Gesundheit : Besserer Zugang zur jüdischen Geschichte

GERLINDE UNVERZAGT

Der Fund hat ihn erschüttert: Unter dem kurzen Kassenbericht fand Yoram Mayorek 1995 die Unterschrift seines Großvaters. "Aus dem polnischen Dorf Kalisch gelangte das Schriftstück zusammen mit vielen anderen 1936 nach Paris, wurde 1940 nach Berlin gebracht und 1945 nach Moskau," berichtet der israelische Forscher. "Und da habe ich es dann fünfzig Jahre später gefunden." Die Odyssee dieses Schriftstückes steht beispielhaft für das Schicksal schriftlicher und mündlicher Zeugnisse des jüdischen Kulturerbes in Europa. "Die Bestände zu sichern und zugänglich zu machen" - mit dieser Aussage beschreibt Joachim Schlör vom Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum für europäische jüdische Studien (MMZ) das Gebot der Stunde.Die Konferenz im Potsdamer Mendelssohn Zentrum über die Frage, wie man jüdische Archivbestände als Teil des europäischen kulturellen Erbes bewahren kann, steht als ein weiterer Meilenstein in dem Bemühen, die verbliebenen Dokumente jüdischen Lebens dem Vergessen zu entreißen. Bibliothekare, Archivare und Historiker aus Europa und Amerika stellten am vergangenen Wochenende die Bestände ihrer Bibliotheken vor und berieten über geeignete Strategien, das vorhandene Material für die Forschung fruchtbar zu machen. Über die Befriedigung von wissenschaftlichen Interessen weist die Arbeit weit hinaus: "Es gibt auch eine moralische Verpflichtung, diese Bestände aufzuarbeiten," sagt Norbert Reimann vom Verband Deutscher Archivare. "Eine Deportationsliste aus der Nachbarschaft kann eine größere Betroffenheit auslösen als ein Mahnmal, das natürlich auch wichtig ist." Die Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden hat Millionen Menschen das Leben gekostet; die Zerstörung von Gemeindearchiven, Handschriften, Memoiren und Presseerzeugnissen beraubt die Überlebenden ihrer Wurzeln. Die Erkenntnis, daß es eine gemeinsame europäische Verpflichtung gibt, die Zeugnisse zu bewahren und zu erforschen, eint die Teilnehmer der Tagung, die von jüdischen Organisationen und der EU unterstützt wurde.Das jüdische Kulturerbe ist Teil des europäischen Kulturerbes, denn gerade die jüdische Geschichte läßt sich nicht losgelöst im Blick auf ein einzelnes Land erforschen und darstellen. Wanderungsbewegungen, die von Frankreich nach Deutschland, von hier weiter nach Polen und in die baltischen Staaten führen, haben ihre Spuren in den schriftlichen Überresten hinterlassen. Andere Wege gingen nach der Vertreibung aus Spanien und Portugal in die Niederlande oder nach Griechenland und Bulgarien. Auch die Entwicklung der jiddischen Sprache wird erst in einem europäischen Zusammenhang verständlich. Große Rabbiner zogen von einer Stadt in die andere, ebenso Druckhäuser und Verlage, Schulen und Handelshäuser.Meistens waren es Pogrome und Vertreibungen, die den Hintergrund für diese Bewegungen bildeten. Und allzu oft ging dabei vieles von dem verloren, was sich die Gemeinden in der Zeit ihrer Anwesenheit an einem Ort aufgebaut hatten. Mit der russischen Revolution 1917 geriet das Material in Gefahr, aber keine der Zerstörungen war so umfassend und zerstörerisch wie die Shoa. Nach 1945 schien jüdisches Leben in Europa unwiderruflich beendet. "Wir wissen heute, daß mehr geblieben ist, als man damals erwarten konnte," sagt Joachim Schlör: "Es sind Menschen geblieben, es sind Gemeinden geblieben, und es sind auch Dokumente, Archivalien, Sachzeugnisse geblieben." Doch erst nach den politischen Veränderungen von 1989/90 könnten die vorhandenen Bestände in ihrer ganzen Bedeutung erfaßt werden.In russischen Archiven sind besonders Dokumente über die jüdische Bevölkerung wie Geburts- und Sterberegister vorhanden - viele sind nicht von jüdischer Hand erstellt worden. "Jüdische Zeugnisse wurden nicht für erhaltenswert erachtet," erklärt Dmitry Elyashevic von der Jüdischen Unversität in St. Petersburg. "Der Zustand jüdischer Originale ist oft sehr schlecht," räumt er ein, "und vieles ist verschwunden." Längst sei noch nicht alles, was man zusammengetragen habe, gesichtet, erschlossen, katalogisiert. Ohne das Material aus russischen Archiven jedoch gehe besonders in der Erforschung des osteuropäischen Judentums gar nichts. Daraus ergibt sich ein bedeutendes Thema für die Forschung."Bis 1939 stellten Juden zehn Prozent der polnischen Gesamtbevölkerung, und in den Städten waren sogar 40 Prozent der Einwohner Juden." Auf diese Tatsache weist Feliks Tych vom Jüdisch-Historischen Institut in Warschau in seinem Eröffnungsvortrag hin. "Polen war eine Feste des europäischen Judentums." Die Quellenlage ist in den polnische Archiven paradox: Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sehe es sehr gut aus, von 1939 bis 45 werde es dünn. Das gilt vor allem für die Lebensbereiche innerhalb der jüdischen Gemeinschaft - da sei nur ein Archiv, das ausnahmslos Erinnerungen und Tagebücher enthalte, übriggeblieben. Aus kleineren Gettos gebe es gar kein Material.Russische und polnische Archive enthielten viel politisches, demographisches und wirtschaftliches Material von den römisch-katholischen Visitationsberichten, die über Andersgläubige in christlichen Gemeinden anzufertigen gewesen waren. Bewahrt wurden auch Gutsherrenakten, Grund- und Steuerbücher, Matrikel- und Standesamtakten. Aber über das eigentliche jüdische Leben sind nur wenige Zeugnisse zu finden. Historische Arbeiten auf dieser Quellenbasis seien "sub speciae nationaler Interessen geschrieben, deshalb fehlt uns heute ein realistisches Bild des multiethnischen Zusammenlebens in Polen"."Die Juden bildeten im Vorkriegspolen eine große Enklave mit eigener Kultur, Sprache und eigenem Geistesleben, das groß genug war, um auf die Juden in aller Welt auszustrahlen", betonte Tych. "Aber unsere heutige Quellenlage läßt es nicht zu, diesen Reichtum zu rekonstruieren." Oft erweisen sich die erhaltenen Unterlagen, allen Verlusten und Lücken zum Trotz, als Segen. Yale Reisner, Forschungsdirektor der Ronald S.Lauder Foundation, die in 13 Ländern aktiv ist, berichtet aus seiner Arbeit im Archiv in Warschau. Das jüdische Element werde in der polnischen Gesellschaft ganz und gar verschwiegen, unter der Naziherrschaft genauso wie unter der kommunistischen - zum Leidwesen der Menschen. Besucher seines Archives machen sich auf Spurensuche. Es sind "verlorene Kinder, die jetzt als Erwachsene ihre Familie suchen, jüdische Gemeinschaften, die wissen wollen, wer sie sind". Es sei Zeit, Informationen miteinander zu teilen, die zwischen Auschwitz und Amerika verstreut seien und sie zusammenzubringen, um den Menschen ihre Geschichte wiederzugeben."Die Archive sind offen", sagt er, "und die Archivare sollen es auch sein". Der offene Austausch über vorhandene Schätze könne dabei über so manche unwiederbringliche Lücke hinweghelfen, hofft Yale Reissner. Die Öffnung bislang verschlossener Archive in der ehemaligen Sowjetunion hat die Möglichkeiten wieder breiter werden lassen; die Veränderungen der letzten Jahre in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn haben auch einen tiefgreifenden Wandel im Hinblick auf den Umgang mit dem jüdischen Kulturerbe eingeleitet. Neue jüdische Gemeinden sind entstanden. Universitäten, Schulen, Dokumentationszentren und Forschungsprojekte flankieren und fördern ein Bewußtsein jüdischer Identität.Auch in der Forschung zeichnen sich neue Wege ab: sozialgeschichtliche Fragen genauso wie Themen aus der Geschichte des täglichen Lebens, Geschlechterstudien oder Kulturgeschichte verbinden sich mit älteren Strategien für Forschung und Lehre, sagt Frank Mecklenburg vom New Yorker Leo Baeck Institut. "Diese neuen Forschungsfelder verlangen eine differenziertere Quellensituation als die traditionelle politische Geschichte oder die Geschichtsschreibung über berühmte Persönlichkeiten und wichtige Ereignisse." Die Aufgabe der Archivare sieht Mecklenburg vor allem darin, sich darauf vorzubereiten und das Material bereitzuhalten, das im Zentrum dieser neuen Forschungsinteressen steht.Charles Berlin, Bibliographer an der Harvard Universität, erweitert die Perspektive: An der Schwelle zum nächsten Jahrhundert seien die Archivare zwar noch immer vor die Aufgabe des Bewahrens gestellt, aber die Methode wandelt sich: Im Informationszeitalter werde die physische Präsenz von Papieren in die virtuelle zu überführen sein. "Von der Handschrift zur floppy disk" führe der Weg. Der Zugang zum jüdischen Erbe ist enorm verbreitert, wenn die Informationen dank des world wide web für Wissenschaftler und interessierte Laien gleichermaßen verfügbar gemacht werden. Das Augenmerk müsse nun auf die Fülle des Materials gerichtet werden, sagt er und nennt ein Beispiel: "In Frankreich, in Italien, in der Ukraine werden jüdische Fernsehprogramme produziert. Was davon wird gesammelt? Was wir bewahrt? Wie können wir den Zugang zu all diesem Material schaffen?" Soviel Material wie möglich müsse jetzt digitalisiert werden, damit es nicht dem Vergessen anheimfalle. "Preservation through dissemination", fordert Charles Berlin seine Kollegen zum Umdenken auf. Die Aufgabe sei gewaltig, auch die technologischen Mittel stünden bereit. "Die Zeit ist kurz", appelliert er, "und die Arbeit ist groß."

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