Berliner Pflegeheime : Kontrolle ist besser

In einer alternden Gesellschaft wird gute Pflege immer wichtiger. Doch die muss geprüft werden. Wir haben zwei MDK-Mitarbeiter beim Besuch in einem Berliner Pflegeheim begleitet. Eine Reportage

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Hart, aber fair. Norbert Thöle und Hanna Franke bei der Arbeit. Foto: Uwe Steinert
Hart, aber fair. Norbert Thöle und Hanna Franke bei der Arbeit. Foto: Uwe SteinertFoto: uwe steinert

Norbert Thöle und Hanna Franke blättern noch einmal kurz in ihren Unterlagen, dann betreten sie mit entschlossenen Blicken das Foyer des Pflegeheims „Tertianum“ in der Passauer Straße. Sie wissen, dass sie nicht erwartet werden – wie sollten sie auch? Ihre Arbeit besteht ja gerade darin, unangekündigte Besuche zu machen. Der junge Mann an der Pforte blickt für eine Sekunde erschrocken: „Ach, Sie sind vom MDK?“ Dann gewinnt er seine Fassung und ruft die Pflegedienstleitung.

Die beiden Besucher gehören zu den rund 600 Mitarbeitern des MDK Berlin-Brandenburg, des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen, und arbeiten im Team „Externe Qualitätssicherung Pflege“. Der MDK berät die Krankenkassen und kontrolliert – im Auftrag der Pflegekassen – die Qualität von Pflegeheimen. Allein in der Region Berlin und Brandenburg ist er für über 2000 Einrichtungen zuständig. Seine Arbeit hat sich in den letzten Jahren verändert, und daran lässt sich auch ablesen, dass die Politik die Bedeutung von professioneller Pflege in einer alternden Gesellschaft zunehmend erkennt. Im Juli 2008 wurde das elfte Sozialgesetzbuch durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz ergänzt. Seither finden MDK-Kontrollen nur noch unangekündigt statt, entweder als Regel- oder als Anlassprüfung, wenn eine Beschwerde vorliegt. Seit der Gesetzesänderung ist die Zahl solcher Qualitätsprüfungen stark gestiegen. Über 900 Berliner und Brandenburger Einrichtungen sind inzwischen einmal geprüft worden, bis Ende 2010 sollen es alle sein. Ab 2011 ist sogar geplant, die Heime jährlich durch den MDK prüfen zu lassen. Offenbar ist das auch nötig. Im aktuellsten Pflegebericht des MDK von 2007 heißt es, die Pflegeheime in Deutschland hätten nach wie vor ein Qualitätsproblem, es bestünde „erheblicher Optimierungsbedarf“. Allerdings hätten sie auch spürbare Anstrengungen zur Verbesserung der Pflegequalität unternommen.

Inzwischen ist Pflegedienstleiterin Norma Chrobok eingetroffen und bittet die beiden Besucher ins Büro. Schlank, drahtig, mit kurzen Haaren, entfacht sie einen regelrechten Wirbelwind unter ihren Mitarbeitern. Es ist das erste Mal, dass ihr Heim einer MDK-Prüfung unterzogen wird. „Wir müssen noch ein paar Unterlagen zusammenstellen. In zwei Minuten sind wir fertig.“ Den letzten Satz wiederholt sie alle fünf Minuten, bis nach einer Weile tatsächlich alle wichtigen Ordner auf dem Tisch liegen. Das Haus hat – neben 82 Wohnungen in den oberen Stockwerken – 25 stationäre Einzelpflege-Apartments. Nur um diese geht es heute. Hanna Franke und Norbert Thöle müssen genau prüfen, wie viele belegt sind, wie die Bewohner heißen und welche Pflegestufe sie haben. Was simpel klingt, erweist sich als kompliziert. Die Listen weichen voneinander ab, auf einer sind verstorbene Bewohner verzeichnet, die auf einer anderen nicht vorkommen. Für einige peinliche Minuten ist selbst der Pflegedienstleitung nicht ganz klar, wie viele Zimmer tatsächlich belegt sind, ob es 23 sind oder 25. Die aufgeklappten Laptops von Norbert Thöle und Hanna Franke sind aber erbarmungslos, bei der kleinsten Unstimmigkeit akzeptieren sie die Zahlen nicht. Doch das müssen sie, denn das Programm errechnet per Zufallsgenerator, welche Bewohner persönlich befragt werden sollen nach ihren Lebensumständen.

Schließlich fällt die Wahl des Rechners auf Gisela S. Die 84-Jährige hat früher in Friedenau gelebt und zog 2001 ins Tertianum. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer und beantwortet geduldig und mit einem Lächeln auf den Lippen die Fragen, die ihr Norbert Thöle nach einem genau vorgegebenen Muster stellen muss. „Wird der Pflegezeitpunkt mit ihnen abgestimmt?“ Er wird es. Bei der Frage „Schmeckt Ihnen das Essen in der Regel?“ muss Gisela S. lachen und zeigt auf ihren üppigen Körper: „Das sehen sie doch!“ Nichts zu meckern habe sie. Es ist aber nicht ganz klar, ob sie nur deshalb so positiv über das Heim spricht, weil ihre Pflegerin die ganze Zeit mit auf dem Sofa sitzt. Dann muss der Reporter kurz das Zimmer verlassen, denn Norbert Thöle überprüft ihre Haut auf den Pflegezustand und auf wunden Stellen. Er findet keine.

Hanna Franke ist im Büro geblieben. Obwohl die Prüfung der Zimmerbelegung etwas zäh war, ist sie gelassen und in jedem Augenblick professionell. Die gelernte Krankenschwester arbeitet seit zehn Jahren für den MDK und weiß, dass bei unangekündigten Besuchen nicht sofort alle Daten auf dem Tisch liegen können. Das ist normal, und als schließlich alles stimmt, fragt sie Norma Chrobok: „Können Sie sich jetzt auf das Gespräch einlassen?“ So spricht eine, die langjährige Erfahrung hat. Sie will alles wissen über Aufbau und Organisation des Hauses, konzeptionelle Grundlagen, Verpflegung, Hygiene oder soziale Betreuung, und tippt es geduldig in ihren Rechner. Dann lässt sie sich den fast asiatisch streng gestalteten Garten zeigen und durch die Gänge führen. Geruch von Urin, meist ein untrügliches Indiz für schlechte Pflege, hängt nicht in der Luft. An einer Pinnwand hängen Fotos des letzten Ausfluges, im Gemeinschaftsraum liegt ein Harry-Potter-Band auf dem Kamin. Gisela S. sitzt schon wieder hier und spielt Karten.

Beide MDK-Prüfer haben noch einen langen Tag vor sich, und morgen werden sie noch einmal wiederkommen. Am Ende steht ein rund 60-seitiger Prüfbericht. Er ist auch als Beratung für das geprüfte Heim gedacht. Dass die Pflege in Deutschland meist auf einem relativ hohen Niveau ist und sich immer mehr Einrichtungen mit Qualitätsfragen befassen, ist auch der Arbeit von MDK-Prüfern zu verdanken. Hanna Franke, die zahllose Pflegeheime von innen gesehen hat, ist optimistisch: „In den letzten zehn Jahren hat eine Professionalisierung stattgefunden“, sagt sie. Pflege basiere inzwischen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. „Früher haben wir einfach die Ärmel hochgekrempelt und drauflos gepflegt.“ Heute werden die Grundlagen an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Hellersdorf oder an der Evangelischen Fachhochschule in Zehlendorf gelehrt. „Es ist gut, wenn eine fundierte Ausbildung den Beruf attraktiver macht“, so Franke. Denn bald werden immer weniger junge immer mehr alte Menschen pflegen.

Viele weitere Informationen finden Sie auch im aktuellen Tagesspiegel Pflegeheimführer sowie in unserem Gesundheitsportal: www.gesundheitsberater-berlin.de

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