Gesundheit : Bildungspolitik: Die amputierte Priorität

Uwe Schlicht

Priorität für die Bildung: In welchen deutschen Ländern steht dieser Satz nicht in Regierungserklärungen oder Sonntagsreden? Aber in der öffentlichen Meinung gibt es offensichtlich eine gespaltene Bildung. Seitdem Schüler, Eltern und Lehrer auf die Straßen gegangen sind, und die Parteipolitiker der jeweiligen Opposition über Unterrichtsausfall und "vergreisende" Lehrerkollegien klagen, stehen die Kultusminister unter Druck. Wenn Studenten gegen die katastrophalen Verhältnisse an den Hochschulen auf die Straßen gehen, wird das hingegen allenfalls als Verkehrsverstopfung und Ärgernis zur Kenntnis genommen.

Entsprechend fallen die Geldzuwendungen aus: In vielen Ländern werden die Studienplätze nicht ausgebaut, sondern vernichtet und Stellen an den Hochschulen gestrichen. Die Schulen dagegen bekommen zusätzliche Gelder, um neue Lehrer einzustellen oder mehr Computer zu installieren. Mit anderen Worten: Die Priorität für die Bildung bricht spätestens mit dem Abitur ab. Was danach passiert, rangiert für die Politiker nicht unter einem Bildungsschlagwort, mit dem man Wahlkämpfe führen kann. Was für eine veraltete Position.

Typisch für diese Sicht ist die Regierungserklärung des neuen rot/grünen Senats in Berlin. Die Regierungserklärung listet differenziert Schulprobleme auf - von Hilfen für behinderte Kinder bis zu neuen Lehrerstellen und gipfelt in dem Satz: "Aber einen Bereich werden wir von Kürzungen verschonen. An der Bildung werden wir nicht sparen."

Studienplätze nicht erwähnt

Für die Hochschulen ging der neuen Regierung dann die Puste aus. Nicht einmal die 85 000 Studienplätze, die die Stadt zu garantieren hat, wurden erwähnt. Stattdessen heißt es: "Wir werden allerdings auch im Hochschulbereich, insbesondere in der Hochschulmedizin, strukturelle Sparpotenziale prüfen müssen." Daraus wurden nun145 Millionen, deren Einsparung Klaus Wowereit erzwingen will.

Warum ist eine solche Sicht von gestern? Schon längst sind die Studenten keine kleine elitäre Minderheit von fünf Prozent eines Jahrgangs. Heute wechseln nahezu 30 Prozent eines Jahrgangs an die Hochschulen. International geht der Trend in Richtung 40 Prozent. Deutschland hat Nachholbedarf bei den Akademikern. Das wissen die Politiker, aber sie ziehen keine Konsequenzen daraus. Was die Wissenschaftsminister auch an Argumenten vorbringen, schert die Finanzminister wenig. Nur wenn die Ministerpräsidenten hinter den Kultusministern stehen und die Priorität für eine umfassende Bildung vom Kindergarten bis zu den Hochschulen wirklich einfordern, sieht es anders aus. Baden-Württemberg ist so ein Land.

Spätesten heute muss man die gesamte Bildungspolitik im Blick haben: Eine Gesellschaft, die mehr und mehr Alte zu versorgen hat, kann es sich nicht mehr leisten, wenn die Jugendlichen ihre Bildungszeiten nahezu unbegrenzt ausdehnen und zu spät im Beruf starten. Das ist der Hintergrund, warum Langzeitstudenten für die Öffentlichkeit immer mehr zum Ärgernis werden.

Eigentlich müssten heute die Bildungszeiten vom Kindergarten bis zum ersten Hochschulabschluss durchgängig betrachtet werden. Wie auf einem Wunschzettel wird die Zukunft rosig ausgemalt: Die Deutschen sollen wieder mit 23 bis 25 Jahren den ersten Hochschulabschluss erreichen. Kinder dürften nicht mehr im Alter von sieben Jahren eingeschult werden, sondern wie früher mit sechs. Und die Schulzeit bis zum Abitur soll nicht mehr 13, sondern nur zwölf Jahre dauern.

Ein weiterer Wunsch: kürzere Studienzeiten. Zwar wollen die Kultus- und Wissenschaftsminister Bachelor- und Masterstudiengänge einführen - kein kombiniertes Bachelor-Master-Studium soll länger als fünf Jahre dauern. Aber das steht vorerst auf dem Papier. Wer kürzere Studienzeiten will, muss die Inhalte neu definieren und außerdem studienbegleitende Prüfungen wie in den USA einführen. Ohne diese Reformen bleibt es bei dem heutigen Zustand: Die Regelstudienzeiten, die für die Magister- und Diplomstudiengänge auf acht bis neun Semester gesetzlich festgeschrieben wurden, werden weit überzogen. Sechs bis sieben Jahre, die an den Hochschulen verbracht werden, sind an der Tagesordnung. In Berlin in mehreren Magisterstudiengängen sogar über sieben Jahre (15 Semester).

Warum das Studium so lange dauert, hat viele Gründe. Aber eines ist gewiss: Viele Schüler erleben die Massenuniversität als Schock. Das ist auch kein Wunder. Schulen sind trotz der in ihnen massierten 1000 Jugendlichen immer noch übersichtlich. Universitäten mit über 30 000 bis 40 000 Studenten sind es nicht mehr. Schulen sind deswegen überschaubar, weil an Gymnasien ein Lehrer auf 15 Schüler kommt - das jedenfalls ist der Bundesdurchschnitt. Nach dem Abitur wechseln die Jugendlichen an die Universitäten, und dort sind sie ganz anderen Gruppengrößen ausgesetzt: in Seminaren mit 150 Teilnehmern und Vorlesungen mit 600 bis über 1000 Hörern.

Im jüngsten Lehrbericht der Freien Universität wird das ganze Ausmaß der "Katastrophe Massenuniversität" deutlich, und zwar am Verhältnis der Studentenzahlen zu den Professoren: Wenn in bedeutenden Fächern auf einen Professor zwischen 140 und 219 Studenten kommen, muss man sich über verlängerte Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten bei den Studenten nicht wundern (siehe Tabelle).

An Professoren wird gespart

Bundesweit gilt heute ein Durchschnitt von einem Professor auf 43 Studenten. 1975 waren die Verhältnisse wesentlich günstiger: 29 Studenten kamen damals auf einen Professor. Zwei Jahre später wurden die Hochschulen für die Massen geöffnet, aber für die zusätzlichen Studenten nicht entsprechend mehr Personal eingestellt. Die Massenuniversität wurde geboren und kam in Verruf. Berlin hat in den vergangenen Jahren eine Milliarde Mark an den Hochschulen gespart und die Universitäten gezwungen, zwischen 20 Prozent und 40 Prozent ihres Professorenbestandes abzubauen. Die Folgen zeigt der Lehrbericht der Freien Universität.

Die deutschen Länder finanzieren aufwendige Tests, um zu erfahren, was in der Schule verbessert werden kann. Aber die Auswertung der Tests zieht sich hin - die Frage nach mehr Qualität wird von Jahr zu Jahr verschoben. Verkürzung der Bildungszeiten ist kein Wert an sich. Nur wenn sie mit Qualität verbunden wird, macht sie einen Sinn - an den Hochschulen wie an den Schulen. Als jetzt nach Sachsen und Thüringen das Saarland als erstes westdeutsches Land flächendeckend das Abitur in der zwölften Klasse eingeführt hat, war das ein Ereignis, obwohl so gut wie alle Länder sich in Schulversuchen auf das Abitur in der zwölften Klasse vorbereiten. Aber wie man in zwölf Jahren gleichzeitig die Naturwissenschaften und die Sprachen stärken und immer mehr Jugendliche zum weiterführenden Schulbesuch bringen will - die Antwort auf diese Frage schieben die Verkürzungsfanatiker vor sich her.

Zwölf Jahre bis zum Abitur erzwingen eine Verdichtung des Lehrstoffes. Zugleich wachsen die Leistungsansprüche: Der naturwissenschaftliche Unterricht muss intensiviert werden - das erzwingen die so negativen Ergebnisse der internationalen Tests der OECD unter dem Stichwort TIMSS. Mindestens zwei Fremdsprachen werden nicht nur vorverlegt, sondern sollten auch bis zum Abitur verpflichtend bleiben - das gebietet das neue, zusammenwachsende Europa.

Wie sehen die Konsequenzen aus? Kürzere Schulzeiten und mehr Leistung sind kaum mit einer sechsjährigen Grundschule zu vereinbaren. Und die Steigerung der Schülerzahlen, die bis zum Abitur durchhalten sollen, lässt sich kaum mit einer immer stärkeren Verdichtung bewältigen. Denn in die Schulzeit fällt die Pubertät, die manche für Jahre aus der Bahn wirft. Und wer die Bildungsexpansion bis auf 40 Prozent eines Jahrgangs betreibt, muss wissen: Diese Expansion wird auch Schüler erreichen, die den hohen Anforderungen nicht im Schnelltempo gerecht werden können.

Zu viele Verlierer

Ohne genügend Spielraum für Spätentwickler und das Wiederholen des Gelernten gibt es zu viele Verlierer der Bildungsexpansion und eine entsprechende Radikalisierung der Enttäuschten. Die Schulreform kann daher nicht ausschließlich auf ein Expressabitur nach zwölf Jahren setzen. Es darf auch keine Gymnasien erster und zweiter Klasse geben - die erste Klasse nach zwölf, die zweite nach 13 Jahren.

Das Fazit: Isolierte Betrachtungen in der Bildung führen in die Irre. Die Verkürzung der Bildungszeiten ist kein Wert an sich, erst wenn sie mit Qualität verbunden wird, ist ein Fortschritt in Sicht. Sonst bekommen wir - wie gehabt - wieder nur eine Organisationsreform. Wenn die Bildungszeiten insgesamt verkürzt werden, muss Schluss sein mit der getrennten Wahrnehmung von Bildung bis zum Abitur und Bildung im Studium. Es kann nur eine Priorität für die gesamte Bildung geben und nicht nur für Teilbereiche.

Und wer nach populistischen Muster nur an die Elite denkt, vergisst, dass Deutschland erst noch die Breite in der weiterführenden Bildung erreichen muss, die anderen Industrieländern schon heute einen Vorsprung verschafft hat. Neues Denken ist gefragt für eine Bildung vom Kindergarten bis zum ersten Hochschulabschluss.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben