Gesundheit : Bewegende Träume

Wenn man träumt, sind die Muskeln wie gelähmt – bei manchen Menschen versagt diese Bremse

Adelheid Müller-Lissner

Die meisten Träume vergessen wir. Dabei würden wir sie so gern festhalten! Schließlich sind sie Teil unseres Lebens.

Ganz anders Markus G. Er wird durch einen Gips ganz konkret an einen nächtlichen Traum erinnert. Markus G. hat sich im Schlaf das Handgelenk gebrochen. „Mein Mann stand plötzlich neben mir im Bett – und sprang dann vier Meter weit bis in den offenen Kleiderschrank“, berichtete seine Frau dem Arzt in der Notaufnahme der Klinik. Markus G. wird von buchstäblich bewegenden Träumen verfolgt. Er hat das, was Schlafmediziner eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung nennen.

Dass der Verletzte in jener Nacht von einem Baseballspiel geträumt hatte, war dabei nicht das Problem. Zum Unfall geführt hat vielmehr, dass Markus G. im Schlaf auch tatsächlich Baseball spielte. Die quer gestreifte Muskulatur, die der Mensch für solche Aktivitäten braucht, wird während der traumaktiven REMSchlaf-Phasen (siehe Infokasten) normalerweise durch einen speziellen Mechanismus ausgeschaltet. Wir träumen also nur, dass wir fliegen können, wir rennen nur in Gedanken um unser Leben. „Sonst wäre jede Nacht im Schlaf die Hölle los“, sagt der Psychiater und Schlafexperte Dieter Kunz vom Berliner Sankt-Hedwig-Krankenhaus.

Schon kleine Störungen bei der nächtlichen Unterdrückung der Muskelbewegungen können nämlich Folgen haben. Sie sind nicht zu verwechseln mit dem, was Psychiater Einschlafzuckungen nennen: Praktisch jeder kennt solche plötzlichen, aber harmlosen Kontraktionen großer Muskelgruppen aus eigener Erfahrung. Sie gehen dem Einschlafen unmittelbar voraus. Wenn das Muskelspiel während des REM-Schlafs nicht gehemmt ist, setzt es dagegen manchmal blaue Flecken beim Partner. Die Bettgenossen sind denn auch meist die ersten, die bemerken, dass ein Schläfer im Traum aktiv ist.

Gefährlich kann es aber auch werden, wenn der bewegte Träumer nicht im heimischen Schlafzimmer eingenickt ist. Unter einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung könnte nach Kunz’ Ansicht auch die kürzlich tödlich verunglückte Frau des Modeschöpfers Otto Kern gelitten haben. Sie soll in einem Taxi während einer längeren nächtlichen Fahrt geschlafen und dem Fahrer, den sie nach dessen Aussage mit einer anderen Person verwechselte, unvermittelt ins Lenkrad gegriffen haben. „Solche Verkennungen von Personen, begleitet von komplexen motorischen Handlungen, sind typisch für die Störung“, sagt Kunz. Was konkret geschah und vor allem, warum die Geschichte einen so tragischen Ausgang nahm, bleibt aber Spekulation.

Bei Markus G. dagegen und anderen Patienten mit REM-Verhaltensstörung wird die Diagnose im Schlaflabor anhand elektrophysiologischer Messungen gestellt. Sie zeigen, dass die Hemmungen der Muskelaktivität ganz oder teilweise fehlen. „Meist sind ältere Männer betroffen“, erklärt der Psychiater Ulrich Voderholzer von der Uni Freiburg, „oft sind Leiden wie Alzheimer oder Parkinson der Grund, bei denen Nervenzellen im Gehirn abgebaut werden.“

„Ein Drittel aller Parkinson-Patienten haben Anzeichen dieser Störung, bevor das Nervenleiden sich mit den klassischen Symptomen bemerkbar macht“, sagt Kunz. In der medizinischen Fachliteratur finden sich aber auch Berichte, die eine erhöhte Gefährdung nach exzessivem Trinken nahe legen. Auch bei Dana Kern wurden 2,1 Promille gemessen. Im Schlaflabor von Kunz läuft jetzt eine Studie mit Alkoholabhängigen, die sich einer Entzugs-Behandlung unterziehen. Ziel ist es, herauszufinden, wie sich die Architektur des Schlafs langfristig verändert. Auch Medikamente können die erwünschte nächtliche Hemmung der Motorik beeinträchtigen, etwa Mittel gegen Depressionen und die Betablocker zur Senkung des Blutdrucks. Jedenfalls, wenn sie am Abend genommen werden.

Abhilfe schafft ein Medikament, das muskelentspannende Clonazepam. Das Mittel aus der Familie der Benzodiazepine hemmt die Ausbreitung von Erregungen in den Nervenzellen und wird zum Beispiel auch bei Epilepsie eingesetzt. Eine Dauerbehandlung kann aber zu Abhängigkeit führen.

Kunz setzt deshalb Hoffnungen auf das Schlafhormon Melatonin, dessen Wirkung in einer klinischen Studie mit REM-Schlaf-Verhaltensgestörten gegen ein Scheinmedikament getestet wird. Das Hormon könnte eher indirekt wirken. Es beeinflusst nicht die Motorik, sondern die „innere Uhr“, von der der traumreiche REM-Schlaf abhängig ist.

Anders als bei der REM-Schlaf-Verhaltensstörung träumt man während des allseits bekannten Schlafwandelns übrigens nicht. Schlafwandler erleben mitten im Tiefschlaf eine unvollständige Weckreaktion. Nicht nur elektrophysiologisch zeigt sich dabei ein ganz anderes Bild. Die Schlafwandler, oft Kinder und Jugendliche, bleiben ruhig und bewegen sich meist langsam. Von traumwandlerischer Sicherheit kann aber auch deshalb keine Rede sein, weil sie ebenfalls im Schlaf verunglücken können.

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