Gesundheit : Berlins Universitätspräsidenten sind skeptisch bis ablehnend

Uwe Schlicht

Starke Worte fielen auf einem Forum der Heinrich-Böll-Stiftung, als die drei Berliner Universitätspräsidenten sich mit Bachelor und Master auseinandersetzten. Ihre Wortwahl war nicht weit entfernt von der Warnung der Traditionshüter, der deutschen Fakultätentage: Diese hatten verlauten lassen, die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen drohe die deutschen Magister- und Diplomstudiengänge zu "kannibalisieren". Von "Mogelpackung" und "Verlogenheit" war jetzt in Berlin die Rede.

Der Präsident der Humboldt-Universität, Hans Meyer, erklärte: "Beim Bachelor und Master war die Internationalisierung vorgeschoben - in Wahrheit will die politische Seite das Massenproblem bewältigen". Nämlich 80 Prozent der Studenten mit dem Bachelor in den Beruf entlassen und nur noch 20 Prozent zum Master führen. TU-Präsident Hans-Jürgen Ewers ergänzte: "Es ist eine Verlogenheit der Politiker. Wenn die Politik siebensemestrige Studiengänge haben will, dann müssen die Politiker das offen sagen." Und FU-Präsident Peter Gaehtgens rundete die Kritik mit der Feststellung ab: "Der Bachelor- und Master-Idee stehen wir sehr skeptisch gegenüber. Da ist die Diskussion sehr oberflächlich, weil es nur darum geht, das Studium für die große Zahl zu verkürzen. Die deutsche Bildungspolitik begibt sich in ein Experiment, ohne das mögliche Outcome analysiert zu haben."

Mit 25 Jahren in den Beruf

Diese Zuspitzung der Diskussion war zu erwarten, bereitet doch der Wissenschaftsrat eine Empfehlung vor, in der eine Verkürzung aller Qualifikationszeiten vorgesehen ist: drei Jahre Bachelor-Studium, zwei Jahre Master-Studium, drei Jahre Promotion. Konkret heißt das: mit 23 oder 25 in den Beruf und mit 28 Jahren promoviert. Für den Wissenschaftsrat verträgt sich auf Dauer das neue System mit Bachelor und Master nicht mit den herkömmlichen Magister- und Diplomstudiengängen, deren Qualifikationszeiten heute bei durchschnittlich sechs Jahren liegen.

So verwundert es nicht, dass TU-Präsident Ewers den Wissenschaftsrat direkt ins Visier nimmt: "Es ist völlig unverständlich, wie der Wissenschaftsrat auf Bachelor und Master abfährt", zumal in Amerika die Studiengänge vom Bachelor als angehobenem Schulabschluss bis zum Master in der Qualität des deutschen Diploms reichten. Für Ewers ist das amerikanische Vorbild "eine Mogelpackung". Er hält es für besser, die deutschen Studenten ins Ausland zu schicken, damit sie dort die Sprache lernen, statt "in pidgin-English unsere Diplomstudiengänge anzubieten". FU Präsident Gaehtgens meint, die Ausländer, die zum Studium nach Deutschland kommen, wollten auch "das kulturelle Erlebnis haben, dass bei uns Deutsch gesprochen wird und kein gebrochenes Englisch" (pidgin-English).

Studium mit europäischen Partnern

Was sind die Alternativen? Die Freie Universität plant, gemeinsam mit europäischen Partneruniversitäten und ausländischen Dozenten ein Studienprogramm aufzulegen, das dem Europagedanken gewidmet ist. Der Präsident der Humboldt-Universität, Hans Meier, bekannte sich zu einer skeptisch realistischen Perspektive: Die Neuordnung im Zeichen von Bachelor und Master sei kaum noch abzuwenden. Und wenn sie schon komme, dann sei es intelligenter, das Diplom aufzugeben. "Denn sonst haben wir nicht genügend Kapazitäten für den Master". Die Universität könne nur einen Studiengang tatsächlich mit Qualität bedienen. Vielleicht biete die Chance, die Universität schon nach drei bis vier Jahren zu verlassen, für die Studenten einen Anlass, sich für Bachelor und Master zu entscheiden. "Wir probieren es aus und werden dann sehen, wie es geht."

TU-Präsident Ewers entwickelte die Vision einer völlig neuen Studienordnung, als Studenten ihn fragten, warum es in Berlin selbst für die Besten nahezu unmöglich sei, in fünf Jahren das Studium abzuschließen: Ein einjähriges Grundlagenstudium in Wissenschaftstheorie, Naturwissenschaften und Mathematik, verbunden mit scharfen Klausuren, um den Studenten zu vermitteln, ob sie für ein weitergehendes Studium geeignet seien, solle am Anfang stehen. Im zweiten Studienjahr erfolge dann die Zuordnung der Studenten zu einer Fakultät und im dritten Studienjahr die spezielle Fachausbildung.

Die Ausgangsfrage der Moderatorin Sybille Volkholz, ob Berlin drei Universitäten brauche, wurde einheillig mit einem Ja beantwortet. Die Alternative umriss FU-Präsident Gaehtgens als schreckliche Vision: "Wenn man 85 000 Studienplätze in eine Universität tut, wäre das katastrophal." HU-Präsident Meier ergänzte: Eine Fusion von FU und HU mit 70 000 Studenten könne nicht funktionieren. Berlin brauche drei große Universitäten, denn diese seien die einzigen Institutionen, die die Jugend in die Stadt ziehen. Über 50 Prozent der hiesigen Studenten kämen von auswärts und brächten Geld in die Stadt. Deshalb müsse auch der Berliner Senat mindestens 85 000 Studienplätze ausfinanzieren.

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