Gesundheit : Bewusstseins-Forschung: Wirklichkeit - ein Hirngespinst

Bas Kast

Hattest du schon mal einen Traum, Neo, der dir vollkommen real schien? Was wäre, wenn du aus diesem Traum nicht mehr aufwachst? Woher würdest du wissen, was Traum ist und was Realität? (Morpheus)

Das kann nicht sein. (Neo)

Was? Realität? (Morpheus)

In dem Science-Fiction-Film "Matrix" ist der Traum die Realität und die Realität ein Albtraum. Die Welt, in der Morpheus Neo aufwachen lässt, ist nicht nur grau - sie ist grausam: Künstliche Intelligenz (KI) züchtet die Menschheit in endlosen Feldern als Biobatterien heran, die ihnen, den Superrobotern, die notwendige Energie für ihr Funktionieren liefert.

Neo aber ist "auserwählt". Er wacht auf aus der "Matrix" - der computergenerierten Traumwelt, welche die KIs den Menschen vorgaukelt, um sie unter Kontrolle zu halten. Neo wacht auf in der Wirklichkeit ...

Was ist die Wirklichkeit? Wie definiert man das - Realität? Wenn du darunter verstehst, was du fühlst, was du riechen, schmecken oder sehen kannst, ist die Wirklichkeit nichts weiter als: elektrische Signale, interpretiert von deinem Verstand. Du hast bisher in einer Traumwelt gelebt, Neo.

Neos Traumwelt wurde zwar von Computern kontrolliert. Der Computer aber war dabei nur ein Mittel zum Zweck: Er diente dazu, Neos Hirn zu reizen, um so die simulierte Welt hervorzurufen. Jetzt, angekommen in der "wirklichen Welt", braucht Neo diese Reizung nicht mehr. Jetzt reizt ihn die Realität selbst.

Auch in unserem Alltag ist es wohl kein Supercomputer, sondern die Außenwelt, die unser Hirn reizt. Unsere Matrix ist die Welt "da draußen". Trotzdem unterscheiden wir uns in einem Punkt in keinster Weise von den Menschen, die in der Matrixwelt leben: Auch unsere Wirklichkeit ist simuliert.

Ich weiß, dass dieses Steak nicht existiert. Ich weiß, dass, wenn ich es in den Mund stecke, die Matrix meinem Gehirn sagt, dass es saftig ist und ganz köstlich.

Nicht nur ein Steak, sondern alles in der Außenwelt, all das, was wir als "da draußen" empfinden, ist im Wortsinne ver-rückt: Es ist nicht da draußen, es ist in uns. Damit soll nicht dem guten alten Solipsismus - der philosophischen Lehre, die Welt sei nichts als unsere Einbildung - das hirnwissenschaftliche Wort geredet werden. Die Welt da draußen existiert. Aber jeder Gegenstand in der Welt, ein Steak, ein Rotwein, ein Duft, werden erst zum Steak, Rotwein und Duft, sobald unsere fünf Sinne die "Roh-Informationen" der Außenwelt in Signale verwandelt haben, die unser Hirn verarbeitet. Erst durch diese Verarbeitung und nur durch diese Verarbeitung entsteht unsere Wirklichkeit, die Welt im Kopf.

Du lebst in einem Gefängnis, das du weder anfassen noch riechen kannst, einem Gefängnis für deinen Verstand.

Wie wird ein Steak zur Wirklichkeit? Wie sehen wir ein Steak? Nur die Photorezeptoren unserer Netzhaut stehen in direktem Kontakt mit der (visuellen) Außenwelt. Sie empfangen die elektromagnetischen Lichtwellen, die das Steak reflektiert. Aber die Netzhaut ist blind. Erst wenn die Rezeptoren ihre Signale an das Hirn weitergeben, entsteht Wahrnehmung, entsteht Wirklichkeit. Erst dann ensteht das Steak im Kopf. Die Informationen, die auf unsere Sinne eintreffen sind also nichts weiter als eine Vorstufe. Auch der Traum kann bekanntlich auf sie verzichten. Worauf es ankommt, das sind die Aktivitätsmuster unseres Hirns. Diese aber haben ihrerseits keinen direkten Kontakt zur Außenwelt. Genau das haben die KIs in "Matrix" auch begriffen.

So trivial der Gedanke zunächst erscheinen mag, so absurd sind die Konsequenzen, wenn man ihn zu Ende denkt. Auch dann noch, wenn wir einen anderen Menschen berühren, fühlen wir nicht direkt die Haut des anderen. Das, was wir spüren, ist etwas, das unser Hirn produziert. Wir fühlen immer nur uns. Es bedeutet ein ganzes Stück Arbeit für unser Hirn, seine eigenen Wahrnehmungen und Erlebnisse zum Teil wieder "nach außen" zu projizieren - eine Projektion, die zugleich Illusion und Realität ist.

Noch die Liebe eines anderen Menschen, die wir empfinden, ist ein Gefühl, das unser eigenes Hirn erschafft - sozusagen ein Gefühl von sich zu sich. Und auch das Vermissen eines entfernten Freundes oder einer fernen Freundin erscheint vor diesem Hintergrund eigentümlich: Dieser Mensch war - zumindest was wir davon mitbekommen haben - immer nur in uns. Auch wenn er weit weg ist, als Potenzial könnte dieser Mensch kaum näher sein, nämlich in unserem eigenen Kopf. Als unser Erlebnis war er nie woanders.

Simulierte Liebe

Wir sind nur ohne seine Hilfe nicht in der Lage, unser Hirn so zu aktivieren, dass wir ihn erleben - zumindest können wir das nicht perfekt. Die Matrix kann es perfekt. Manchmal kommt auch der Traum ziemlich nah an eine realistische Simulation der Außenwelt heran. Eine Welt, die man - inklusive Steaks und vermissten Freunden - genauso gut durch Computer oder Träume oder durch einen geschickten Neurochirurgen ersetzen könnte.

Für den, der das alles für Spekulation oder Science-Fiction halten sollte: Den Neurochirurgen hat es schon vor langer Zeit gegeben. Er war Kanadier und hieß Wilder Penfield. Der Chirurg stimulierte bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Hirne wacher Patienten, um sicherzugehen, dass er keine wichtigen Hirnteile weg operierte, sondern nur den Tumor.

Stimulierte Penfield ausgewählte Hirnteile mit elektrischen Reizen, rief er bei den Patienten die unterschiedlichsten Erfahrungen hervor - sie sahen Farben, hörten Melodien, nahmen plötzlich Bewegungen wahr. Was der Chirurg machte, war ein buchstäblicher Kurzschluss: Er umging die Sinne ganz einfach und reizte das Hirn direkt - wie die Matrix. Für das Erleben der Wirklichkeit, das zeigte uns Penfield wie der nächtliche Traum, braucht man keine Sinne und keine Außenwelt.

Es gibt natürlich einen guten Grund, weshalb uns die Natur nicht in die Lage versetzt hat, die Realität aus eigener Kraft wirklich realistisch zu simulieren. Ein Mensch, der sich Steaks vorstellen könnte, als würde er sie nicht nur tatsächlich schmecken und riechen, sondern sich auch einbilden könnte, von solchen Fantasien satt zu werden - dieser Mensch würde schon bald mit seiner fantastischen Einbildungsfähigkeit zu Grunde gehen.

Tatsächlich gibt es Menschen, deren Hirne Realitäten hervorbringen, die so wirklichkeitsgetreu sind, als hätte die Außenwelt sie provoziert. Sie besitzen eine geradezu unvorstellbare Vorstellungskraft. Schizophrene Patienten etwa, die Stimmen hören, als seien sie wirklich vorhanden. Die Halluzinationen sehen, als würden diese Realitäten, die sich in Wahrheit nur in ihrem Hirn abspielen, auch in der Welt da draußen vorhanden sein. All das zeigt: Um Wirklichkeit zu erleben, braucht man keine Außenwelt. Die Wirklichkeit ist ein Hirngespinst.

Bewusst wird uns das erst, wenn etwas schief geht, wenn etwa Teile dieser Wirklichkeit ausfallen. Der Neurophysiologe Colin Blakemore hat das eindrucksvoll demonstriert anhand eines Verfahrens, das die Fachwelt als selektive Erziehung bezeichnet. Blakemore hatte Katzen großgezogen, die entweder nur vertikale oder nur horizontale Linien gesehen hatten.

Nach fünf Monaten schließlich untersuchte er das Verhalten und die Hirne dieser Katzen. Das Ergebnis: Die Katzen, die in ihrer Jugend immer nur vertikale Linien gesehen hatten, reagierten nicht auf horizontale Linien, die der Forscher ihnen präsentierte - wohl aber auf vertikale Linien. Bei Katzen, die immer nur horizontale Balken gesehen hatten, verhielt es sich genau umgekehrt.

Die Untersuchung der Katzenhirne verriet, warum sich die Katzen mit den Linienorientierungen, die sie nie zuvor gesehen hatten, so schwer taten: Die Hirne besaßen gar keine Zellen für solche Linien. Die Folge: Diese Linien waren in der Wirklichkeit der Katzen schlicht nicht vorhanden, und sie existierten für die Katzen auch dann nicht, wenn man sie ihnen direkt unter die Nase hielt - ohne Hirn keine Wirklichkeit.

Der Befund ist deshalb aufschlussreich, weil jede Erziehung natürlich selektiv ist. Blickt Garri Kasparow auf ein Schachbrett, sieht er nicht nur hübsche Steine - er sieht eine Strategie. Er sieht die nächsten 30 Züge. Er sieht die Schwächen des Gegners. Er sieht eine Chance, zehn Chancen. Er sieht zahlreiche vergleichbare Spielsituationen, die in zahlreichen Zellverbänden in seinem Hirn abgelegt sind, Hirnzellen, die sich bei uns mit Günther Jauch oder Hollywood-Filmen ("Matrix" usw.) beschäftigen. Ein Laie ohne diesen neuronalen Apparat, der von vorne bis hinten auf Schach eingestellt ist, sieht das alles nicht. Wir sehen nur, was wir schon kennen. Wir sehen nur, wofür wir Hirnstrukturen haben. Wie Blakemores Katzen werden geborene New Yorker mehr Hirnzellen für vertikale Linien haben als der Durchschnittseinwohner von Unterpfaffenhofen und Umgebung.

Das Apfelstrudel-Neuron

Wie aber weiß eine Hirnzelle, dass sie für das Empire State Building und nicht für einen Apfelstrudel zuständig ist? Bestimmt die Außenwelt den subjektiven "Inhalt" der Hirnzellen? Und wie stabil ist dieser Inhalt - wie stabil ist unsere Wirklichkeit?

Natürlich ist die Wirklichkeit dann am wenigsten stabil, wenn sie erst noch gebildet werden muss, im Babyhirn also. Die Hirnzellen sind dann noch im Überfluss vorhanden und haben sich zum Großteil noch nicht auf Gegenstände der Außenwelt eingestellt. Nach und nach beginnen die Zellen, die Welt zu repräsentieren. Zellverbände, die dabei keine Entsprechung in der Wirklichkeit finden, sterben ab - ein Vorgang, den man als "neuronalen Darwinismus" bezeichnet.

Andererseits besitzt das Hirn bis ins hohe Alter eine bemerkenswerte Flexibilität. Ein dramatisches Beispiel dafür sind Patienten mit Amputationen. Ein Mann, dessen Hand amputiert worden war, konnte seine Finger auch nach dem Verschwinden noch fühlen - wie man es von Phantomschmerzen kennt. Man braucht also keine Hand, um eine Hand zu spüren. Ein Traum oder ein Phantomschmerz oder eine Matrix oder ein Neurochirurg, der das Hirn direkt mit Reizen stimuliert, genügen. Ein Hirn genügt.

Doch der Fall zeigte noch etwas Eigentümliches: Der Mann fühlte die Finger seiner Hand dann, sobald man sein Gesicht an bestimmten Stellen reizte, ja, es war so, als würde die Hand "auf seinem Gesicht liegen": Reizte man eine Stelle auf dem Gesicht, führte das zu einem Gefühl im Zeigefinger. Stimulierte man eine benachbarte Stelle, erregte das einen anderen Finger. Die Hand des Mannes stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Wie ist so etwas möglich? Die Antwort ist einfach: Hirnzellen, die für die Hand zuständig sind, liegen neben solchen Zellen, die das Gesicht repräsentieren. Nachdem die Hand in der Wirklichkeit verschwunden war, war die Hand im Hirn fortan funktionslos. Der Wirklichkeit im Hirn stand in der Wirklichkeit keine Hand mehr gegenüber. Offenbar waren deshalb Zellen, die für das Gesicht zuständig sind, dabei, das nun "brachliegende" Handareal im Hirn zu übernehmen. Nur, dass die Hand-Zellen ihre Identität noch nicht gewechselt hatten: Stimulierte man das Gesicht des Patienten, konnte dieser seine Finger spüren. Finger, die es nur noch in der hirngenerierten Wirklichkeit gab.

Willkommen, sagt Morpheus zu Neo, nachdem er sein Hirn von der Matrix befreit hat, willkommen in der wirklichen Welt.

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