Gesundheit : „Beschämend für die Ärzteschaft“ Mediziner halten an Hormontherapie fest

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Vor drei Jahren gab es einen großen Eklat um die Hormontherapie: Die amerikanische WHIStudie („Women’s Health Initiative“) mit über 16000 Teilnehmerinnen wurde vorzeitig abgebrochen. Die Hoffnung in den langfristigen Nutzen für Herz und Kreislauf war nicht nur nicht gestützt worden, es hatten sich sogar Hinweise auf vermehrte Schlaganfälle und Herzinfarkte ergeben. Zudem wurde bestätigt, dass die Hormontherapie das Risiko für Brustkrebs und Thrombosen erhöht. Seitdem sollen die Hormone, übereinstimmenden internationalen Empfehlungen zufolge, nur noch gezielt gegen starke Beschwerden in den Wechseljahren wie Hitzewallungen und Schweißausbrüche verordnet werden.

Mehr als ein Drittel der niedergelassenen deutschen Frauenärzte hält trotzdem den Einsatz der Hormone zur Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiterhin für sinnvoll. Das ist eines der Ergebnisse einer Befragung von 400 Gynäkologen, die das Wissenschaftliche Institut der AOK („WIdO“) am Mittwoch in Berlin vorstellte. Fast 80 Prozent der Frauenärzte sind der Überzeugung, dass die Risiken der Behandlung mit Östrogenen und Gestagenen überschätzt werden, 43 Prozent finden, dass gegenwärtig zu wenig Frauen Hormone bekommen. „Sehr hormonfreundliche Ansichten“, kommentierte Anette Zawinell, Mitarbeiterin des Instituts. Vor allem die älteren Frauenärzte setzen auf die Präparate auch im Sinne des Anti-Aging. Auch in der Behandlung von depressiven Verstimmungen und zur Vorbeugung der Demenz wird ihnen ein Stellenwert zugesprochen, den die derzeitigen Studien-Ergebnisse nicht stützen.

„Die aktuelle Studienlage ist bei den Gynäkologen alles in allem nicht angekommen“, sagte Norbert Schmacke, Leiter der Arbeits- und Koordinierungsstelle Gesundheitsversorgungsforschung an der Uni Bremen. Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, bezeichnete die Ergebnisse der Studie sogar als „beschämend für die Ärzteschaft“. Für Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO, ist sie auch ein Test dafür, ob und wie neues Wissen Eingang in den Praxisalltag finden.

In den Verordnungszahlen hat es sich bereits niedergeschlagen: 2004 wurden nur noch halb so viele Rezepte für Hormonpräparate ausgestellt wie 1998/99. Dabei gibt es erstaunliche regionale Unterschiede: Im Bereich der kassenärztlichen Vereinigung Bremen werden doppelt so vielen Frauen über 40 Jahren Hormone verordnet wie in Sachsen-Anhalt.

Wie viele Frauen der kritischen Altersgruppe tatsächlich unter Beschwerden leiden, für die heute eine Hormontherapie empfohlen wird, weiß derzeit keiner so genau. Klauber kritisiert jedoch, dass 40 Prozent aller Tagesdosen von Frauen über 60 Jahren eingenommen werden, bei denen die typischen Beschwerden meist schon abgeklungen sind. Auf aktuelle Diskussionen über die Grenzen der WHI-Studie angesprochen, forderte Müller-Oerlinghausen weitere große, unabhängige Studien zur Hormontherapie. „Wenn sich die Ergebnisse wirklich ändern sollten, werden sich auch die aktuellen Empfehlungen ändern.“ aml

Die Studie kann bei der AOK bestellt werden. Tel.: 0228-843131, Fax -843144.

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