Gesundheit : Bildung: Die Vergänglichkeit und das Schöne

Uwe Schlicht

Nichts macht uns so ratlos wie die Frage, was wir wissen müssen und wie wir uns bilden können. Wissen und Bildung dürfen nicht von dem Zufall abhängen, ob die Jugendlichen guten oder schlechten Lehrern begegneten, an der Universität in Massenseminaren erstickten und ihre Freizeit am Fernseher totgeschlagen haben.

Welchen Weg können uns Erfahrene weisen? Wolfgang Frühwald, früher Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und heute Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, ist ein universal gebildeter Gelehrter. Mit gutem Grund hatte er den mit dem längsten Beifall belohnten Vortrag zum Ende der zweitägigen Konferenz der Alfred Herrhausen-Gesellschaft gehalten.

Als Thomas Mann von den Nazis ins Exil getrieben wurde und in den USA von Bord des Schiffes ging, fragte ihn ein Reporter nach der Zukunft der deutschen Kultur. Thomas Mann soll geantwortet haben: "Wo ich bin, ist die deutsche Kultur." Wolfgang Frühwald erwähnte diese Anekdote, weil mit den ins Exil getriebenen deutschen Intellektuellen und Wissenschaftlern zugleich der europäische Bildungskanon in den USA Einzug hielt und bis in die 70er Jahre hochgehalten wurde. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts war der Bildungskanon entwickelt und pervertiert worden. Der deutsche Volksschullehrer trug dazu bei, dass der Erbfeind Frankreich geschlagen werden konnte.

Mit Thomas Manns Ankunft wurde sein Roman "Der Zauberberg" für die amerikanische obere Mittelklasse zur Pflichtlektüre. Von der Filmschauspielerin Ava Gardner ist überliefert, dass sie als Begründung für die seelische Grausamkeit eines ihrer Männer angegeben hatte: "Er zwang mich, dieses verdammte Buch zu lesen." Diese Zeit ist vorbei. Die Auseinandersetzung zwischen Hollywood und dem europäischen Bildungskanon scheint heute zugunsten der Traumfabrik entschieden worden zu sein, erklärte Frühwald. In der Spaßkultur existierten "nur noch versprengte Teile" des alten Bildungskanons.

Ist das der Untergang des Abendlandes? Mit Hilfe eines Kanons könne man das komplexe Weltbild von heute ohnehin nicht mehr erklären, kommentiert Frühwald nüchtern. Der Vorteil der heutigen Beliebigkeit "ist die Freiheit von Ideologie" - ganz im Gegensatz zum traditionellen deutschen Bildungskanon des 19. Jahrhunderts.

Die heutige Bildungsdiskussion werde am "Ende der Gutenberg-Galaxis" geführt, am Ende der Drucküberlieferung durch das Buch. Aber die Organisation des schnellen Zugriffs auf Informationen über das Internet täusche nur Bildung und Orientierung vor. Es kommt nicht auf die Fülle der Informationen an, sondern auf das bewertete Wissen. Bildung ist noch nicht das Funktionswissen, das viele für ihren Beruf besitzen. Das brauchbare Wissen, das Expertenwissen, das für die wirtschaftliche und politische Entwicklung von Bedeutung ist, wird im Grunde genommen "in seinen Ausschnitten immer kleiner" und vom sonstigen Alltagshandeln abgekoppelt. Dieses Expertenwissen gilt es zu durchbrechen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die Menschen in den meisten Fällen, da von ihnen Wissen gefordert wird, es gar nicht besitzen.

Worin kann ein neuer Bildungskanon bestehen? Er muss intellektuelles und ästhetisches Wissen aus verschiedenen Kulturen vermitteln. Die neue vielpolige Welt könne zwar nicht auf ein Wert- und Normverständnis verzichten, aber das hat nicht mehr viel mit dem Kanon zu tun, der in den letzten 200 Jahren die europäische Zivilisationsgeschichte geprägt hat. Frühwald beschränkte sich auf eine Aussage, die trotz ihrer Konzentration ein Füllhorn an Perspektiven eröffnet: Unentbehrlich für eine neue Sicht "ist das Bewusstsein für die Sterblichkeit und der Sinn für das Schöne". Der Mensch, der nicht mehr im Gedächtnis der Welt aufbewahrt werden möchte, als Sterblicher in der Unsterblichkeit, sondern sich in seiner Wohnung auf sein dauerhaftes Wohlergehen einrichtet - das ist nicht Frühwalds Perspektive. Nur Utopisten könnten vom ewigen Leben mit Hilfe der Gentechnik träumen.

Frühwald warf die utopische Frage auf, was geschehen würde, wenn es der Genforschung tatsächlich gelingen würde, dem Leben Dauer zu verleihen. Seine Antwort lautet: "Wer das Bewusstsein von der menschlichen Vergänglichkeit aus der Welt schafft, der vernichtet das Schöne. Die Vergänglichkeit und das Schöne sind aneinander gebunden." Diese Erkenntnis müsse zur Basis aller Bildung werden. Frühwalds Resümee: "Wenn wir in die Welt des neuen Bildungsdenkens die Erinnerung an das alte Bildungsdenken mitnehmen, ist mir für die neue Welt nicht bange."

0 Kommentare

Neuester Kommentar