Gesundheit : Bildungsmesse in Berlin: Die Ansprüche steigen

Regina Köthe,Roland Koch

Fachkräftemangel - wer heutzutage davon spricht, meint vor allem hochqualifizierte Arbeitskräfte für die IT-Branche. Nach einer Untersuchung des Forschungsinstituts für Arbeit, die das Bundesbildungsministerium anführt, konnte im ersten Halbjahr 2000 fast jede zweite offene Stelle in der Computer-Branche nicht besetzt werden. Das sind 93 000 Stellen - 80 Prozent davon für Akademiker. Gesucht werden Ingenieure, Informatiker und Mathematiker. Im Frühjahr 2001 tauchten in einem Viertel aller Stellenanzeigen die Schlüsselbegriffe "Internet" oder "E-Business" auf, so die Zeitschrift "Trends im Stellenmarkt".

Doch die Uni-Absolventen dieser Fächer können den Bedarf des Arbeitsmarktes schon längst nicht mehr decken. Deshalb setzen die Unternehmen seit Jahren verstärkt auf Quereinsteiger, die in Weiterbildungen oder Umschulungen entsprechend qualifiziert werden sollen. Diese Zusatzausbildung jedoch scheint oft nicht mehr zu reichen. "Früher war IT ein Zauberwort für die Arbeitsämter. Doch die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt haben sich verändert", sagt Dirk Sichelschmidt von der Dekra-Akademie für Weiterbildung in Stuttgart. Sei vor einigen Jahren eine Weiterbildung über das Arbeitsamt zum Web-Designer oder Screen-Designer noch eine "sichere Sache" gewesen, so müssten Bewerber heute zusätzlich zu ihrer Weiterbildung einiges an Know-how und Grundqualifikationen vorweisen, um einen Arbeitsplatz zu finden.

Bei 3,9 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2000 kann man von einem Arbeitskräftemangel in Deutschland nicht sprechen. Das betont Klaus Clausnitzer, Präsident des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg. Doch es gebe Engpässe in einzelnen Sparten und unter den Arbeitssuchenden seien nicht genügend Menschen, die die gesuchten Qualifikationen besitzen. Für Berlin schätzt Clausnitzer, dass "die Mehrzahl der Arbeitslosen gut qualifiziert ist." Im Jahr 2000 hätten in Berlin rund 64 200 Arbeitslose mit einer vom Arbeitsamt geförderten Qualifizierungsmaßnahme begonnen. Die Vermittlungsquoten sollen über 60 Prozent liegen.

Kompetenzen fehlen

Dem steht gegenüber, dass Unternehmen viele Stellen nicht besetzen können, weil die passenden Bewerber fehlen. "Im Berufsalltag braucht man heute in nahezu allen Bereichen zusätzliche Qualifikationen", sagt Michael Bose, der Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbands Berlin. "Man muss zum Beispiel das Internet handlungssicher beherrschen und braucht Fremdsprachenkenntnisse." Solche Kompetenzen würden vielen Bewerbern fehlen.

Die Unternehmen wünschen sich - neben der fachlichen Qualifikation - junge Arbeitnehmer, die als "Problemlöser" auftreten. Als wichtiger Indikator für Zielstrebigkeit und Arbeitsfähigkeit gilt eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium. Ebenso zählen Handlungskompetenz, Teamfähigkeit und Stressbewältigung zu den "soft skills", die von zukünftigen Mitarbeitern erwartet werden. Vor allem aber sind Mobilität und Flexibilität gefragt. "Allerdings sehen wir heute schon bei Schülern, dass ihnen grundlegende Kenntnisse wie Rechtschreibfähigkeiten, Mathematikkenntnisse oder soziale Kompetenzen fehlen", sagt Bose. Das müsse häufig von den Unternehmen über zusätzliche Bildung neben der eigentlichen Ausbildung vermittelt werden.

An die Adresse der rund 500 Bildungsunternehmen in Berlin appellieren die Unternehmensvertreter, dass deren Angebote praxisorientiert, auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtet und - gerade für mittelständische Unternehmen - finanzierbar sein müssten. Dann könne man die Notwendigkeit zu lernen als Chance sehen. Doch auch die Anbieter von Weiterbildungen stecken in einem harten Wettbewerb. In den neunziger Jahren ist deren Anzahl in der Hauptstadt um zwei Drittel gesunken.

Die Ursache für den Fachkräftemangel sehen Arbeitsforscher wie Gerhard Bosch, Vizepräsident des Gelsenkirchener Instituts für Arbeit und Technik (IAT), in der mangelnden Kontinuität bei der Aus- und Fortbildung. Eine jüngst veröffentlichte Studie des IAT zeigt, dass der Fachkräftemangel weitgehend hausgemacht ist. Seit Anfang der 80er Jahre sind in Teilarbeitsmärkten so genannte "Schweinezyklen" zu beobachten: Erst steigt der Bedarf in der Branche, dann wird verstärkt aus- und weitergebildet, nach einigen Jahren gibt es einen Überhang im jeweiligen Berufsfeld und dem folgt, dass die Ausbildungszahlen wieder sinken.

Das IAT untersuchte Arbeitsplätzeknappheit und Qualifikationslücken. Danach konnte bisher der Fachkräftemangel in der IT-Branche durch Mehrarbeit ausgeglichen werden. "Einige Arbeitsmarktpuffer sind längst ausgereizt. So wird sich die Arbeitszeit der Hochqualifizierten in Deutschland kaum noch steigern lassen", meint Bosch. Deutlich zu erkennen war das bisher bei Ingenieuren, Informatikern und Lehrern. Die Phasen von Über- und Minderangebot müssten durch ein neues Konzept in der Aus- und Weiterbildung vermieden werden. "Der Mangel an Kontinuität im bisherigen Ausbildungsverhalten der Wirtschaft wie des Staates ist standortgefährdend."

Die Anforderungen an die berufliche Aus- und Fortbildung ist aber auch keine leichte Aufgabe für Trainer und Dozenten. "Die Aus- und Weiterbildung muss zunehmend praxisorientierter werden", betont Bernhard Skrodzki von der Industrie- und Handelskammer Berlin. Das Lernen anhand betrieblicher Aufträge oder Geschäftsprozesse werde immer wichtiger. Das müssen Ausbilder und Prüfer vermitteln können. Gleichzeitig sei in der modernen Wirtschaft das Praxislernen im hohen Maß wissensgeleitet. Viele Prozesse könne man nur noch verstehen, wenn man sie zuvor auch theoretisch durchdrungen habe, meint dazu der Arbeitsforscher Gerhard Bosch.

Zunehmen werde in den nächsten Jahren die modulare Fortbildung für Arbeitnehmer mit akutem Professionalisierungsbedarf. Ebenso werde es weiterhin zahlreiche Qualifizierungen im IT-Bereich geben, da sich hier der Wissensstand rasant entwickele. Die Weiterbildungsunternehmen werden also wohl trotz ihres hart umkämpften Markts Arbeit haben und auch der Bedarf an kompetenten Trainern und Dozenten dürfte kaum weniger werden.

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