Gesundheit : Berliner Kulturpolitik: "Wir wollen junge und hungrige Köpfe anlocken"

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Adrienne Goehler (45) ist seit dem 16. Juni neue Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Studiert hat sie Romanistik und Germanistik in Freiburg und später noch Psychologie. 1989 wurde sie zur Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg gewählt und erreichte nach turbulentem Anfang 1995 ihre Wiederwahl. Zeitweilig hat sie der Grün-Alternativen-Frauenfraktion in Hamburg angehört. Dass Frauen eine größere Rolle in den von Männern dominierten Bereichen Wissenschaft, Technik , Wirtschaft, Kunst und Politik spielen sollen, ist ihr Credo.

Bernd Köppl (52) ist Koordinator für Wissenschaft und Forschung - eine Ersatzposition für den Staatssekretär. Köppl hat Politologie, später Medizin studiert und 1982 sein Staatsexamen abgelegt. Danach arbeitete er im Umweltamt und im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Seit 1979 ist er Mitglied der Alternativen Liste, seit 1983 Mitglied des Abgeordnetenhauses.

Haben Sie Ihren plötzlichen Wechsel aus dem ruhigen Hamburg in das stürmische Berlin schon bereut?

GOEHLER: Keineswegs. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Ich dachte, hineinzuspringen in die Zeit, die nun wirklich am spannendsten in Berlin ist, müsste ich riskieren.

Was reizt Sie an den zwei Riesenressorts, die jeweils die ganze Frau fordern: Kultur und Wissenschaft? Wollen Sie es wie Ihre Vorgänger von der CDU halten, der Kultur den absoluten Vorrang einzuräumen und in der Wissenschaft nur Stippvisiten zu geben oder dieses Feld einem Staatssekretär zu überlassen?

GOEHLER: Ich nehme an, dass mich die Grünen als Ehemalige ausgeguckt haben, weil ich mich für beide Ressorts in die Bresche werfe. Ich habe zwei Beine, um mich damit zu bewegen, und zwar auf dem Feld der Kultur und der Wissenschaft. In der Verbindung zwischen Wissenschaft und Kultur spielt die eigentliche Musik des 21. Jahrhunderts.

Wieso sehen Sie in der Verbindung das Zukunftsträchtige?

GOEHLER: In Künstlerkreisen ist das schon seit langem, beginnend mit Fluxus, systematisiert worden. Es gibt eine ungeheure Neugierde zwischen Künstlern und Wissenschaftlern. Gehirnforschung ist da ein Beispiel. Zunehmend kümmern sich auch Wissenschaftler um die Visualisierung ihrer Erkenntnisse - und da liegt die neue Ortsbestimmung. Es ist klar, dass Kunst und Wissenschaft wechselseitig in ein Verhältnis von Autorenschaft und Übersetzung kommen. Wenn man davon ausgeht, dass das 20. Jahrhundert sehr stark durch das Wort dominiert war, ist das 21. Jahrhundert die Verbindung zwischen Wort und Bild. Für die Politik bedeutet das, in beiden Bereichen muss mehr Bewegungsspielraum geschaffen werden, weil Kultur und Wissenschaft an ihren fixen Personalkosten fast zugrundegehen.

Mit der Fixierung auf die Personalkosten und den seit Jahren vernachlässigten Investitionen kommen wir zu dem Thema, das den Hochschulen in Berlin auf den Nägeln brennt. Die Hochschulpräsidenten verlangen die Billigung der neuen Hochschulverträge durch Senat und Abgeordnetenhaus noch vor der Sommerpause. Wollen auch Sie das bis zum 12. Juli erreichen, oder wird das erst nach der Sommerpause geschehen?

Ich setze alles daran, sämtliche Unterlagen für den Wissenschaftsausschuss, der am Mittwoch tagt, und dann für den Hauptausschuss fertig zu machen, so dass die Verträge am 12. Juli in der letzten Plenarsitzung vor der Sommerpause verabschiedet werden können. Die Koalitionspartnerin SPD hat noch finanzielle Vorbehalte, die wir ausräumen wollen. Da bin ich optimistisch. Wir sind im Moment noch in der Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Finanzen, die auch noch ein Wort mitzureden hat. Mich hat es sehr überrascht, dass zwar der ehemalige Finanzsenator die Hochschulverträge in einem Hauruck-Verfahren unterschrieben hat, dass dies aber nicht mit seiner Verwaltung abgestimmt war.

Was passiert mit der Hochschulmedizin?

GOEHLER: Nur in diesem Bereich wird überhaupt noch verhandelt.

Bis zur Sommerpause können Sie ja kaum große inhaltliche Veränderungen an dem bisher Ausgehandelten zulassen. Da kommen wir gleich zu dem Streitpunkt, um den es mit der SPD geht. Wie stehen Sie zu dem Wunsch von Klaus Wowereit, in der Hochschulmedizin 150 Millionen Mark zu sparen?

GOEHLER: Diese Zahl hat sich hartnäckig bei der Koalitionspartnerin gehalten. Ich glaube, dass die Zahl inzwischen vom Tisch ist. Das Anliegen der SPD ist es, Strukturveränderungen einzuleiten. Wir wollen jetzt ein Gipfelgespräch zwischen den beteiligten Verwaltungen und zwei Experten organisieren, das Transparenz in die Zahlen bringen soll. Parallel dazu lade ich die Universitätspräsidenten und Vorstände der Klinika ein. Ich möchte aus Betroffenen Beteiligte machen, und erst einmal das Gespräch suchen. Ich finde, es ist kein guter Stil, wenn sie von der Regierungsbank oder aus der Zeitung erfahren, was an Veränderungen auf sie zukommt. Man kann nicht häufig genug betonen, dass die Berliner Universitätsmedizin mit 135 Millionen Mark an eingeworbenen Drittmitteln bundesweit unangefochten einen Spitzenplatz einnimmt. Es ist für Berlin eine Herausforderung, diese Position zu behaupten.

Was erwarten Sie von den Medizinern?

KÖPPL: Wenn auch die Kürzungen von 150 Millionen Mark nicht mehr als realistisch eingeschätzt werden, so muss doch die neue Koalition angesichts der dramatischen Haushaltsnotlage nochmals alle finanziellen Verpflichtungen überprüfen. Dabei wird auch die Nebentätigkeitsverordnung ein Thema sein. Über die Details muss selbstverständlich mit den verantwortlichen Klinikvorständen geredet werden. Im Augenblick schütten die Uni-Klinika pro Jahr rund 34 Millionen Mark an 150 Medizin-Professoren aus. Man kann nicht riskieren, dass ein Klinikum geschlossen wird, deshalb müssen andere Wege gefunden werden.

Noch nie waren die Hochschulverträge so wichtig und schwierig zugleich. Die Hälfte der Professoren geht in den Ruhestand und macht Platz für Nachwuchswissenschaftler, die den Hochschulen in den nächsten 20 Jahren ein neues Gesicht geben werden. Kann man hier sparen, wenn andere Länder mit viel Geld um die besten Köpfe werben?

GOEHLER: Ich kann mein Ressort nicht von der Finanz- und Bankenkrise in Berlin abstrahieren. Locker formuliert: Wenn der Alte alles versoffen hat, muss der Rest der Familie schauen, wie er zurecht kommt. Will heißen: Wir müssen uns mit den Beteiligten im Improvisieren üben, wenn wir aus dieser katastrophalen finanziellen Situation herauskommen wollen. Ich erinnere daran, dass in den letzten zehn Jahren in den Hochschulen eine Milliarde Mark eingespart worden ist. Der Vorwurf, dass Wissenschaft und Kultur in erster Linie Kostgänger der Stadt seien, halte ich für völlig abwegig. Alle reden von der Wissensgesellschaft. Alle wissen, dass das Ende der klassischen Wirtschaft schon lange eingeleitet ist und dass wir die unternehmensbezogene Dienstleistungsgesellschaft auf Wissensbasis schon lange haben. Aber es hat in der bisherigen dilettantisch-fahrlässigen Haushaltspolitik noch keinen Niederschlag gefunden.

KÖPPL: Ich sehe den Umbruch an den Hochschulen eher als Chance. Wir können tatsächlich eine Erneuerung erreichen, die in der Regel mit alt eingesessenen Köpfen schwieriger zu machen ist. Berlin muss es schaffen, wegen unseres kulturellen Umfelds, unserer Ausstrahlung und der Hauptstadtfunktion die Köpfe anzulocken, die jung und hungrig sind. Wir geben in Zukunft den hoch qualifizierten Frauen mehr Berufungschancen als anderswo. Dies ist eine Aufforderung an die junge akademische Elite: Schauen Sie nicht primär nach der Ausstattung und dem Geld, sondern nach den Chancen und der spannenden Aufgabe, Berlin "neu zu erfinden". Wer daran Spaß hat, soll kommen.

Geld stinkt nicht, auch nicht für Wissenschaftler. Wir wissen, dass Baden-Württemberg und Bayern mit Milliardeninvestitionen für Zukunftsaufgaben locken und davon profitieren die Hochschulen. Da stehen wir in Berlin sehr bescheiden da. Bleibt es wenigstens bei der Summe von 150 Millionen Mark, die für die Ausstattung der neu zu berufenden Professoren vorgesehen sind?

GOEHLER: Dabei bleibt es. Aber ich will noch einmal auf Baden-Württemberg und Bayern zurückkommen. Natürlich können wir diesen Wettlauf selbst bei einer deutlichen Finanzspritze nicht gewinnen. Aber wir könnten mit anderen Strukturen locken - mit mehr Durchlässigkeit zum Beispiel. Es hat mich sehr gefreut, dass ich von einem Universitätspräsidenten gelesen habe, die Universität könnte zunächst mit jüngeren Professoren auf Zeit arbeiten. Wir müssen mehr Durchlässigkeit in den Besitzständen erreichen. Damit können wir locken.

Berlin löst gerade seinen ohnehin sehr bescheidenen Zukunftsfonds von 250 Millionen Mark auf. Bayern hat für den Zukunftsfonds 8,5 Milliarden und Baden-Württemberg vier Milliarden Mark vorgesehen. Die Berliner Sparentscheidung trifft die Genomforschung, Technologieprojekte der TU und Vorhaben außeruniversitärer Forschungsinstitute. Wird Berlin im Wettbewerb um Forschungsprojekte uninteressant?

Die Vorgängerregierung hat von den 250 Millionen Mark, die in dem Zukunftsfonds waren, bereits 200 Millionen Mark herausgenommen. Bisher hat es relativ wenig Vermittlung zwischen dem gegeben, was in dem Kuratorium des Zukunftsfonds diskutiert, beschlossen und empfohlen wurde. Es gab so gut wie keine Kenntnis, was da eigentlich gefördert worden ist und nach welchen Maßstäben. Dennoch habe ich im Senat gesagt, es ist ein fatales Zeichen, wenn wir den Zukunftsfonds einfach fallen lassen. Für dieses Jahr werden fünf Projekte, die in einem Umfang von 15 Millionen Mark vom Kuratorium beschlossen worden waren, realisiert. Wir haben dann noch einen kleinen Rest von fünf Millionen Mark für dieses Jahr. Wir gehen bei den Haushaltsberatungen für 2002 anders in die Diskussion.

Wie wollen Sie die Wende erreichen?

GOEHLER: Ich habe eine Gesprächsrunde angesetzt mit den Hauptverantwortlichen der Forschungsinstitute der Blauen Liste. Wir wollen den Senat überzeugen, dass es ein Irrsinn wäre, wenn wir nicht daraus Kapital schlagen, dass für jede Mark, die Berlin für die außeruniversitären Forschungsinstitute aufwendet, die Stadt zwischen drei und neun Mark zurückerhält. Diese Institute muss Berlin als Wirtschaftsfaktor verstehen. Damit wollen wir in die Öffentlichkeit gehen, um zu zeigen, was aus der Spitzenforschung für den Bürger herauskommt und was Berlin mit der Wissenschaft verdient. Da sind wir Spitze. Berlin muss diese Stärken in aktive Politik umsetzen.

Planen Sie über drei Monate hinaus?

GOEHLER: An mir soll es nicht liegen, für ein Doppelressort weiter zur Verfügung zu stehen. Darin liegt ja das Interessante. Ich wünsche mir noch viel mehr Kooperationen zwischen dem Wirtschaftsressort und Kultur und Wissenschaft. Das eine oder andere Ressort als Appendix in der Senatskanzlei unterzubringen, sehe ich nicht als Lösung.

Arbeiten Sie an einem neuen Hochschulgesetz?

GOEHLER: Berlin ist ganz gut gefahren mit der Experimentierklausel. Wir wollen die Hochschulen stärker mit ihren Strukturen experimentieren lassen, damit sie sich selbst ihr Gesicht geben. Ein neues Berliner Hochschulgesetz sehe ich erst nach Änderung des Hochschulrahmengesetzes mit dem neuen Dienstrecht. Jetzt haben wir nur ein Dienstrecht für die Professoren und Juniorprofessoren, aber was machen wir eigentlich mit den Wissenschaftlichen Mitarbeitern? Wir brauchen ein neues Dienstrecht für den ganzen Wissenschaftsbereich.

Welche Perspektive sehen Sie für die Fachhochschulen, speziell für die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, die bisher über fünf Standorte der Stadt verteilt ist?

KÖPPL: Die räumliche Situation an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft ist katastrophal. Wir brauchen endlich eine Entscheidung über den neuen Standort, damit der von allen gewünschte Ausbau realisiert werden kann. Der Standort Oberschöneweide war bisher blockiert, weil die zuständige Wirtschaftsverwaltung das Gelände nicht hergeben wollte. Nach Gesprächen mit der neuen Senatorin für Wirtschaft, Frau Romberg,wird sich diese Haltung ändern. Wir haben jetzt neue Chancen, die Standortentscheidung für die FHTW in Oberschöneweide konkret vorzubereiten. Es bedarf noch einiger Gespräche mit dem Bund. Die werden wir soweit vorantreiben, dass wir am Schluss dieser Legislaturperiode eine Standortentscheidung fällen können. Unser Ziel ist es, in zwei Monaten das zu schaffen, was über zu lange Zeit liegen geblieben ist.

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