Gesundheit : Big Business mit der Bildung - Private Hochschulen boomen trotz ungewisser Anerkennung durch den Staat

Volker Krampe

In Russland steigt die Zahl der privaten Hochschulen rasch. Waren es 1993 gut 60, so boten im Studienjahr 1998/99 bereits knapp 302 lizenzierte Anstalten ein Studium an. Teils handelt es sich um private "Töchter" staatlicher Unis, teils um völlige Neugründungen. Zum Vergleich: derzeit gibt es 578 staatliche Hochschulen. 1997 fingen allein an den privaten Universitäten 66 000 Erstsemester an. 1994 waren es erst 58 000.

Einher geht diese Entwicklung mit einem Prestigeverfall, der vor allem die mittlere Bildung trifft: Die Fachschulen (Uschtschilitsche) melden rückläufige Studentenzahlen. Das ist auch eine Folge der sich wandelnden Nachfrage des Arbeitsmarktes: Tausende neuer Firmen öffneten in den Reformjahren ihre Büros - gefragt waren mit einem Mal Scharen von Fachleuten für Finanzen, Kredit und Management, Ökologen und Dolmetscher - viel mehr als die staatlichen Universitäten an Absolventen liefern konnten.

Ausschließlich auf eine Handvoll "Modefächer" konzentrieren sich rund die Hälfte der Privathochschulen. Und auch am 1993 gegründeten Irkutsker Russisch-Asiatischen Institut wird lediglich noch Marketing, Tourismus, Psychologie und Ökonomie gelehrt. Das einzige "Orchideenfach" ist die "Kulturologie" mit nur zwei Dutzend Plätzen - einziger berufsnaher Job ist für dieses Fach der Mittelschullehrer.

"Der größte Andrang herrscht bei der Jurisprudenz. Zu einen gehen in den nächsten Jahren viele Beamte in den Ruhestand - deshalb werden viele Mitarbeiter, die bisher ohne Hochschulbildung waren, auf Amtskosten bei uns weitergebildet", berichtet Alexander Schubin, Rektor der juristischen Fakultät in Irkutsk und Leiter der Aufnahmekommission. "Zum anderen herrscht ständiger Bedarf, den die staatlichen Universitäten einfach nicht abdecken können. Das Rechtssystem hat sich in den letzten Jahren total verändert", fügt Schubow hinzu. Auch Psychologen seien gefragt wie nie zuvor, weil in den Kasernen der russischen Armee neuerdings solche Spezialisten als Vermittler für Konflikte eingestellt werden.

Ein Studienjahr am Irkutsker Institut mit seinen mittlerweile fast tausend Studenten kostet momentan 12 000 Rubel. Das entspricht fast tausend Mark - der monatliche Durchschnittslohn im Irkutsker Gebiet beträgt aber nur 1400 Rubel. Das ist teuer, denn das Studium dauert fünf Jahre. "Sicher kostet selbst an den elitären Fakultäten der staatlichen Unis das Studium zuweilen mehr, oder es existiert gar eine Dollarbindung im Preis. Aber wir sind lieber bei der Ausrüstung etwas bescheidener und nehmen in Kauf, dass sich die Studenten auch mal einen PC teilen müssen und es bisher erst einen Internetanschluss gibt, bevor wir unsere Gebühren in die Höhe treiben", erklärt Schubin die ökonomische Situation auf dem Bildungsmarkt.

Ein kritischer Punkt bei den privaten Newcomern ist jedoch die staatliche Anerkennung ihrer Diplome - selbst wenn die Lizenz, die effektvoll eingerahmt von der Wand des Immatrikulationsbüros prangt, alles als sicher erscheinen lässt. Sie berechtigt aber lediglich zur Aufnahme des Lehrbetriebs. Nach dem ersten Abschlussjahrgang prüft eine gemischte Kommission aus Bildungsbeamten und Vertretern der staatlichen Universitäten Lehrpläne und Qualität der Dozenten. Denn ein häufiger Vorwurf lautet: Wer an einer "Privaten" liest, der kann tun und lassen, was er will. Die Kontrolle durch den Professor eines Lehrstuhls oder durch einen Dekan fehlt völlig.

Das Zauberwort für das Prestige einer Privatuniversität heißt, wie neuerdings auch in Deutschland, Akkreditierung. Sie berechtigt die Ausgabe von staatlich anerkannten Diplomen. Erst dieses zweite Zertifikat ist wie ein Sesam-öffne-Dich. Dazu muss es aber erst zwei bis drei Abschlussjahrgänge geben. Deren Bildungsstand muss wiederum - so will es das Gesetz - von einer staatlichen Kommission positiv bewertet werden. Das Irkutsker Institut erhielt die Akkreditierung bereits im Vorjahr.

Obwohl die Mehrzahl der Privatunis noch keine Akkreditierung hat, tut das ihrer Popularität unter den jungen Leuten bislang indes keinen Abbruch.

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