Gesundheit : Berlins letzte Kriegsruine

Experten fordern, endlich das Museum für Naturkunde zu renovieren

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Von Bärbel Schubert

Die desolate Situation des beliebten Museums für Naturkunde in Berlin muss nach dem Gutachten internationaler Experten dringend verbessert werden. Den ausgestellten Sauriern regnet es zwar nicht mehr direkt auf den Kopf, doch das größte europäische Naturkunde-Museum ist noch immer „die letzte Kriegsruine in Mitte“, wie der Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, bei der Präsentation des Gutachtens am Donnerstag monierte.

Die Experten empfehlen, „unverzüglich“ zumindest den Ostflügel des Gebäudes wiederaufzubauen. Dieser ist so zerstört, dass er gar nicht genutzt werden kann. Durch die Bauschäden könnten große Teile der wertvollen Sammlungen aus allen Bereichen der Naturwissenschaft nicht sachgerecht gepflegt werden, beklagte der Kommissionsvorsitzende Gerhard Neuweiler. Denn ohne zusätzliches Geld könnten die verzweifelten Versuche der Mitarbeiter, die Sammlungen zu erhalten, letztlich wenig bewirken. Um ihren Bildungsauftrag zu erfüllen, müssten die Ausstellungen zudem mit modernen Mitteln präsentiert werden. Außerdem sollen mit einer neuen Organisationsstruktur der Ausstellungsbereich aufgewertet und jahrelange interne Querelen beendet werden.

Doch für die Hauptforderungen ist das Geld nach wie vor nicht da. Allein die Notmaßnahmen für den Ostflügel würden rund 23 Millionen Euro kosten, die der Bund und Berlin je zur Hälfte tragen müssten. Um den Landesanteil aufzubringen, möchte die Humboldt-Universität die Verkaufserlöse von Grundstücken und Gebäuden nutzen, die durch den Umzug der naturwissenschaftlichen Fakultäten nach Adlershof frei werden. Dem müsste aber Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) zustimmen, der dieses Geld für seinen Haushalt eingeplant hat.

Abschied von der Ordinarienstruktur

Doch diese Entscheidung ist völlig offen, wie Berlins Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) erläuterte. Die Vereinbarung wird auch dadurch erschwert, dass die Humboldt-Universität zur Zeit keine Bibliothek und dieses Projekt daher Priorität hat. Flierl sagte der Hochschule, zu der das Museum organisatorisch gehört, aber Unterstützung bei den Verhandlungen zu wie auch für die Modernisierung des Museums. Bis Ende September soll ein Referentenentwurf vorliegen, der die neue Struktur ermöglicht.

Geplant ist, dass die drei Bereiche – Ausstellungen, die Sammlungen und die Forschung – gleichberechtigt als „Departments“ bestehen bleiben und jeweils von einem Direktor geleitet werden. Dazu soll künftig ein Generaldirektor eingesetzt werden, der die Schwerpunkte der Arbeit festlegt und das Museum in der Öffentlichkeit besser vertritt als in der Vergangenheit. „Damit wollen wir die Abkehr von der Ordinarienstruktur des vergangenen Jahrhunderts vollziehen, hin zu einer zeitgemäßen und funktionalen Struktur“, erläuterte Neuweiler die Vorschläge, die Anklang beim Wissenschaftssenator fanden. Die drei Professorenstellen in diesem Bereich werden aber erhalten und die beiden freien wiederbesetzt, wie Mlynek betonte.

Besonders die Präsentation der Ausstellungen soll besser werden. Das Museum wird zwar gut besucht, ist aber in seiner Erscheinung teilweise veraltet. So gibt es beispielsweise bisher keine Computerdarstellungen, die die Geschichte der ausgestellten Dinosaurier plastisch darstellen könnten. In anderen Museen mit dieser Bedeutung sind solche Methoden dagegen selbstverständlich.

Doch auch dafür fehlen bisher die Mittel. Mit dem jährlichen Unterhaltsbudget von 8,5 Millionen Euro ist das Haus nach Neuweilers Worten „hoffnungslos unterfinanziert“ und das Budget erheblich niedriger als bei anderen Museen dieses Ranges, wie das Natural History Museum in London oder das Musée National d´Histoire Naturelle in Paris. Große Teile der wertvollen Sammlungen könnten so nicht sachgerecht gepflegt werden. Doch auch die bundesweiten Forschungsorganisationen förderten diesen Teil der wissenschaftlichen Arbeit nicht.

Museum soll Leibniz-Institut werden

Eine Möglichkeit, die finanzielle Situation zu verbessern, ist die Aufnahme in die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gemeinschaft von Forschungseinrichtungen. Diese werden je zur Hälfte von Bund und Ländern bezahlt. Der Senat hat die Aufnahme nach Flierls Worten seit langem beantragt. Wegen der nationalen Bedeutung dieses „Juwels“ sei eine Bundesunterstützung denkbar. „Ein Sanierungsprogramm für die Kultur- und Wissenschaftsbauten in den neuen Bundesländern und Berlin ist dringend nötig.“

Verbittert zeigte sich Mlynek über den baulichen Zustand des Museums gerade im Vergleich mit dem benachbarten Bundesverkehrsministerium, bei dessen Renovierung „an nichts gespart worden ist“. Das Naturkundemuseum dagegen sei eine „Einrichtung von nationalem Rang“, mit weltweit einzigartigen Sammlungen. Ihre Gen-Datenbanken etwa werden mit jeder aussterbenden Art auf der Erde wertvoller, ergänzte der Zoologe Neuweiler.

Die Aufforderung, zusätzliche Gelder für das Museum durch Sponsoring aufzutreiben, sieht der Universitätspräsident allerdings skeptisch. Dies habe in Deutschland keine Tradition und hohe Erwartungen daran kaum realistisch. Mlynek appellierte erneut an Berlins Politiker, Geld für die Renovierung bereit zu stellen: „Berlin muss zeigen, wie es mit seinen Universitätsgebäuden in Mitte umgehen will.“

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