Gesundheit : Bildungsoffensive in Großbritannien: Das Ende der Gesamtschule

Kathrin Singer

Bildung ist das Thema in Großbritannien. Nicht nur unter den Experten. Man kann darauf wetten, dass jedes erste Gespräch mit den Nachbarn oder Arbeitskollegen nach nur wenigen Minuten zu der unvermeidbaren Frage führt, in welche Schule die Kinder gehen. Die Antwort gibt den Briten genauesten Aufschluss über unzählige Fakten: Wie klug das Kind ist, welche Ambitionen es hat, vor allem aber - und darum geht es in erster Linie - ob man in einer wohlhabenden Gegend wohnt, zur "Upper" oder "Middle" Klasse zählt oder eher um das täglich Brot kämpfen muss.

Eine Studie der Universität Warwick zeigt, dass Eltern sogar bereit sind, 20 Prozent mehr als den üblichen Preis für ein Haus zu bezahlen, wenn sie durch diesen Umzug in das Einzugsgebiet einer guten Gesamtschule kommen. Kein Wunder also, dass der Angriff der Labourregierung auf diesen Schultyp bei den Briten rege Diskussionen ausgelöst hat.

Der Premier Tony Blair selbst verkündete die große Idee, den Beginn der "Post-Gesamtschule-Ära", in der "jedes Jahr mehr für Bildung ausgegeben wird, um den Standard für die 80 Prozent der vernachlässigten britischen Kinder zu erhöhen". Danach sollen in den nächsten fünf Jahren 50 Prozent der Gesamtschulen zu Spezialschulen umgebildet werden. 1500 Schulen mit Spezialisierungen in Richtung Technologie, Sport, Wirtschaft, Technik, Sprachen oder Kunst soll es bereits im Jahr 2006 geben. Jede Gesamtschule kann sich um diesen Status bewerben. Voraussetzung ist, dass sie einen Dreijahresplan vorlegt, aus dem detailliert hervorgeht wie die Schule ihren Standard verbessern wird. Gelingt das glaubhaft, erhält die Schule einen Zuschuss von 100 000 Pfund sowie pro Schüler 123 Pfund extra. Eine kleine Hürde ist eingebaut. Das Konzept muss so überzeugend sein, dass die Schule auch in der Lage ist, die ersten 50 000 Pfund selbst zu mobilisieren. Schulen in ärmeren Gegenden werden bei der Suche nach Sponsoren durch Trusts unterstützt.

Die Idee ist nicht neu, die Ambitionen der Labour Partei sind bekannt. Gleich nachdem die Partei 1997 die Wahl gewonnen hatte, legte sie ein Diskussionspapier mit dem Titel "Exzellenz in Schulen" vor, durch das sich ein Gedanke zieht: Wir werden uns auf Standards konzentrieren, nicht auf Strukturen. In einem historischen Exkurs wird in dem Dokument dargestellt, dass in Großbritannien die Bildung großer Teile der Bevölkerung über viele Jahrzehnte sträflichst vernachlässigt wurde. Als Reaktion darauf wurde in den 50- und 60er Jahren das Gesamtschulsystem geboren, das Chancen für alle sichern sollte. Das jedoch, so argumentiert Labour heute, führte in vielen Fällen zu Uniformität. Das Streben nach hervorragender Ausbildung wurde oft als Elitedenken disqualifiziert. Alle einzubeziehen, ein Prinzip, das im Dokument weiterhin anerkannt ist, wurde zum Selbstzweck statt zum Mittel, die Fähigkeiten jedes Kindes rechtzeitig zu erkennen und zu fördern. Das soll von nun an passieren. Die Spezialschulen werden dabei als Schlüssel zum Erfolg gesehen. "Wir streben keine egalitäre Gesellschaft an, sondern eine, in der Leistungen gewürdigt werden", kommentierte Blair.

Das Projekt der Labourpartei kommt bei den Direktoren offensichtlich überwiegend gut an. Die "London School of Economics" (LSE) fand in ihren Befragungen jedoch heraus, dass es dafür einen einzigen Grund gibt: das Geld. Die Aussicht auf zusätzlich 500 000 Pfund (1,5 Millionen Mark) pro Schule im Lauf der nächsten drei Jahre ist höchst willkommen. Direktor Mark Hewlett sagt es frei heraus: "Wir gehen den Weg der Spezialschule, weil wir es nicht verantworten können, auf das angebotene Geld zu verzichten und unsere Kinder zu benachteiligen."

Bei genauerem Hinsehen wird man jedoch feststellen, dass die Reaktionen auf die Vorschläge der Regierung eher skeptisch ausfallen. John Dunford, Generalsekretär der Organisation der Gesamtschuldirektoren: "Ich bin enttäuscht und befürchte, dass dieses Programm ein Zweiklassensystem der Gesamtschulen schaffen wird. Es wird dazu führen, dass gute Schulen noch mehr Geld bekommen und sich die Schüler aussuchen können, während die restlichen Gesamtschulen mit weniger Geld und den Kindern zurechtkommen müssen, die nicht in Spezialschulen wollen oder sich nicht hineinkämpfen konnten."

Diese Befürchtung zieht sich durch die Kommentare vieler besorgter Eltern, die mit Recht fragen, was mit den 54 Prozent der Kinder im Land passiert, die in den Gesamtschulen bleiben. Von wem werden sie in Zukunft unterrichtet, da sich bereits jetzt abzeichnet, dass die Schulen mit besseren Lernbedingungen eher Lehrer rekrutieren können? Der Rest klagt dagegen über akuten Personalmangel.

Die Labourpartei wird sich durch diese Kommentare nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Schon jetzt zeigt sich, dass die Ergebnisse in spezialisierten Schulen zehn Prozent über denen der Gesamtschulen liegen. Das, so Margaret Tulloch, Vorsitzende der Kampagne für Staatsschulen, sollte zu der einfachen Schlussfolgerung führen, allen Schulen das notwendige Geld zur Spezialisierung zu geben.

Doch da liegt der Hund begraben. Labour kam mit dem Slogan "Bildung, Bildung, Bildung" an die Macht und musste schnell feststellen, dass die Erhöhung der Standards sehr kostspielig ist. Das Abwenden von den Gesamtschulen hin zu den Spezialschulen ist somit als eine Form der Rationierung zu werten. Das Geld wird nur demjenigen gegeben, der auch glaubhaft Resultate garantieren kann. Das nennt man pragmatisch, ein Wort, das Blair und "New Labour" wohl am ehesten charakterisiert. Jeder, der darauf gehofft hat, dass mit dem Sieg der Partei endlich ein gut finanziertes Gesamtschulsystem durchgesetzt und damit erstmals Chancengleichheit realistisch wäre, ist tief enttäuscht.

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