Gesundheit : Berliner, stoßt das Tor zum Osten auf!

Floskeln helfen der Polonistik nicht. Aber noch ist es zur Rettung nicht zu spät Von Brigitta Helbig-Mischewski

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Viele Berliner sind noch nie in Polen gewesen. Eine Reise dorthin würde knappe zwei Stunden dauern, doch die mentale Reise scheint weitaus länger zu sein. Nach der Osterweiterung der EU war zu erwarten, dass vieles in Bewegung kommt – auch in der Wissenschaftslandschaft. Paradoxerweise hat jedoch die Osteuropaforschung hierzulande nicht an Bedeutung gewonnen. Während in Polen – einem Land, mit dem uns enge Bande gemeinsamer Geschichte und Zukunftsentwürfe verbinden – die Germanistik ausgebaut wird, ist die Polonistik in Deutschland ein Auslaufmodell. Dabei ist im deutschpolnischen Freundschaftsvertrag von 1991 die Förderung der deutschen Polonistik festgeschrieben.

Die Zukunft des Faches an der Humboldt-Universität zu Berlin hängt jedoch am seidenen Faden. Der traditionsreiche Lehrstuhl für Polnische Literatur und Kultur, der seit 1988 von Heinrich Olschowsky besetzt ist, wird nach dessen Emeritierung im Frühjahr 2005 geschlossen. Eine wissenschaftliche Einrichtung von internationaler Bedeutung, die sich bei den Studierenden großer Beliebtheit erfreut und die Rolle eines engagierten Mittlers der polnischen Kultur übernommen hat, wird zum Opfer einer schwer nachvollziehbaren Einsparpolitik. Gefährdet ist ein modernes Zentrum für die Ausbildung von qualifizierten Kräften für Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft sowie völkerverbindende Initiativen.

Die geplante Streichung des einzigartigen, exklusiv der polnischen Literatur und Kultur gewidmeten Lehrstuhls löste eine Welle des Protestes unter den Studierenden und den Mitarbeitern aus, die aber nichts zu bewirken vermochte. Der Lehrstuhl wird für eine Übergangszeit in eine Juniorprofessur umgewandelt, die eine ordentliche Professur mit zwei Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter aber nicht ersetzen kann. 2012 soll dann ein gemeinsamer Lehrstuhl für mehrere westslawische Literaturen eingerichtet werden.

Es ist besorgniserregend, dass Berlin von solch drastischen Kürzungen betroffen ist – im Widerspruch zu den zu Floskeln erstarrten Deklarationen der Politiker, die Hauptstadt zu einem „Tor zum Osten“ machen und an der Überwindung von Ressentiments arbeiten zu wollen. Berlin, Lebens- und Schaffensort zahlreicher polnischer Künstler, wäre, geografisch, politisch, kulturell und wirtschaftlich gesehen, ideal geeignet, zum Zentrum für polonistische Forschung und Lehre sowie für deutsch-polnische Annäherung zu werden.

Seit Jahren hat die Berliner Polonistik dem Wissensdefizit auf dem Gebiet polnischer Sprache, Geschichte und Kultur entgegengewirkt. Es ist kein Argument gegen unsere Einrichtung, dass hier viele zweisprachige Studierende mit polnischem Hintergrund ausgebildet werden. Denn gerade Menschen, die in beiden Kulturen zu Hause sind, sind besonders dazu befähigt, Kulturvermittler zu sein. Bei unseren Studiengängen handelt es sich nicht nur um herkömmliche Philologie, sondern um breit verstandene, auch anwendungsorientierte kulturwissenschaftliche Studien, die interkulturelle Kompetenz vermitteln.

Eines unserer Ziele bei der Ausbildung von Muttersprachlern ist, sie dazu zu befähigen, in deutscher Sprache und unter Berücksichtigung der spezifischen deutsch-polnischen Problematik die Kultur ihres Herkunftslandes hierzulande kompetent zu vertreten, aber auch die deutsche Sichtweise beider Kulturen zu studieren. Damit sind unsere Absolventen bestens dafür gerüstet, zur Erhöhung der Kommunikationsfähigkeit im deutsch-polnischen Dialog beizutragen. Sicherlich erreichen wir noch zu wenig deutsche Interessierte ohne polnischen Hintergrund. Doch es ist unsere beständige Herausforderung, eine Konzeption zu entwickeln, die den unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen und Zielsetzungen der deutschen und der (deutsch-)polnischen Studierenden Rechnung trägt.

Es wäre schade, die HU-Polonistik verkommen zu lassen. Sie hat sich seit der Wende zu einem lebendigen Mittelpunkt des intellektuellen und künstlerischen Austausches in Berlin entwickelt. Eine solche Gefahr droht vor allem aufgrund fehlender überregionaler Reflexion über Standorte und Schwerpunkte slawistischer Forschung, die strukturell-administrativ bedingt ist.

Wenn schon an Bildung gespart werden muss, wäre es auf jeden Fall sinnvoller, einige starke, produktive Lehr- und Forschungszentren für die jeweiligen Osteuropafächer in Deutschland einzurichten, anstatt zahlreiche kleinere immer mehr zu zerstören. Mit diesem Ziel vor Augen sollten Wissenschaftspolitik und Politik, Länder und Bund endlich eine gemeinsame Linie finden.

Die Autorin ist Privatdozentin an der Humboldt-Universität, wo sie 1994 bis 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slawistik war.

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