Berufsunfälle : Wenn Arbeit krank macht

Stürze aus großen Höhen, Verätzungen durch Chemikalien: In vielen Berufen kann eine ganze Menge passieren Darum gibt es in Deutschland eine Gesetzliche Unfallversicherung – seit 125 Jahren. Sie ist zuständig für fast 70 Millionen Menschen

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Dieser Mann hat noch mal richtig Schwein gehabt: Am 2. Oktober 1885 stürzte der Berliner Arbeiter Ernst Buck vom Balken einer Baustelle und zog sich schwerste Verletzungen zu. Ihm hätte ein elendes Schicksal voller Altersarmut gedroht. Doch einen Tag zuvor, am 1. Oktober, war das vom Reichstag beschlossene Unfallversicherungsgesetz in Kraft getreten. Jetzt gab es auf einen Schlag 57 Berufsgenossenschaften im Deutschen Reich, und die für Ernst Buck zuständige zahlte ihm eine Rente.

Genau 125 Jahre ist das jetzt her, und mit Ausnahme einer kurzen Phase nach 1945 hat es in Deutschland seither ununterbrochen eine Gesetzliche Unfallversicherung gegeben. Vor wenigen Tagen hat ihr Spitzenverband, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), mit einem Festakt im Deutschen Historischen Museum an das Jubiläum erinnert. Die Wenigsten kennen die DGUV, doch rund 70 Millionen Menschen, also der weitaus größte Teil der deutschen Bevölkerung, sind bei einem ihrer Träger unfallversichert. Bezahlt wird das allein von den Arbeitgebern – die sind dafür im Gegenzug bei Unfällen von der Haftung freigestellt. Die Höhe der Abgabe richtet sich danach, wie riskant der Beruf ist. Bei Dachdeckern, Maurer oder Profifußballern ist sie höher als bei Büroangestellten.
Trotz des Namens geht es bei der Unfallversicherung nicht nur um einmalige Ereignisse wie Unfälle, sondern auch um berufsbedingte Krankheiten, die eher schleichend daherkommen. 73 solcher Krankheiten sind heute definiert, am häufigsten betreffen sie die Haut, zum Beispiel im Gaststättengewerbe, wo es immer feucht zugeht. An zweiter Stelle stehen Lärmprobleme. Außerdem enthält die Liste auch asbestbedingte Erkrankungen, Infektionen von Krankenhausmitarbeitern oder Verätzungen durch Lösemittel. Jeder Arzt sollte sensibilisiert sein, eine berufsbedingte Krankheit zu erkennen. Stellt er zum Beispiel Lungenkrebs fest, sollte er den Patienten nach seinem Beruf fragen und der Unfallversicherung mitteilen, dass ein Verdacht auf berufsbedingte Krankheit vorliegt. Bevor eine Rente gezahlt wird, muss aber geklärt werden, ob die Erkrankung tatsächlich durch den Beruf verursacht wurde.

Es war Otto von Bismarck, der 1881 in einer Kaiserlichen Note die Einführung von Sozialversicherungen ankündigte, die dann mit der Kranken- (1883), der Unfall- (1885) und schließlich der Rentenversicherung (1889) erfolgte. Als Träger der Unfallversicherung wurden Dutzende von Genossenschaften gegründet, und zwar durch die Arbeitgeber. „Die Unternehmer waren ja nicht alle Ausbeuter, sie übernahmen auch soziale Verantwortung“, erklärt Stefan Boltz von der DGUV. Ein Meilenstein sei es gewesen, als 1925 auch Unfälle auf dem Weg von und zur Arbeit miteinbezogen wurden. Franz Kafka war zu diesem Zeitpunkt schon tot. Der Autor von Romanen wie „Der Prozess“ hatte bis 1922 bei der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ in Prag gearbeitet und soll sich dort engagiert für die Verbesserung industrieller Arbeitsbedingungen eingesetzt haben.

In Deutschland schafften die Nazis ein Jahrzehnt später die Selbstverwaltung der Unfallversicherung ab. 1951 kehrte sie zurück. In den 70er Jahren wurde der Verischerungsschutz auch auf Kinder, Schüler und Studenten ausgeweitet, nach der Vereinigung dann ein neuer Versicherungsschutz in Ostdeutschland aufgebaut. 2007 entstand die DGUV in ihrer heutigen Form, ihren Sitz hat sie in der Berliner Mittelstraße. Getragen wird sie von derzeit 13 gewerblichen Berufsgenossenschaften (nur die Landwirte haben ein eigenes System) und 32 öffentlichen Unfallkassen. Ihre Aufgaben sind einerseits präventiv: Die DGUV berät Unternehmen, beaufsichtigt sie aber auch – prüft also, ob etwa auf einer Baustelle jeder Arbeiter einen Helm trägt. Andererseits ist sie für die Zeit nach dem Unfall zuständig. Sie ermittelt, ob und wie viel Entschädigung gezahlt wird oder unterstützt den Betroffenen bei der Rehabilitation. Dabei wird versucht, ihn – soweit das möglich ist – wieder ins Berufsleben zurückzuführen, etwa durch einen Umbau des Arbeitsplatzes. Die Reha-Maßnahmen beginnen schon im Krankenhaus – in Berlin vor allem im Unfallkrankenhaus Marzahn, das 1997 von den gewerblichen Berufsgenossenschaften und dem Land gegründet wurde, um schwere Unfälle spezialisiert behandeln zu können.

Solche Unfälle können zu einer bleibenden Behinderung führen. Dann wächst dem Sport eine bedeutende Rolle zu. „Sport trainiert nicht nur den Körper und hilft ihm, mit Belastungen fertig zu werden“, sagt Stefan Boltz, „er stärkt auch die Psyche, weil man gemeinsam trainieren und Erfolgserlebnisse feiern kann“. Im Februar dieses Jahres finanzierte die DGUV die Reise von Nachwuchsjournalisten nach Vancouver, um dort währen der Paralympics eine Zeitung zu machen – mit redaktioneller Unterstützung des Tagesspiegels. Damit eine breite Öffentlichkeit stärker wahrnimmt, wie wichtig Sport für die Rehabilitation ist.

www.dguv.de

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