Gesundheit : Bevölkerungsrückgang und Vergreisung - was das Prognos-Institut erwartet

Bernd Matthies

Alles, was die Bevölkerungsstatistiker auf sehr lange Sicht für die ganze Welt erwarten, wird auch in Deutschland Realität werden - nur schneller und tiefgreifender. Die zwei entscheidenden Tendenzen: zunehmende Überalterung und eine allmählich sich beschleunigende Schrumpfung der Einwohnerzahl, also immer weniger und immer ältere Deutsche (und Berliner sowieso). Der zweite Deutschland-Report der Baseler Prognos-Forscher, veröffentlicht 1998, kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2020 zwar immer noch rund 3,4 Millionen Menschen in der Hauptstadt leben werden, rund 40 000 weniger als 1996 - wenig spektakulär. Der große Wandel wird erst deutlich, wenn man die Altersstruktur betrachtet: Die Zahl der über 65-Jährigen wird in diesem Zeitraum von rund 473 000 auf 732 000 steigen, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der Stadt von 13,7 auf 21,4 Prozent.

Für das gesamte Bundesgebiet erwarten die Prognos-Forscher ähnliche Entwicklungen, also geringe Rückgänge der Gesamtbevölkerung bei gleichzeitig starkem Anstieg des Durchschnittsalters. So wird die Zahl der Kinder bis zu vier Jahren von 3,99 Millionen (1996) auf 3,28 Millionen im Jahr 2020 zurückgehen, während die Zahl der über 95-Jährigen in diesem Zeitraum von 67 000 auf 212 000 steigt. Grundlage dieser Analyse ist die Erwartung, dass sich in Westdeutschland nichts Grundsätzliches ändert: Auch auf längere Sicht werden die Geburtenziffern stabil auf einem Niveau verharren, das weit unter jenem liegt, das zur natürlichen Stabilisierung der Bevölkerung notwendig wäre. In den ostdeutschen Ländern ist die Zahl der Geburten zu Beginn der 90er Jahre massiv eingebrochen; inzwischen hat sich der Trend umgekehrt, und das Gebärverhalten scheint sich westdeutschen Verhältnissen anzugleichen.

Am anderen Ende der Altersskala tut sich mehr. Die Lebenserwartung eines 65-jährigen Mannes lag 1995 in Westdeutschland bei 14,8 Jahren und damit 1,6 Jahre höher als ein Dutzend Jahre zuvor (Frauen: 18,6 / 1,9). Ursache ist neben dem medizinischen Fortschritt vor allem zunehmendes Gesundheitsbewusstsein, aber auch die sinkende Zahl gesundheitsgefährdender und unfallträchtiger Arbeitsplätze spielt eine wichtige Rolle. Die Forscher erwarten, dass sich dieser Trend in abgeschwächter Form fortsetzt, und dass auch die noch deutlich niedrigeren Zahlen in Ostdeutschland auf West-Niveau steigen.

Der Prognos-Report befasst sich ausführlich mit den möglichen Wirkung dieses Strukturwandels auf Wirtschaft und Sozialsysteme. Der Arbeitsmarkt wird bis 2020 davon kaum profitieren können, denn auch dann wird es immer noch mehr Arbeitskräfte als freie Arbeitsplätze geben. Allenfalls Engpässe wegen des Mangels an jungen Arbeitskräften halten die Prognos-Forscher für möglich, denn die Zahl der älteren Beschäftigten wird zunehmen, die der jüngeren massiv schrumpfen. Wenn andererseits die Anforderungen an Flexibilität, Bereitschaft zur Weiterbildung und Umschulung zunehmen, Eigenschaften also, die man älteren Arbeitnehmern eher abspricht, sind Probleme unvermeidlich.

In den folgenden Jahrzehnten bis etwa 2040 scheint ein genereller Arbeitskräftemangel bevorzustehen, "mit entsprechenden Auswirkungen auf die wirtschaftiche Dynamik", wie es bei Prognos heißt. Für das Spezialproblem der Frauenerwerbsquote unterstellt Prognos, dass die Zahlen in Ost- und Westdeutschland, die bisher stark differierten, sich langfristig auf mittlerem Niveau angleichen.

Die Zusammenhänge zwischen Überalterung und Wirtschaftsentwicklung gelten noch als weitgehend unerforscht. Die Annahme, Rentner sparten weniger, und steigendes Durchschnittsalter führe also zu geringerer Sparquote und abnehmender Kapitalbildung, ist bisher rein spekulativ. Für das Konsumverhalten wird angenommen, dass die Nachfrage nach materiellen Gütern abnimmt, während Gesundheits- und soziale Dienste verstärkt in Anspruch genommen werden. Die durchschnittliche Haushaltsgröße wird vermutlich weiter sinken, die Zahl der Einpersonenhaushalte weiter zunehmen. Folge: Der Wohnungsbedarf steigt.

Die höchste Brisanz der Überalterung liegt naturgemäß in ihrer destabilisierenden Wirkung auf das System der sozialen Sicherung. Dies betrifft nicht nur das Rentensystem, sondern auch die Kranken- und Pflegeversicherung, weil die Pro-Kopf-Ausgaben für medizinische Versorgung mit steigendem Lebensalter überproportional ansteigen.

Während all diese Entwicklungen relativ verlässlich prognostizierbar sind, bleiben die Forscher bei der Frage nach den Wanderungsströmen zwischen Deutschland und dem Ausland, einem hierzulande traditionell wesentlichen Faktor, auf Vermutungen angewiesen. Laut Prognos hat Deutschland von 1991 bis 1996 7,1 Millionen Menschen gewonnen und 4,3 Millionen verloren, das entsprach per Saldo einem Wanderungsgewinn von rund 470 000 Menschen pro Jahr. 1997 allerdings lag dieser Gewinn nur noch bei 94 000 - hier spiegelt sich die Wirkung der veränderten Asylgesetze ebenso wie der starke Rückgang der Zahl russlanddeutscher Zuwanderer. Für die nächsten Jahrzehnte unterstellen die Forscher dennoch einen weiter positiven Saldo etwa auf dem Niveau der 80er Jahre, gleichmäßig verteilt auf Ost- und Westdeutschland. So könnte etwa der Zuwanderungsdruck aus Osteuropa durch den Beitritt verschiedener Staaten zur EU noch ansteigen.

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