Diese Erkenntnis erfordere Prioritäten: Man solle eher in Köpfe als in Beton investieren. Sie sehe noch Luft für Umschichtungen aus den Bereichen Verkehr und Wohnungen.

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