Gesundheit : Berliner Rede: "Zu negativ"

Adelheid Müller-Lissner

Die Reaktionen auf die zweite Berliner Rede des Bundespräsidenten Johannes Rau vom vergangenen Freitag reichten von bewundernder Zustimmung bis zu deutlich erkennbarer Abgrenzung. Dass das Echo unter Politikern verschiedener Couleur unterschiedlich ausfallen würde, war zu erwarten. Auch dass Parteifreunde sich in Fragen der Medizinethik und Forschungsbegrenzung nicht einig sind, war schon abzusehen. Und das wird bei der bevorstehenden Bundestagsdebatte sicherlich noch für Spannung sorgen. Viel bemerkenswerter ist hingegen, dass jetzt auch in den Reaktionen von Wissenschaftlern und Medizinern unterschiedliche Akzente gesetzt werden.

"Natürlich haben auch wir Wissenschaftler viel über die Fragen nachgedacht, die der Bundespräsident angesprochen hat, und auch wir sind in vielem hin und her gerissen", so charakterisierte der Humangenetiker Karl Sperling das Bild. Gemeint sind nicht die Redepassagen zum Thema Sterbehilfe, die offensichtlich auf allgemeine Zustimmung trafen. Umstritten ist vielmehr Raus ablehnende Haltung gegenüber der Forschung mit embryonalen Stammzellen und gegenüber der Präimplantationsdiagnostik (PID), also den Gentests an Embryonen nach einer Befruchtung im Reagenzglas. Der Leiter des Instituts für Humangenetik der Charité und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik attestierte im Gespräch mit dem Tagesspiegel den deutschen Politikern ausdrücklich: "Alle vertreten respektable Standpunkte."

"Praxiserfahrung aufnehmen"

Bei der PID müsse die Diskussion allerdings die Erfahrungen aus der Praxis der genetischen Beratung, der Pränataldiagnostik und der Fortpflanzungsmedizin aufnehmen: "Nach unserer Erfahrung machen es sich betroffene Frauen und Paare mit ihren Entscheidungen nicht leicht." Man müsse in die Diskussion auch einbeziehen, dass die PID zur Verbesserung der Erfolge der künstlichen Befruchtung eingesetzt werden könnte und welche ethischen Fragen dadurch entstehen.

Der Bonner Neuropathologe und Stammzellforscher Oliver Brüstle findet es richtig, dass in der Rede die Ängste vieler Menschen angesichts neuer Technologien und Perspektiven widergespiegelt und Grenzen aufgezeigt wurden. "Dem kategorischen Nein zur Forschung mit embryonalen Stammzellen kann ich persönlich allerdings nicht zustimmen." Brüstle hat bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) den Antrag auf Unterstützung eines Forschungsvorhabens gestellt, für das eine Linie embryonaler Stammzellen aus den USA eingeführt werden soll. Die Entscheidung über den Antrag steht noch aus, allerdings hat die DFG sich in Empfehlungen vom 3. Mai dafür ausgesprochen, den Import von Stammzelllinien zu nutzen, die aus "überzähligen", bei Befruchtungen im Reagenzglas entstandenen Embryonen gewonnen wurden.

Auch DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker sprach sich nun in einem Statement zur Rede des Bundespräsidenten prinzipiell für Grenzziehungen aus. "Die ständig steigende Lebensqualität und -erwartung zeigen jedoch auch, dass diese Grenzen immer wieder verändert worden sind und auch in Zukunft Veränderungen unterliegen müssen."

Die DFG vermisse in der Rede "konkrete Hinweise darauf, wie diese notwendigen und unausweichlichen Grenzveränderungen transparent gemacht und im Interesse unserer Gesellschaft gehandhabt werden können". Das könne "nicht isoliert von den Entwicklungen in Europa" geschehen. Auch Brüstle verwies darauf, dass der Diskussionsprozess nur in Partnerschaft mit den Nachbarländern weitergeführt werden könne.

Johannes Rau hatte in seiner Rede den Hinweis auf liberalere Regelungen in anderen europäischen Ländern als Ausdruck "ethischer Kapitulation" bezeichnet. Es dürfe bei der ethischen Bewertung von Technologien keine Rolle spielen, ob die anderen sie anwenden. Diese Argumentation erscheint Martin Paul, Dekan der medizinischen Fakultät der Freien Universität Berlin und Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie des Universitätsklinikums Benjamin Franklin, als "zu oberflächlich": "Wir leben in Europa und müssen uns damit auseinandersetzen, was in anderen Ländern getan wird."

Paul, der sich am Freitag unter den Zuhörern des Bundespräsidenten befand, empfand die Rede als "menschlich bewegend und sehr persönlich". Einiges sei allerdings so allgemein geblieben, dass es als generelle Ablehnung der Gentechnik missverstanden werden könnte. Dabei würden zum Beispiel gentechnisch hergestellte Medikamente heute dringend gebraucht.

Der Molekularbiologe Detlev Ganten vom Max-Delbrück-Centrum in Buch, Mitglied des neu gegründeten Nationalen Ethik-Beirats beim Bundeskanzler, findet, dass persönliche Bekenntnis des Bundespräsidenten "mutig und notwendig", auch wenn er in vielerlei Hinsicht nicht damit übereinstimmt. "Ich finde es jedoch wichtig, die Entscheidung persönlich zu gestalten und mache mir Sorgen über eine mögliche Blockbildung."

Als wichtigen Aspekt nennen alle Forscher die Hoffnung auf neue Therapien, von der Paul kürzlich im Festvortrag zur Eröffnung des Deutschen Ärztetages gesprochen hatte. Für Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik - er ist einer der Sprecher des Deutschen Humangenomprojekts - muss diese Hoffnung im Mittelpunkt stehen, wenn von Stammzellforschung die Rede ist: "In dieser Hinsicht war die Rede für mich zu negativ", bedauerte Lehrach im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Auf Therapiechancen verzichten?

Wenn man die Forschung mit embryonalen Stammzellen ablehne, dann müsse man konsequenter Weise auch bereit sein, auf Therapiechancen zu verzichten, die sich eines Tages dank dieser Forschung eröffnen. Was die PID betrifft, so plädierte der Genomforscher dafür, sie zumindest dann zuzulassen, wenn jene Eltern darum bitten, in deren Familien schwere genetische Erkrankungen vorliegen.

Als "ethisch und rechtlich höchst problematisch" bezeichnete dagegen Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sowohl die Forschung mit embryonalen Stammzellen als auch die PID. Das Statement der DFG zur Stammzellforschung nannte er eine "vorlaute Entscheidung", mit der die Wissenschafts-Institution "unnötig vorgeprescht" sei. Die PID sei eine "Methode mit Selektionscharakter". Andererseits sei es aber auch inkonsequent, die Pränataldiagnostik und damit Tests des Kindes im Mutterleib mit der möglichen Folge einer straffreien Abtreibung zu erlauben, Tests am Embryo im Reagenzglas dagegen nicht.

Diesen Widerspruch sieht auch der Reproduktionsmediziner Klaus Diedrich, Leiter der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin der Universität Lübeck, ein Befürworter der Zulassung der PID in eng umschriebenen Grenzen: "Wenn wir die PID nicht wollen, müssen wir konsequenter Weise auch die PND verbieten". Er wurde in der vergangenen Woche auch von der SPD-Bundestagsfraktion zum Thema befragt. In den Augen des Bundespräsidenten stellen dagegen die Abtreibung nach pränatalen Tests und der Einsatz der PID "vollkommen unterschiedliche Sachverhalte" dar.

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