Gesundheit : Berliner Lehrernachwuchs dreht Warteschleife

Die Reform des Studiums ist verschoben – oder entfällt ganz

Anja Kühne

Wider Erwarten werden Berlins angehende Lehrer auch in den kommenden Semestern nicht in den Genuss einer verbesserten Ausbildung kommen. Der von Bildungssenator Klaus Böger (SPD) und den Unis eigentlich für das Wintersemester geplante Startschuss für die große Reform der Studiengänge fällt bestenfalls in einem Jahr. Wenn überhaupt. Denn nicht nur hat sich inzwischen herausgestellt, dass der ursprüngliche Zeitplan wegen langwieriger Diskussionen in Politik und Wissenschaft nicht einzuhalten ist. Mit den Sparvorschlägen von Finanzsenator Thilo Sarrazin, der den Hochschulen weitere 200 Millionen Euro wegnehmen will, könnte sogar die ganze Reform kippen, wie der Vizepräsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, befürchtet: „Wenn es wirklich dabei bleibt oder der Finanzsenator auch nur die Hälfte fordert, werden wir uns das nicht leisten können.“

Lenzen verweist darauf, dass mit den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen, in denen die Lehrer in Zukunft studieren sollen, für die Universitäten neue Kosten entstehen. Während bislang die Staatsprüfung vor dem Landesprüfungsamt abgelegt wird, müssten sie in Zukunft alle Prüfungen selbst rechtssicher dokumentieren. Wenn es sich bei der Reform um mehr als Etikettenschwindel handeln soll, müssen sie auch wieder mehr Personal für Didaktik und Pädagogik bereitstellen, wie der für die Lehrerausbildung zuständige Vizepräsident der Humboldt-Universität, Heinz-Elmar Tenorth, sagt. Er sieht „massive Verteilungskämpfe“ auf seine Hochschule zukommen, sollte Sarrazin Ernst machen: „Alles, wofür wir uns engagiert haben, ist gefährdet.“

„Der Master spart Geld“

Aus Sarrazins Verwaltung hieß es dazu: „Niemand möge behaupten, dass an den Hochschulen keine Einsparungen mehr möglich sind. Reformvorhaben sind durch entsprechende Prioritätensetzungen durchaus machbar.“ Schulsenator Klaus Böger sagte auf Anfrage: „Die Reform hat mit den Sparvorschlägen nichts zu tun. Es handelt sich um inhaltliche Veränderungen, die im Übrigen bald viel Geld sparen werden, weil die Studienzeiten kürzer werden.“

Das Ziel der geplanten Reform ist es, mit den altbekannten schweren Mängeln des Lehramtsstudiums aufzuräumen. In Bachelor- und Master-Studiengängen sollen die Pädagogen schneller und praxisnäher studieren . Doch hat Bögers Vorstoß Gegenwind bekommen. In der eigenen Partei hat sich inzwischen der „Fachausschuss Stadt des Wissens“ mit Verbesserungsvorschlägen zu Wort gemeldet. Der wichtigste: Während Böger die Lehrer schon nach einem siebensemestrigen Bachelor-Studium in die Schule schicken will, um das Studium zu verkürzen, wollen seine Kritiker, dass alle Lehrer, nicht nur die Studienräte, einen Master machen. Peter Schuster vom „Fachausschuss“ argumentiert, die Abschlüsse müssten bundesweit anerkannt werden. Doch Berlin sei das einzige Bundesland, das seine Lehrer für die Sekundarstufe I ohne Master in die Schule schicken wolle. Neben Berlin wollen Rheinland-Pfalz und Bremen ihre Lehramtsstudiengänge umstellen. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern werden Modellversuche durchgeführt, in Brandenburg und Schleswig-Holstein ist die Umstellung im Gespräch.

Schuster kann auch nicht erkennen, warum in Bögers Modell bereits die Bachelor-Studiengänge unterschiedliche Inhalte für Studienräte und „einfache“ Lehrer vorsehen, obwohl die Lehrer nach Pisa eher auf homogenere Schülerschaften vorbereitet werden müssten. Außerdem sei das Böger-Modell kaum mehr durchlässig: „Während sich Lehrer bislang bis zum Studienrat fortbilden können, ginge das in Zukunft nicht mehr. Das ist ein Rückschritt.“ Schuster befürchtet auch, mit dem Modell könnte versucht werden, „Billiglehrer“ einzuführen. Denn die Bachelor-Absolventen würden niedrigere Bezüge vom Staat bekommen als die Studienräte mit ihren Master-Abschlüssen.

Angst vor „Unterminierung“

Neben der Kritik aus der SPD war Bögers Vorstoß schon vorher von abweichenden Vorstellungen innerhalb der Technischen Universität und der Freien Universität gebremst worden. Die TU will auf die gestuften Abschlüsse Master und Bachelor vorerst ganz verzichten. An der FU hatte sich der Akademische Senat im Herbst abweichend von Bögers Vorschlägen für einen „konsekutiven“ Aufbau des Lehrerstudiums ausgesprochen. Damit ist gemeint, dass FU-Studenten sich nicht von Anfang an in einem lehramtsspezifischen Bachelor-Studium auf ihren Beruf vorbereiten würden. Das fachwissenschaftliche Studium wäre nicht inhaltlich eng mit Pädagogik und Didaktik verzahnt, wie es Böger und die Humboldt-Uni planen. Stattdessen würden die Studenten ein fachwissenschaftliches Bachelor-Studium absolvieren und die für den Lehrerberuf relevanten Anteile erst später aufsatteln.

Die FU hatte das damit begründet, sie könne sich einen lehramtsspezifischen Bachelor nicht leisten. Außerdem hatten die Vertreter der Fachwissenschaften an der FU befürchtet, die berufsbezogenen Anteile des Studiums wie Didaktik und Pädagogik könnten die Fachwissenschaften „unterminieren“. Wie stark verwässert die ursprüngliche Fassung der Erprobungsklausel zum Lehrerbildungsgesetz im Sommer ins Abgeordnetenhaus eingebracht wird, steht also noch nicht fest. Doch Böger gibt sich optimistisch, seine Version unverändert durchzusetzen: „Wer jetzt nicht anfängt, konsequent zu reformieren, der wird sich bald über den Sturm der Finanzminister wundern.“

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