Gesundheit : Berlins Universitäten wollen verstärkt mündliche Auswahlgespräche einführen

Anja Schreiber

Zuerst liegt eine Einladung im Briefkasten. Ein paar Wochen später muss der Studienplatzbewerber zwei Professoren Rede und Antwort stehen. Die Fragen prasseln auf ihn nieder: Wieso möchten Sie Medizin studieren? Was halten Sie von Tierversuchen? Und wie bewerten Sie die Gesundheitspolitik der Bundesregierung?

Ab dem Wintersemester 2000/2001 kann das jedem passieren, der sich über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) bewirbt, um einen Studienplatz in Fächern wie Humanmedizin, Architektur oder Psychologie zu ergattern. Die Neufassung des Hochschulrahmengesetzes, das am vergangenen Donnerstag vom Abgeordnetenhaus ratifiziert wurde, macht dies möglich. 80 Prozent der Studienplätze werden nach dem herkömmlichen Verfahren besetzt - das Gros davon durch Ermittlung der besten Abiturnoten und der Rest anhand der längsten Wartezeit. Die restlichen 20 Prozent der Studienplätze können die Hochschulen mit Bewerbern besetzen, die sie selbst aussuchen, zum Beispiel mit Hilfe von Auswahlgesprächen.

Abläufe ähneln sich

Die Universitäten haben die Wahl zwischen den Studenten. Allerdings hat auch hier die ZVS ihre Hand im Spiel: sie wählt anhand der Abiturdurchschnittsnote unter den noch nicht Zugelassenen die Teilnehmer des Bewerbungsverfahrens aus - und zwar dreimal so viele, wie Studienplätze bereitstehen. Aus diesen können die Hochschulen aufgrund der Abiturnote, eines Auswahlgespräches, beruflicher Qualifikation oder nach Kombination der drei Kriterien die Plätze vergeben. Die Grenzen bleiben also weiterhin eng gesteckt.

Die Idee der Auswahlgespräche ist nicht neu: 15 Prozent der Studienplätze für Human-, Zahn- und Tiermedizin wurden bereits früher über ein solches Gespräch an den Unis vergeben. Diese Erfahrung von Medizinern machen sechs FU-Studienberater in ihrem druckfrischen Ratgeber "Erfolg im Auswahlgepräch" für Studienbewerber nutzbar.

"Das Auswahlgespräch ist keine Prüfung", meint Ratgeberautor und Diplompsychologe Siegfried Engl. Trotzdem seien Regeln zu beachten, Abläufe würden sich ähneln. Am Anfang vieler Gespräche würden Fragen über die Berufs- und Studienwahl thematisiert. Beispiele: Zu welchem Zeitpunkt fiel Ihre Berufsentscheidung? Welche Motive leiteten Ihre Berufswahl?

An welche Alma Mater der Bewerber auch eingeladen wird - er kann damit rechnen, mindestens von zwei Hochschullehrern etwa 30 Minuten befragt zu werden. Und das muss nicht die schlimmste halbe Stunde im Leben eines jungen Abiturienten sein: "Die Zeit ging schnell vorbei", erinnert sich Matthias Mende, der 1995 an einem Auswahlgespräch teilnahm. Ein Professor nahm seinen Lebenslauf in die Hand und fragte ihn nach seiner Heimat, dem Erzgebirge. Er berichtete ein paar historische Fakten. "Das Gespräch verlief im Plauderton", berichtet Mende. Der Medizinstudent punktete im Auswahlgespräch mit seiner Kenntnis über den Arztberuf, da er bereits erste Einblicke in einem Krankenhaus und in einem Pflegeheim gesammelt hatte.

Um sich optimal auf ein Auswahlgespräch vorzubereiten, sei es sinnvoll, sich selbst einige Fragen zu beantworten, resümiert Engl. Beispiele: Was ist meine Motivation fürs Studium? Warum halte ich mich für besonders geeignet? "Das Vortragen überzeugender und präziser Antworten sollte der Studienplatzbewerber zu Hause üben, am besten mit einem Freund oder einer Freundin als Gegenüber", rät der Experte. Doch auch Wissen über das Studium kann entscheidend sein.

Die Frage, wie das Studium aufgebaut ist, gehört zu den Klassikern innerhalb eines Auswahlgesprächs. So sollten sich Bewerber vorher eingehend informieren, etwa indem sie sich einen Studienführer zu Gemüte führen. Engl: "Als Psychologiestudent in spe ist es wichtig zu wissen, das man Statistik-Kurse belegen muss." Das Gleiche gelte auch für die spätere Berufspraxis. Natürlich sollte auch jeder Student Kenntnis über aktuelle Themen haben, die mit dem angestrebten Fach zu tun haben. Ein angehender Medizinstudent sollte über die Gesundheitsreform Bescheid wissen, ein zukünftiger Architekturstudent über die Bebauung am Potsdamer Platz.

Doch bevor sich Studenten an die Detailplanung eines Bewerbungsgesprächs machen, werden sie sich noch etwas gedulden müssen. Denn die Berliner Universitäten müssen die gesetzlichen Neuerungen erst noch in den eigenen Satzungen umsetzen. Wo in der Stadt zukünftig ZVS-Studienplätze durch Auswahlgespräche an den Bewerber vermittelt werden, steht noch nicht mit letzter Sicherheit fest. Geplant ist das zum Beispiel bei den Human- und den Zahnmedizinern an der Freien Universität. An der medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität wird in den kommenden Wochen darüber eine Entscheidung getroffen.

Weitere Infos zum Thema Auswahlgespräche gibt es im Buch "Erfolg im Auswahlgespräch", hg. von der Arbeitsgruppe Studienberatung (Helga Knigge-Illner, Andreas Kaiser, Johannes Nyc, Hans-Werner Rückert, Reinhard Franke, Klaus Scholle, Siegfried Engl), Berlin 2000, 24,80 Mark.Infos unter: www.auswahlgespraeche.de

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