Gesundheit : Beziehungsberatung

Die Akademie versucht, Natur- und Geisteswissenschaftler miteinander ins Gespräch zu bringen

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Von Amory Burchard

Es müsste einen großen Gemeinschaftsraum auf dem Campus geben. Damit dort wirklich Mitglieder aller Fakultäten ihre Pausen verbringen, gehen die einzigen Damen- und Herrentoiletten rechts und links vom Hauptraum ab. An den Kaffeemaschinen treffen sich dann die Neurobiologen mit den Historikerinnen, in der Sofaecke stößt noch ein Psychologe dazu. Falls die Bioingenieurin, die mit einem frischen Kaffee dazukommt, einen guten Gedanken hat, liegen schon Papier und Stifte bereit, um das nächste gemeinsame Paper zu skizzieren.

Sprachlosigkeit zwischen den Wissenschaftskulturen? In dem von John Prausnitz für seinen Traum-Campus an der Universität Berkeley entworfenen „one and only washroom“ gäbe es die jetzt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften diskutierten interdisziplinären Kommunikationsprobleme nicht. Der Leibniz-Saal der Akademie mit angeschlossenen Erfrischungsräumen sollte für zwei Tage so etwas werden wie eine Agora der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftler.

So gemütlich, wie es sich der Ingenieurwissenschaftler Prausnitz vorstellt, wurde der multidisziplinäre Beziehungsworkshop allerdings nicht. An gemeinsamen Forschungsthemen ist zwar kein Mangel: In den Kognitionswissenschaften forschen Neurobiologen, Philosophen und Psychologen – wenn auch nur selten Seite an Seite. Aber was tun, wenn viele Hirnforscher den Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaftler für entbehrlich halten oder sie allenfalls als Hilfswissenschaftler einspannen wollen? An diesem hierarchischen Streit sind auch Genetiker, Philosophen und Theologen beteiligt: in der Debatte um die Stammzellenforschung, um die Definition menschlichen Lebens.

Der Neurobiologe Gerhard Roth gehört nicht zu den „Neuro-Chauvinisten“, die glauben, dass das Problem des Bewusstseins „allein durch Erklärungen auf der neuronalen Ebene“ erklärt werden könne. Als Philosoph, Germanist, Musikwissenschaftler und Professor für Verhaltensbiologie und Entwicklungsneurobiologie ist Roth davor gefeit. Doch zunächst schien es, als hätte der Direktor am Bremer Institut für Hirnforschung seine geisteswissenschaftlichen Wurzeln gekappt. „Diese schön gewundene Großhirnrinde“, erklärte Roth anhand eines projizierten Modells, „ist der Sitz des Bewusstseins.“ Ich-Zustände seien Funktionen der Großhirnrinde. Ganz genau wisse die Hirnforschung heute, wo beispielsweise das ethisch-moralische Bewusstsein sitzt – im Frontal-Cortex.

Assoziatives Netzwerk

Warum gerade die Großhirnrinde Sitz des Bewusstseins sei? Hundert Milliarden Nervenzellen böten dort die Verknüpfungsstruktur von einer Trillion Synapsen und damit „ein gigantisches assoziatives Netzwerk“. Aber schließlich entging Roth doch der „Versuchung für Neurobiologen“, den Nutzen der Philosophie und der Sozialwissenschaften grundsätzlich in Frage zu stellen. In den Phasen der nachgeburtlichen Ich-Entwicklung, so Roth, gäbe es durchaus gemeinsame Forschungsgegenstände: die „Emergenz des Psychischen aus dem Neuronalen“, also des Geistes aus der unbeseelten Materie; die Entwicklung des Sozialen aus dem Neuronalen, die aus der Interaktion mit Eltern und Spielkameraden erwächst.

Harald Welzer (Witten-Herdecke) gehört zu den wenigen Sozialpsychologen, die mit Neurowissenschaftlern zusammenarbeiten. Was er aus seiner Forschungsgruppe „Interdisziplinäre Gedächtnisforschung“ berichtete, zeigte: Es muss zusammengehen, was zusammengehört. So erinnerte Welzer die Neurobiologen daran, dass sie sich ausschließlich mit dem Kernbewusstsein, nicht aber mit dem erweiterten Bewusstsein beschäftigen. So böten Befunde zur erfahrungsabhängigen Gehirnentwicklung – „wie sich das Gehirn selber programmiert“ – große Chancen für eine transdisziplinäre Erinnerungs- und Bewusstseinsforschung.

Eines aber müssten Geistes- und Sozialwissenschaftler lernen: die Demut gegenüber Naturwissenschaftlern abzulegen, „dass alles, was da gesagt wird, verstanden werden muss“. Nur mit einem neuen Selbstbewusstsein könne seine Zunft den „extremen Bedeutungsverlust“ der letzten Jahre wieder aufholen. Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung) gab zu bedenken: „Wenn die Geisteswissenschaftler hinzugezogen werden, werden Probleme nicht gelöst, sondern gestellt.“ Diesen Aufstand der Nicht-Naturwissenschaftler hatte Ulrich Wiesner, Bioingenieur an der Cornell-Universität, mit ausgelöst. In den USA, so Wiesner, habe die Realität die Frage nach der Sprachlosigkeit zwischen den Disziplinen lange überholt. In seiner Forschergruppe arbeite ein Soziologe mit. Sein Thema: Die Geschichte und Soziologie des Umgangs der Bioingenieure mit der neuartigen Rasterkraftmikroskopie.

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