Gesundheit : Berlins Kinder-Uni macht sich warm

Professoren der Humboldt-Universität üben schon, wie man zu ganz jungen Zuhörern spricht – denn: „Leicht ist schwer“

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Wie erreicht man, dass ein Saal voller Kinder konzentriert zuhört? „Nicht anders als bei erwachsenen Studenten“, meint Wolfgang Kaschuba, Professor für Europäische Ethnologie. „Die muss man auch knacken, sonst wird man mit der größten Nonchalance ignoriert, nur ruhiger.“ Die meisten Anwesenden nicken. Trotzdem – für die acht Professoren, die sich bereit erklärt haben, die Vorlesungen der ersten KinderUni der Humboldt Universität im Januar und Februar zu halten, ist diese Aufgabe eine Herausforderung. „Ich habe mich selten auf etwas so vorbereitet wie auf diese 45 Minuten“, sagt Uwe Jens Nagel, der über das Thema „Warum werden nicht alle Menschen auf der Erde satt?“ sprechen wird. Die anderen stimmen lachend zu.

Professoren und Mitarbeiterinnen der Humboldt Universität, Grundschullehrerinnen und Pädagoginnen sitzen an diesem Donnerstag Abend im November um den großen, runden Tisch im „Geburtstagszimmer“ des Labyrinth Kindermuseums in Wedding, kauen belegte Brote und überlegen, wie man acht- bis 13-Jährigen Themen wie „Warum sehe ich meinen Eltern ähnlich?“ und „Warum sind wir schlauer als Roboter?“ vermittelt. Manche von ihnen haben bereits Erfahrung darin, Kinder zu unterrichten. Lutz-Helmut Schön zum Beispiel leitet schon lange Projekte für ältere Schülerinnen und Schüler und baut in Adlershof das Unilab für Physik auf. Für die Sprachwissenschaftlerin Karin Donhauser dagegen ist das Gebiet Neuland. Warum sie alle zugesagt haben, wird sehr schnell klar: „Für die Uni ist es wichtig zu überprüfen, ob sie ihren Stoff verständlich rüberbringt“, sagt Kaschuba. Und ein besseres Publikum als Kinder gibt es für diesen Test nicht.

Ob die Kinder-Unis eine Modeerscheinung sind oder zum festen Angebot in unserem Bildungswesen werden, muss sich erst noch zeigen. Nicht zu übersehen ist jedoch, dass die Universitäten diese Art von Realitätsbezug suchen. Nach dem rauschenden Erfolg der ersten Tübinger Kinder-Universität im Sommer 2002 folgten Hochschulen in ganz Deutschland von Frankfurt am Main und Magdeburg über Halle und Dresden bis Hamburg dem Beispiel; selbst in Rom und Wien wird darüber nachgedacht.

Die Frage an diesem Abend ist: Was soll den Kindern in den acht Veranstaltungen vermittelt werden – Wissen oder der Zugang zu einer neuen Welt? Studien aus Tübingen weisen darauf hin, dass der Lerneffekt nicht das Entscheidende an der Kinder-Uni ist. Wissenserwerb ließ sich dort kaum feststellen, exorbitant dagegen war der Spaßfaktor: Auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 4 (sehr gut) Punkten vergaben die befragten Kinder für den Spaß, den sie in den Vorlesungen hatten, 3,59 Punkte, für „Interessantheit“ 3,62, für Verständlichkeit 3,59 Punkte. Dementsprechend glauben auch die Berliner Professoren, dass es eher darum geht, den Kindern einen neuen Raum zu öffnen – möglichst auch Kindern aus sozial benachteiligten Gruppen.

An diesem Punkt setzt eine Idee an, die bisher noch von keiner anderen Kinder-Uni bekannt wurde. Das Labyrinth Kindermuseum als außerschulischer Lernort im Bezirk Wedding ist sehr daran interessiert, auch Kinder in das Projekt einzubeziehen, die aufgrund ihrer Herkunft sicher nicht in die Kinder-Uni gelangen würden. „Über die Hälfte der Kinder in Wedding sind von Armut betroffen und verfügen über ungenügende Deutschkenntnisse“, gibt Marie Aden, Lehrerin an einer nahe gelegenen Grundschule, zu bedenken.

Für solche Kinder will das Kindermuseum Workshops in Gruppen mit bis zu 40 Teilnehmern anbieten, mit denen die Akademiker gezielter arbeiten können, als das in einem Saal mit im Idealfall fast 1000 Kindern möglich ist.

Ursula Pischel von Labyrinth erklärt, wie sie mit ihren Gruppen von bis zu 100 Kindern aus sozial sehr unterschiedlich strukturierten Stadtteilen umgeht: Direkt muss man die Kinder ansprechen, mit einfacher Sprache, und ihnen Zeit geben, um sich auf das Thema einzustellen. Brücken zum Alltag, Raum für Zwischenfragen – nur, wenn die Kinder verstehen, worum es geht, kann man ihr Interesse wecken.

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