Gesundheit : Besuch vom scharfen Pizzabäcker

THOMAS VOGT

Die Szene könnte aus einer der Seifenopern stammen, wie sie täglich zwischen 18 und 20 Uhr im Fernsehen laufen: Tochter verknallt sich in einen Ausländer, Papa rastet aus, und die Göre beschließt, mit ihrem Romeo durchzubrennen.Das Problem ist jedoch alt, die Szene stammt aus der Oper "Doktor Mirakel" von Georges Bizet aus dem Jahre 1857.Gesangsstudenten der Hochschule der Künste Berlin (HdK) proben seit Beginn des Sommersemesters für die Premiere des Einakters am heutigen Abend.Für drei Sänger der ersten Besetzung ist die Aufführung gleichzeitig szenischer Teil ihrer Diplomprüfung.

"Die Schauspielprüfung für Sänger mit dem Schwerpunkt Oper ist neu an der HdK", sagt Jürgen Werner, Vorsitzender im Prüfungsausschuß des Studiengangs Gesang / Musiktheater.Bisher hätten die Prüflinge immer zwei Konzerte gesungen.Zu diesem Sommersemester habe die Hochschule die Prüfungsordnung dahingehend geändert, daß die Diplomanden eine der beiden Gesangsprüfungen durch eine szenische Prüfung ersetzen dürfen.Das neue Angebot komme vor allem jenen Studenten entgegen, die später ans Theater wollten.Die Neuerung sei zudem möglich gewesen, weil es seit wenigen Jahren zwei "feste" Professorenstellen für Schauspiel gebe, erklärte Werner die Änderung der Prüfungsordnung.Außer der Bizet-Inszenierung ist dieses Semester noch ein weiteres Opernprojekt in Arbeit, an dem Diplomanden beteiligt sind.Ende Juni kommt die Oper "Der blonde Eckbert" von Judith Weir zur Aufführung.

"Ich finde es sehr gut, daß wir das Examen auch in Schauspiel machen können", sagt die Diplomandin Silvia Fricke, für die der "Doktor Mirakel" zum zweifachen Test wird.Die Aufführung findet nämlich nicht in den vertrauten Räumlichkeiten der Hochschule statt, sondern auf den Brettern einer "echten" Bühne, des Theaters unterm Dach in Prenzlauer Berg."Das ist ein weiterer Vorteil", sagt Silvia.Der Auftritt auf einer öffentlichen Bühne komme dem Alltag einer Sängerin einfach näher.

"So, jetzt fangen wir aber an mit der Probe", ruft Dagny Müller, Professorin für szenischen Unterricht, zu Beginn der Generalprobe, und die Komödie mit ihren fetzigen Arien, Ensembles und Dialogen nimmt ihren Lauf: Der Bürgermeister einer Kleinstadt (Gero Bublitz, Bariton) und seine Frau (Silvia Fricke, Mezzosopran) wollen am Samstag abend ausgehen.Aber wohin mit der Tochter Laurette (Cornelia Berner, Sopran), die jede Gelegenheit nützt, verbotenerweise ihren amerikanischen Freund Silvio zu treffen? Doch Papa denkt an alles.Er hat einen neuen Koch namens Pasquino eingestellt, der weniger den Herd, als vielmehr die Tochter Laurette hüten soll.Der kochende Aufpasser (Matthew Price, Tenor) betritt mit Springerstiefeln und Baseballschläger die Bühne und serviert das Abendessen - "italienische Pfannkuchen", auch Pizza genannt.

Die ist zwar dermaßen scharf, daß nur der Bürgermeister einen Brocken herunterbekommt, doch der Herr Vater ist sich sicher: Als Hüter der Tugend ist Pasquino der richtige Mann an der richtigen Stelle.Denkt er.Ist aber nicht so.Die Eltern kommen gerade noch rechtzeitig nach Hause, den Koitus von Tochter und Bodyguard zu verhindern, der kein anderer ist, als Laurettes Liebhaber Silvio in Verkleidung.Der Vater brüllt, seine Tochter heult, Silvio fliegt raus.Doch der Bürgermeister hat die Rechnung ohne den Pizzaservice gemacht.Ein Telegramm von Silvio alias Pasquino trifft ein, das Abendessen sei vergiftet gewesen.In Todesangst läßt der Bürgermeister nach dem Scharlatan "Doktor Mirakel" rufen, der kein anderer ist als der Pizzabäcker ...

Auf Französisch singen die Studierenden die Gesangspartien der Kurzoper.Die Dialoge nach dem Libretto von Léon Battu und Ludovic Halévy hat die Schauspielprofessorin Dagny Müller aufgepeppt und aktualisiert - zum besseren Verständnis auf Deutsch."In der ursprünglichen Fassung ist der Freund des Mädchens ein Soldat.Das war damals der Schrecken aller Väter." Was einst der Soldat war, sei heute der Ausländer - oder der Schauspieler, weil seine Kunst als brotlos angesehen werde."Deshalb ist Silvio in der zweiten Besetzung Schauspieler", sagt Müller.

Alleine wäre der Einakter von Bizet jedoch nicht abendfüllend.Deshalb bekommt das Publikum als "Ouvertüre" ein weiteres Projekt von HdK-Sängern vorgeführt, eine Revue nach Werken von Jacques Offenbach.Das Quintett "Welch herber Schmerz ergriff mich?" singen Touristen auf der Suche nach einer Toilette und manövrieren sich damit an den Rand des guten Geschmacks."Leute, kauft Salat" schmettern drei Damen auf dem Markt.Dem Publikum drängen sie Fischstäbchen und andere Leckerbissen auf - genauso scharf wie Silvios Pizza.

Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg, Tel.4240 1080.Erste Besetzung: 18.und 21.Juni, zweite Besetzung: 19.und 20.Juni, jeweils 20 Uhr.Eintritt 15 Mark, ermäßigt 10 Mark, Schülerticket 5 Mark.

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