Gesundheit : Bildung im Kosovo: Schwieriger Neuaufbau in Hochschulen und Schulen

Uwe Schlicht

Die Universität Pristina im Kosovo hat 16 000 Studenten, 2000 Beschäftigte und nur einen Etat von 12 Millionen Mark. In Deutschland reichen 12 Millionen Mark gerade für die Jahresausstattung eines Fachbereichs. In Pristina muss davon eine große Hochschule finanziert werden, die die Medizin, die Naturwissenschaften, die Technik und die Geisteswissenschaften mit der Lehrerbildung umfasst. Das ist nahezu eine unvorstellbare Herausforderung, sagt Michael Daxner, der internationale Administrator für die Hochschulen im Kosovo gestern vor der Presse in Berlin.

Aber nicht nur die Kosten drücken den erfahrenen Hochschulpolitiker, der einst Präsident der Uni Oldenburg war. Er muss in einem Gebiet agieren, dessen politische Zukunft völlig ungewiss ist und das in "einem kalten Frieden lebt". Die einen träumen von der Rückkehr in den Staat Serbien, die anderen von der Integration in ein Großalbanien und die Dritten denken an einen selbstständigen Staat Kosovo. Die Wunden der jahrzehntelangen ethnischen Auseinandersetzungen sind so groß, dass es ein serbischer Student nicht wagen könnte, an der von Kosovo-Albanern dominierten Universität Pristina zu studieren. Das kann jedoch die internationale Verwaltung nicht dulden.

Da es keinen Staat Kosovo gibt, müssen Verträge mit einer Zivilverwaltung, die sich erst im Aufbau befindet, abgeschlossen werden. Ohne juristische Regelungen gebe es keinen Neuanfang, sagt Michael Daxner.Denn in der Bildung muss fast alles geregelt werden.

Erneuerung des Personals

Wichtig für das Gelingen einer Reform ist eine Erneuerung des Personals in Wissenschaft und Schulen. Da aber nicht mehr Geld zur Verfügung steht, können junge Kräfte nur in Stellen gelangen, wenn ältere Wissenschaftler und Lehrer dafür entlassen werden. Michael Daxner schätzt, dass von den 31 000 Beschäftigten im Bildungsbereich etwa 2500 entlassen werden müssen, um mit dem vorhandenen Geld 1000 jungen Wissenschaftlern eine Chance zu bieten. Und das in einem Gebiet, das kein soziales Netz und keine Pensionsregelungen kennt. Die jungen Wissenschaftler müssten auch ins Ausland geschickt werden, damit sie dort promovieren, denn bisher habe es im Kosovo eine verbreitete Inzucht unter albanischen Wissenschaftlern gegeben.

Die Jugoslawen hatten die Bildung benutzt, um ihre ethnischen Säuberungen auch ideologisch vorzubereiten. Das konnten die Albaner im Kosovo nicht akzeptierten und hatten eine Parallelstruktur im Untergrund aufgebaut. Für Daxner und die anderen Vertreter der Uno stellt sich die Frage, wie die Strukturen, die sich in dem Parallelsystem herausgebildet hatten, jetzt in einem neuen Bildungssystem weitergeführt werden können. Besonders unter den Wissenschaftlern im Kosovo herrsche die Ansicht vor, dass die juristischen Konstruktionen, die die Serben für die Universität gefunden hatten, beibehalten werden könnten, nur müssten jetzt die Kosovo-Albaner alles in die Hand nehmen, berichtet Daxner. Genau diese juristischen Strukturen wollen jedoch die Kenner aus der Uno und aus Westeuropa ändern. Denn ihr Ziel ist es, nach umfassenden Reformen im Kosovo die modernste Hochschule in der Region zu errichten mit einem an westeuropäischen Standards orientierten Bildungsangebot.

Es gibt einen Berg an Reformen anzupacken. Die Studiengänge müssen im Sinne der Bologna-Vereinbarung der EU zweistufig organisiert werden mit Bachelor- und Masterabschlüssen. Und die Verschulung der Studiengänge ist aufzulockern. Die Zulassung der Studenten bedarf einer klaren Regelung nach Qualifikationen - das heißt ein Ende der irregulären Zulassungspraxis. Die Lehrerbildung muss auf ein höheres Niveau gestellt werden, denn die Grundschullehrer werden noch nicht an der Universität ausgebildet. Die Ausstattung der Technischen Fakultät ist völlig veraltet, die Medizinerausbildung soll näher mit der Praxis verzahnt werden und die Sozialwissenschaftler, von den Politologen bis zu den Psychologen, existierten bisher im Kosovo nur als Einzelkämpfer, nicht aber in einer Fakultät.

Es ist das erste Mal, dass die Vereinten Nationen ein Verwaltungsmandat wahrnehmen. Und die Vereinigten Staaten wie auch die Westeuropäer müssten am Beispiel des Kosovo den Beweis antreten, dass sie nicht nur einen problematischen Krieg geführt hätten, sondern jetzt auch den Frieden gestalten könnten, sagt Michael Daxner. Daxner rechnet noch mit zwei weiteren Jahren intensiver Tätigkeit, bis die Reformen im Kosovo unumkehrbar würden. Nur dann bestehe eine Chance, dass das Bildungssystem in Pristina westeuropäischen Standards entsprechen werde.

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