Gesundheit : Berliner Universitäten: Eine leise Sehnsucht nach Revolution

Bärbel Schubert

"Berlins Hochschulsystem ist am Rande dessen, wo es überhaupt noch bestehen kann." Karl Einhäupl weiß als Vorsitzender des Wissenschaftsrates und Medizinprofessor an der Charité von den Folgen der Spareingriffe für die Hochschulen: "Wissenschaftler fragen sich zunehmend, ob es sinnvoll ist hier zu bleiben. Bei Berufungsverhandlungen machen wir öfter die Erfahrung, dass gute Forscher nicht mehr nach Berlin kommen wollen".

Nach Jahren der Kürzungen werden die Probleme der Universitäten immer drängender, wie sich beim "Treffpunkt Tagesspiegel" über "Die Zukunft der Berliner Hochschulen" am Montagabend im Hotel Intercontinental zeigte. "Bisher lag das Hauptgewicht auf den 85 000 Studienplätzen. Jetzt geht es um mehr: Für den anstehenden Generationenwechsel bei den Professoren brauchen die Hochschulen deutlich mehr Geld. Ein Teil soll nun aus der Medizin herausgeholt werden. Die SPD spricht von 100 bis 150 Millionen Mark. "Auf diese Probleme ist die Stadt nicht vorbereitet", kritisierte Tagesspiegel-Redakteur Uwe Schlicht. Die bloße Logik, wie das Milliarden-Haushaltsloch geschlossen werden könne, halte die Finanzpolitiker in ihrem Bann.

Jahrhundertchance verstreicht

Seit Jahren beugen sich die Hochschulen dem Sparkurs. Warum sehen sie diesmal ihre Zukunft gefährdet? In den nächsten Jahren geht fast jeder zweite Professor in den Ruhestand. In Berlin sind das allein bis zum Jahr 2005 rund 550 Stellen. Um als Wissenschaftsstandort ersten Ranges bestehen zu können, müssen gute Wissenschaftler nach Berlin geholt werden. Sie werden auch von anderen Hochschulen umworben. Außerdem brauchen sie für ihre Forschungen eine - oft kostspielige - Ausstattung. "Eine solche Chance gibt es im Jahrhundert nur einmal. Wenn sie ungenutzt verstreicht, fallen wir im Wettbewerb auf lange Zeit zurück", warnte Einhäupl.

Für diese Erneuerung brauchen Berlins Universitäten 270 Millionen Mark bis zum Jahr 2005. Die Hochschulverträge für diese Zeit sehen jedoch nur einen Zuwachs von 175 Millionen Mark vor. Und auch ihre Verabschiedung durch den Senat ist keineswegs mehr sicher. Zusätzlich steht die Forderung im Raum, 100 bis 150 Millionen Mark aus der Hochschulmedizin zu streichen, die in der Forschung gerade erst einen Spitzenplatz in Deutschland erreicht hat.

Berlins Politiker setzen die falschen Prioritäten und haben so die Misere verschuldet, kritisierten mehrere Teilnehmer aus dem Publikum. Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, warf ein, dass diese Misere in Berlin wohl vorrangig ein Problem der Politik sei. Andere Länder kämen besser mit der Situation zurecht. "In Berlin wird die Erinnerungskultur sehr übertrieben. Darüber wird die Zukunft vergessen."

Doch der zwingende Investitionsbedarf der Hochschulen ist auch den Wissenschaftspolitikern bekannt. Wissenschaftssenator Christoph Stölzl (CDU), allerdings konnte dazu nicht befragt werden, denn er ließ sich trotz Zusage von Staatssekretär Josef Lange vertreten. Doch auch Lange sieht, dass die Hochschulen neben der Hauptstadtfunktion und dem Tourismus den wesentlichen Beitrag zur künftigen Entwicklung Berlins leisten müssen, nachdem die Industrie weggebrochen ist. Anerkannt ist, dass die Wissenschaftler bedeutende Geldsummen an Forschungsförderung nach Berlin holen. Am Beispiel der Mediziner erläuterte der Präsident der Freien Universität, Peter Gaehtgens: "Jeder dieser Wissenschaftler ist für Berlin letztlich kostenlos. Er holt sein Gehalt mit den eingeworbenen Mitteln wieder herein." Die Politik scheine nach dem Motto zu handeln, "wenn wir Euch weniger Geld geben, werbt Ihr mehr Projektgeld ein. Die Logik, wenn wir Euch gar nichts mehr geben, werbt Ihr alles ein, geht aber nicht auf". Die Leistungsdaten seien stetig nach oben gegangen. Allerdings könne diese steile Leistungssteigerung wohl nicht fortgesetzt werden.

Argumente gegen Irrationalität

Nach jahrelangen Diskussionen um die Hochschulfinanzierung und -entwicklung verlieren selbst die diskussionsgewohnten Wissenschaftler die Geduld. "Wir versuchen mit rationalen Argumenten eine irrationale Politik zu verhindern", protestierte erbost der ärtzliche Direktor der Charité, Manfred Dietl. "Zur Not müssen wir irrational argumentieren: Wenn die 150 Millionen Mark bei der Medizin abgeschmolzen werden, können in der Charité Menschen sterben." Die Ungeduld teilte grundsätzlich auch Simon. "Man kann nicht die Revolution ausrufen. Doch ohne einen Fußtritt ändert sich an den Prioritäten der Politik nichts."

Was würde es aber bedeuten, wenn 150 Millionen Mark aus der Hochschulmedizin gestrichen werden? Anders als die Schließung einer Klinik wäre das wohl nicht umzusetzen, gab der Moderator und frühere Wissenschaftssenator George Turner zu bedenken und Gaehtgens sieht die Gefahr ähnlich. "Welche soll es denn sein?". Doch auf solche Überlegungen wollten sich die Diskutierenden nicht einlassen. Gaehtgens wies vielmehr die Grundsatzdiskussion über die Klinikfinanzierung hin: Das Gesetz zur Neuordnung der Hochschulmedizin von 1995 habe Garantien enthalten. Diese sechs Jahre später in Frage zu stellen, wies er als "Skandal" zurück. Erst 1998 wurden die Charité und das moderne Klinikum Rudolph-Virchow zusammengelegt, um "langfristig die Weichen zu stellen" in Richtung Spitzenstellung in Deutschland. Wolle man diese Erfolge jetzt in Frage stellen, gab Uwe Schlicht zu bedenken.

Doch was tun in einer so prekären Lage? Bayern und Baden-Württemberg haben aus dem Verkauf von Landesvermögen Fonds für Investitionen in Forschung und Technik gebildet. Baden-Württemberg hat dafür vier Milliarden Mark, Bayern sogar 8,5 Milliarden. Dort stehen für Neuberufungen von Professoren erheblich höhere Summen zur Verfügung. Auch Berlin hat einen solchen Fonds, allerdings nur mit 250 Millionen Mark gefüllt. Doch die sollen nicht für die Hochschulen verwandt werden, sondern für technische Innovationen. Tagesspiegelredakteur Schlicht schlug zur Finanzierung der neuen Lehrstühle und der Medizinforschung vor, einen neuen Fonds aufzulegen. Ebenfalls aus dem Verkauf von Landesbesetz gespeist, doch eigens für die Wissenschaft gedacht. Doch auf diesen Vorschlag mochte Wissenschafts-Staatssekretär Lange nicht mehr antworten.

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