Gesundheit : Bevor es zu spät ist

Die Zahl älterer Menschen steigt. Am Krankenhaus Hedwigshöhe ist man darauf vorbereitet Im „Zentrum für Altersmedizin“ verhindert ein Netzwerk, dass akut Erkrankte zum Pflegefall werden

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Zuwendung. Rainer Koch ist Chefarzt der Geriatrie in Hedwigshöhe. Mit seinen 44 Jahren könnte er der Enkel vieler Patienten sein – auch von Helga Padelt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Zuwendung. Rainer Koch ist Chefarzt der Geriatrie in Hedwigshöhe. Mit seinen 44 Jahren könnte er der Enkel vieler Patienten sein –...

Ihr Blick ist entschlossen, ihre Sprache klar: Wer sich ein wenig mit Helga Padelt unterhält, kann sich gut vorstellen, dass sich die 83-Jährige nur kurz im Bett ausruht. Dass sie dann aber gleich wieder aufsteht, um anzupacken und sich zu engagieren – zum Beispiel in ihrem Bürgerverein. „Anderen zu helfen ist mir immer sehr wichtig gewesen“, sagt sie. Doch seit einigen Wochen muss sie ihre Tage vor allem im Bett verbringen. Seit sie Ende Juni zu Hause eine Treppe hinuntergestürzt ist, ist sie es, die Unterstützung und Hilfe braucht. Daran muss sie sich erstmal gewöhnen.

Die Ärzte im DRK-Klinikum Köpenick haben mehrere Brüche bei ihr diagnostiziert. Betroffen waren neben dem Schlüsselbein auch die Schulter, einige Rippen und das Becken. Eine Operation erschien wegen ihrer Osteoporose zu riskant. Die Ärzte empfahlen Helga Padelt einen Aufenthalt im Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe. Seit einigen Wochen liegt die 83-Jährige nun in der Klinik für Geriatrie, einer neuen, erst im April eröffneten Einrichtung für ältere Menschen. Chefarzt Rainer Koch könnte mit seinen 44 Jahren der Enkel vieler Patienten sein. „Das Angebot wird sehr gut akzeptiert, wir können gar nicht alle Patienten aufnehmen“, sagt er. Die meisten kommen aus der Region und wollen gern wohnortnah behandelt werden.

Mit der Klinik für Geriatrie ist ein neuer Schwerpunkt des Krankenhauses Hedwigshöhe nun komplett: das Zentrum für Altersmedizin, zu dem neben einer gerontopsychiatrischen Klinik auch eine Institutsambulanz für psychisch erkrankte ältere Menschen und eine Tagesklinik gehören. Alle Einrichtungen zusammen bilden ein straffes Netz, das ältere Patienten auffangen soll. Davon kann ein Großteil der Bewohner Treptow-Köpenicks profitieren: Laut Statistischem Landesamt ist hier jeder Vierte 65 Jahre oder älter. Damit liegt der Bezirk, vor Steglitz-Zehlendorf, an der Spitze.

Die neue Klinik für Geriatrie deckt auch die Innere Medizin ab. „So verbinden wir die psychische und somatische Medizin eng miteinander“, sagt Chefarzt Koch. Viele Patienten müssten in beiden Bereichen behandelt werden. Denn rund 30 bis 45 Prozent aller Menschen über 64 leiden an einer psychischen Störung, bei zwölf Prozent dieser Altersgruppe liegt eine demenzielle Störung vor.

Alle Patienten, die im Krankenhaus Hedwigshöhe in der Geriatrie aufgenommen werden, müssen ein „Assessment“ absolvieren. Dabei wird auch untersucht, wie es den Patienten psychisch geht. „Bei einem Verdacht auf depressive Störungen ziehen wir unsere Psychologin hinzu, bei Bedarf zusätzlich einen Facharzt für Psychiatrie“, erklärt Koch. Das Ziel: „Wir wollen verhindern, dass sich der Gesundheitszustand von alten Menschen durch eine Akuterkrankung so verschlechtert, dass sie zum Pflegefall werden.“ Deshalb bietet die Klinik für Geriatrie den Patienten neben der akutmedizinischen Diagnostik und Therapie auch Rehabilitation an. „Wenn ein Patient mit Luftnot und einem schlechten Allgemeinzustand zu uns kommt, diagnostizieren wir etwa eine Lungenentzündung, leiten eine medikamentöse Therapie ein und beginnen gleichzeitig mit der Rehabilitation.“

Durchschnittlich bleiben die Patienten zwei Wochen in der Klinik. Sie profitieren davon, dass alle Angebote nah beieinander liegen. Neben dem orangefarbenen Trainingsraum für die Physiotherapie, der so groß ist, dass dort auch die Rollstühle und Rollatoren parken können, liegt das Büro des Sozialdienstes. „Wir haben einen Sozialarbeiter, der sich ausschließlich um die Patienten der Geriatrie kümmert“, sagt Rainer Koch. Er soll ihnen beim Weg zurück in ihren Alltag helfen. „Die meisten Patienten kommen von zu Hause und sollen auch wieder dahin zurück.“ Wenn jedoch absehbar ist, dass eine andere Lösung notwendig wird, unterstützt der Sozialdienst die Patienten bei der Planung, etwa der Suche nach einem geeigneten Pflegeheim.

Ein paar Zimmer weiter ist gerade Essenszeit: Fünf ältere Patienten sitzen in einem Gemeinschaftsraum und löffeln Suppe. „Wir wollen den Austausch der Patienten untereinander fördern und ermutigen sie, zu den Mahlzeiten das Zimmer zu verlassen“, sagt Rainer Koch. Charlotte Förster kann das noch nicht. Sie isst in ihrem Bett. „Ich habe mir einen komplizierten Bruch rund um meine Hüftprothese zugezogen“, sagt die 82-Jährige. Wie ein „Gewitterkrach“ sei der Bruch für sie gewesen. Nach der Operation und einer 14-tägigen stationären Behandlung im DRK-Klinikum Köpenick empfahlen ihr die Ärzte die Geriatrie des Krankenhauses Hedwigshöhe. Dort nutzt sie Angebote der Physio- und der Ergotherapie. „Ich bin einerseits alt und deshalb weniger belastbar und bekomme hier andererseits stabilisierende Hilfe. Beeindruckt hat sie an der Klinik das „ungemein menschliche Verständnis“. Nach ihrer Rückkehr in die eigenen vier Wände wird sie von einem Haustherapeuten behandelt werden.

Helga Padelt hat in Hedwigshöhe die Angebote der Krankengymnastik und Ergotherapie genutzt – und sogar das Gehen an Handläufen geübt. „An diesen kleinen Glücksgefühlen habe ich mich hochgerappelt.“ Bis sie die Diagnose bekam, dass ihr Becken nicht nur vorn, sondern auch hinten gebrochen ist. Aus diesem Grund musste sie das Training vorerst abbrechen. „Damit muss ich erst mal fertig werden“, sagt sie und schluckt.

An der Betreuung in der Geriatrie schätzt sie die Zugewandtheit und die „Einheit zwischen der medizinischen Behandlung, dem menschlichen Einfühlungsvermögen und der seelischen Zuwendung“. Und sie mag den Blick nach draußen, ins Grüne. Wie viele andere Patienten schwankt auch Helga Padelt zwischen Freude und Bedenken, dem Wunsch, bald wieder in ein selbstständiges Leben zurückkehren zu können und der Sorge, wie es nun weitergeht. „Ich werde vorläufig nicht mehr so agieren können wie vorher“, sagt sie. Und auch, dass sie das so traurig mache. Sie versucht trotzdem, eine positive Einstellung zu haben. „Damit ich noch einmal selber etwas für andere Menschen tun kann.“

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