Gesundheit : Biennale Venedig: Addio, Serenissima!

Thomas De Padova

Die Kunst erhebt sich bisweilen über untrügliche Zeichen des Älterwerdens. Etwa wenn Clint Eastwood dieser Tage bei den Filmfestspielen in Venedig durch verregnete Gassen spaziert und eine junge Dame ihm einen Regenschrim reicht. Ein kurzes Lächeln. Nein, der in die Jahre gekommene Kinoheld braucht so was nicht! Und auch die auf alten Holzpfählen errichtete Lagunenstadt, die einstige "Königin der Meere", hat in den Augen mancher Einwohner keinen Schutz vor Wasserfluten nötig. Sie werde allen Untergangsszenarien weiterhin trotzen.

Aber man kommt nicht umhin: Venedig krankt. Der Wasserpegel ist im vergangenen Jahrhundert um 23 Zentimeter gestiegen. Die Überschwemmung sucht Menschen und historische Bauten heute mit großer Regelmäßigkeit heim. Rund sieben Mal pro Jahr, meist in den Wintermonaten, bei Südostwind, Sturm und Regen, übertrifft das Hochwasser heute die bedrohliche 100-Zentimeter-Marke. "Acqua alta" macht große Teile Venedigs ohne Stege unbegehbar. Es trägt auch dazu bei, dass immer mehr Menschen die Stadt verlassen und Häuser verfallen.

Als bevorzugtes Rezept gegen das Absinken Venedigs wird das 1981 ins Leben gerufene Projekt MOSE (Modulo Sperimentale Elettromechanico) betrachtet. Unter den "elektromechanischen, experimentellen Modulen" hat man sich 79 mobile Schleusentore vorzustellen. Sie sollen die drei Zuflüsse zur Lagune bei Hochwasser komplett abriegeln. Wäre Italien nicht von so vielen Regierungskrisen geschüttelt worden, wäre das mehr als vier Milliarden Mark teure Unterfangen bereits beschlossene Sache. Arbeitet die Zeit diesmal für Venedig?

Das hoffen Albert J. Ammerman und Charles E. McClennen von der Colgate University im US-Bundesstaat New York. Die Geologen halten das MOSE-Konzept für unzureichend. Es gehe von falschen Vorhersagen aus, berichten sie in "Science" (Bd. 289, S. 1301). Ihrer Meinung nach wird Venedig schneller versinken, als bisher erwartet.

Einen genauen Hochwassertrend auszumachen, fällt nicht leicht. Gerade im vergangenen Jahrhundert hat die Industrie den Untergang Venedigs extrem beschleunigt. Die benachbarte Industriestadt Mestre gilt nicht nur ihrer Hässlichkeit wegen als "Klumpfuß" Venedigs. Von den 23 Zentimetern Pegelanstieg sind nämlich nach wissenschaftlichen Schätzungen zehn Zentimeter der Tatsache zuzuschreiben, dass in den Jahren 1930 bis 1970 Unmengen Grundwasser gepumpt werden mussten, um den Industriekomplex in Porto Marghera betreiben zu können.

Wegen dieser falschen Entscheidung habe Venedig ein halbes Jahrhundert im Kampf gegen das Meer verloren, betonen Ammerman und McClennen. Sie bemängeln auch, der seither verstrichene Zeitraum von 1971 bis 1996 sei zu kurz, um allein daraus Vorhersagen über Venedigs Zukunft abzuleiten. Das MOSE-Projekt geht von drei möglichen Szenarien aus, wobei das mittlere, mit einem Anstieg des Pegels um knapp 17 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts, als das wahrscheinlichste gilt.

Neue Studien belegten, dass dies nicht zutreffe, sagen die Geologen. Forschungen an sechs archäologischen Orten der Stadt hätten ans Tageslicht gebracht, dass der Wasserspiegel zwischen dem 4. und 19. Jahrhundert um rund 13 Zentimeter pro Jahrhundert kletterte. Eine Unsicherheit von etwa vier Zentimetern hinzugerechnet, komme man zwar auf besagte 17 Zentimeter. Der globale Anstieg der Meeresspiegel auf Grund der Erderwärmung sei dabei aber noch nicht berücksichtigt. Den internationalen Gutachten der Klimaforschung zufolge müssten auf Grund des Treibhauseffektes mindestens weitere 13 Zentimeter bis zum Jahre 2100 einkalkuliert werden.

Bei insgesamt 30 Zentimeter höherem Wasserstand wird es die Hochwasserwarnung "Acqua alta" ungleich häufiger geben als heute. In den Wintermonaten müssten die Schleusentore dann fast durchgängig geschlossen werden. In diesem Fall stünde das Wasser in der Lagune über Wochen still. Kein frisches Meerwasser könnte nach Venedig vordringen, keine Flut die Abwässer der Stadt wegspülen. Das ökologische Gleichgewicht in der Lagune würde erheblich gestört, befürchten die Wissenschaftler.

"Für mich gibt es keine unlösbaren Probleme", sagte ein venezianischer Kaufmann vor 800 Jahren nach seiner Wahl zum Dogen. Das würde heute wohl keiner der Stadtoberen mehr aussprechen. Auch die US-Geologen können ihnen nur raten, einen neuen internationalen Wettbewerb auszuschreiben.

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